„Ich doziere hier herum, obwohl ich eigentlich gar kein gelernter Vater bin. Das ist überhaupt eins der Dramen im Leben, dass man für alles eine Befähigungslizenz braucht, dass man einen Führerschein braucht, eine Lehre muss man für alles Mögliche machen nur für das wirklich Wichtige im Leben, das Schwierige, das Kinder-aufziehen, das soll man einfach so können. Das wird als bekannt vorausgesetzt und … dann steht man da … mit seinem Talent.“ R. Mey
Über 5 Talente, die alle Eltern brauchen!

WIR MACHEN DAS MAL GANZ ANDERS

Reinhard Mey drückt in diesen Eröffnungssätzen für einen Konzertabend des Albums „Mein Apfelbäumchen“ (große Empfehlung übrigens für alle Eltern kleinerer bis mittlerer Kinder) etwas aus, das nicht nur ich mir schon lange denke, sondern wahrscheinlich viele andere Menschen auch.
Wie kommt es bloß, dass wir so überzeugt sind, Elternschaft brauche keine bewusste Auseinandersetzung, dass alles um dieses Thema intuitiv stattfinden kann und dass (fast) jedes werdende Elternpaar (= Erwachsene ohne Kinder) sich denkt: „Ja, klar. Diese Eltern. Alle irgendwie komisch. So empfindlich, übertrieben, alles ist ein Problem. Pff, bei uns wird das bei uns mal ganz anders laufen.“

NACH DER GEBURT IST VOR DEM LEBEN

Versteh mich richtig: ich finde Leichtigkeit, Unvoreingenommenheit und eine gute Portion Positivität und Glaube an die eigenen Fähigkeiten nicht nur richtig und wichtig, sondern ehrlich notwendig für einen halbwegs glücklichen Start in den neuen Lebensabschnitt als Eltern. Und selbst bei der besten Einstellung, theoretischer und praktischer Ausbildung und Wissen rund ums Kind ist „selber Kinder zu bekommen“ ein eigenes Kapitel. Fast alle Eltern, die das erste Kind erwarten, bereiten sich auf die Geburt vor: Geburtsvorbereitungskurs, Akkupunktur, Teemischungen, Öle, Dammmassage, Gymnastik, Vorsorgeuntersuchungen, Hebammengespräch … alles mögliche wird unternommen für ein Ereignis, das eventuell nur wenige Stunden, hardcore-mäßig vielleicht nach ein paar Tagen vorbei ist. Und dann?

HINTER VERSCHLOSSENEN TÜREN

Nach dem EGT, dem errechneten Geburtstermin herrscht oft im Kalender gähnende Leere. Man weiß ja nicht, wann das Kind genau kommt, da muss man sich die Zeit frei halten. Diese Leere ist aber auch bezeichnend für die Planlosigkeit, die einen dann überfallen kann, wenn das kleine, bezaubernde Wesen erst mal geboren ist. Vorstellung und Wirklichkeit mögen im besten Fall eine große Übereinstimmung erfahren, doch ich hab noch nie von einer Mama gehört: „Ja, alles genau, wie ich es mir vorgestellt hab!“ Eher sehr häufig das genaue Gegenteil:

„Warum hat mir niemand gesagt, wie das wirklich ist?
War das bei euch auch so? Das bekommt man ja gar nicht mit!“ 

Frischgebackene MÜTTER beim ersten Kind

Ja, Elternschaft passiert ganz viel hinter verschlossenen Türen.


DIE ROLLE DEINES LEBENS

Die durchwachten Nächte, die man wippend mit dem Kind auf dem Arm im abgedunkelten Schlafzimmer auf und abgeht. Die Schreiphasen am Abend, weil der Tag für das Baby schon zu lang war, die Verdauung sich grad wieder mal umstellt oder tausende neue Impressionen des Tages verarbeitet werden wollen und das nur über das Ventil Schreien abgelassen werden kann. Die unfassbaren Wäscheberge, das wieder mal kalt gewordene Essen, das man „genießt“, der eintönige Alltag, oft den ganzen Tag kein „erwachsenes“ Gespräch führen. Man braucht besondere Talente, um diese neue Rolle des Lebens gut spielen zu können.

Und nein, es geht nicht um Schauspielkunst, obwohl ein Stück davon auch manchmal nicht schaden kann ;-).

TALENT 1: BEOBACHTEN

Wie lernt man am schnellsten und besten etwas kennen, was neu ist? Durch beobachten. Das gilt auch für Eltern. Übrigens nicht nur für frisch gebackene, auch erfahrene Eltern tun sich einen Gefallen, wenn sie sich mal öfter in die Rolle der Beobachterin begeben. Nur durch Beobachten kann man Informationen darüber erhalten, wie es dem Kind geht, was es vielleicht braucht oder nicht, wo grad das Interesse liegt, was es ärgert, begeistert, frustriert, fasziniert oder freut. Für dieses Talent braucht man vor allem geschärfte Sinne und viel Ruhe. Wache Augen, hellhörige Ohren, ein geschultes Näschen, feinfühlige Hände, sensible Geschmacksnerven und vor allem: ein offenes Herz. 

Dieses Talent leidet besonders, wenn viel los ist, wenn der Alltag laut und vollgepackt ist, wenn wir abgelenkt sind (von Bildschirmen) oder übermüdet, gestresst und unter Druck. 

TALENT 2: WAHRNEHMEN

Ist das nicht dasselbe wie beobachten? Nein, ich finde nicht ganz. Denn im Wort steckt schon der wesentliche Unterschied drinnen. Dass man etwas für “wahr” annimmt. Und zwar das, was man zuvor beobachtet hat.
Das heißt soviel wie: “Das Baby schmatzt mit den Lippen – es hat Hunger!” Statt zu sagen: “Das gibt’s doch nicht, ich hab doch eben erst gestillt, das kann nicht sein, dass es hungrig ist.” ODER: Das Kind haut und beißt das Geschwisterkind beim Aufteilen der Schokoladeneier – es ist frustriert” statt “Ich hab euch doch genau gleich viele gegeben, wie kannst du da beleidigt sein und einfach die Schwester beißen?”
Wahrnehmung heißt, dass es für diese Person wahr ist, was sie empfindet, sonst könnte es auch falschnehmung heißen. Es bedeutet, dass ich meinem Gegenüber (egal ob Baby oder Erwachsenen) SEINE oder IHRE Wahrnehmung zugestehe und sage: “Aha, so ist das also gerade für dich!” Das bedeutet nicht, dass ich es verstehen oder gut finden muss. Aber zu sagen: das stimmt nicht, dass du dich so fühlst …. du merkst schon beim Lesen des Satzes, dass das gar nicht geht.

Dieses Talent leidet besonders, wenn wir sehr von uns selbst eingenommen sind, uns schlecht auf die Realität des anderen einlassen können und nur mangelhaft zur Empathie fähig sind. 

TALENT 3: INTERPRETIEREN 

Hier kommt der kniffelige Teil für alle Eltern, deren Kinder sich noch nicht (ausreichend) sprachlich ausdrücken können. Deren Bedürfnisse oft überlebensnotwendig sind und eine exakte und prompte Befriedigung brauchen. Gar kein Druck, merkst du schon, nicht wahr? *ironieoff*
Wie soll man das jetzt sofort wissen, was das Baby braucht, wenn es unruhig ist oder schreit?
“Das weiß man als Mutter, sie weinen ganz unterschiedlich!” hab ich öfter als einmal gehört und dieser Satz ist schlichtweg Müll. Keine Mutter dieser Welt “weiß” das von der ersten Sekunde an. Und man lernt es. Indem man beobachtet und wahrnimmt und dann die Signale interpretieren lernt. Senkrechte Stirnfalten bei Babys bedeuten z.B. Anstrengung bis Überforderung, halb zufallende Augen bedeuten Müdigkeit, die Muskelanspannung ist ebenfalls aussagekräftig. Doch auch später braucht man dieses Talent. Wenn sich das Kind zurückzieht und wenig spricht: hat es Sorgen oder Ängste oder braucht es einfach nur Ruhe und Erholung? Wenn man aber nachfragen und mit dem Kind sprechen kann, wird es schon leichter für Eltern, weil wir uns “rückversichern” können, ob wir mit der Interpretation richtig liegen.Von der “schweren zur leichten” Aufgabe lautet es also auch hier für Eltern. Und das ist zach.

Dieses Talent leidet besonders, wenn zu viele Menschen uns von außen beeinflussen, dreinreden, die Impulse der Eltern stören und die Intuition verwundet ist.

TALENT 4: BEANTWORTEN

Damit ist nicht nur eine sprachliche Reaktion gemeint, sondern jegliche Handlung, die not-wendig ist, also die Not des Kindes wendet. Wenn man genau beobachtet, wahrgenommen und richtig interpretieren konnte, dann ist das Beantworten oder Reagieren auf die Bedürfnisse eines Säuglings oft der einfachere Teil. Meiner Meinung nach wird dieser Teil schwieriger und komplexer, je älter Kinder werden. Ganz einfach, weil es im ersten Lebensjahr hauptsächlich um essen, schlafen, tragen, pflegen und nah sein geht, wenn wir Bedürfnisse mit oder für die Kleinen regulieren. Danach wachsen nicht nur die Wünsche, Bedürfnisse und Träume der Kinder sondern auch sie selbst. Und manchmal uns über den Kopf. (Hier ist es bald so weit 😉 und ich freu mich drauf!) 

Dieses Talent leidet besonders, wenn wir in unseren Möglichkeiten und Ressourcen begrenzt sind, wenn wir wenig Unterstützung bekommen oder sehr enge Vorstellungen haben, wie wir handeln dürfen oder sollen, wenn wir uns also selbst begrenzen. 

TALENT 5: LOCKER BLEIBEN

Das ist genau so ernst gemeint, wie die ersten vier Talente. Es braucht Übung, es braucht Wiederholung, es braucht Erfahrung und es braucht Zeit, damit man als Eltern locker werden und bleiben kann.

  • Weil man am Anfang und beim ersten Kind halt alles besonders gut machen mag.
  • Weil man am Anfang halt so neu ist, dass die Unbeschwertheit fehlt (muss aber nicht sein!!).
  • Weil man am Anfang niemals weiß, wie es ausgeht, ob das eigene (Fehl-)Verhalten jetzt gut tut oder sehr viel “Schaden” anrichtet und wann das überhaupt wieder anders wird.

So geht’s den allermeisten Eltern und es hilft auch kein tröstender Spruch “… das wird schon wieder!” von der klugen Großtante oder ein “… mach dir nicht so viele Sorgen!” von der Nachbarin, wenn das eigene Drama grad den Höhepunkt erreicht. Vielleicht magst du dir den einen Satz mitnehmen: Anspannung und Druck führen selten zu guten Entscheidungen und Kinder halten oft viel mehr aus, als wir glauben. So lange du mit deinen Sinnen dabei bist, dein Herz offen ist und du deine Ansprüche nicht zu hoch anlegst, wird es gut genug sein. Denn:

Dieses Talent leidet besonders, wenn die Erwartungen überhöht sind, idyllische Bilder erzeugt werden wollen oder man in stark vergleichendes und konkurrierendes Denken verfällt. Und, wenn der Schlafmangel groß und die Unterstützung klein ist. 

POTENZIALENTFALTUNG

Eltern brauchen viele Talente. Im Lauf eines langen Elternlebens reicht das weit über das hier Genannte hinaus, doch diese paar bleiben mitunter die Wichtigsten und Wesentlichsten. Für alles andere hat man auch wesentlich mehr Zeit, um sie zu entfalten und entwickeln. 

Auch wenn man dann immer noch keine Befähigungslizenz braucht und Elternbildung immer noch ein “KANN” oder “nice-to-have” ist, wo sie doch – besonders dort, wo sie gar nie konsumiert wird – so dringend benötigt wäre. Verpflichtende Elternkurse? Ach, nicht so mein Fall. Doch das Bewusstsein erhöhen, dass Elternsein nicht etwas ist, was man einfach so “kann”, das darf doch deutlich erhöht werden. Es braucht die Botschaft, dass es nicht die “schlechten, unvollkommenen” Eltern sind, die Elternbildungsangebote nützen und dazu lernen wollen, sondern meiner Meinung und Erfahrung nach genau umgekehrt: die besonders bemühten, reflektierten, kritischen, selbstbestimmten und bewussten Eltern sind es, die bei mir aufschlagen.

  • Die, die eh schon recht viel recht gut machen. 
  • Die, die ohnehin oft schon ihr ganzes Herz eingesetzt haben.
  • Die, die sich immer wieder hinterfragen und entwickeln, auch wenn’s den Kindern gut geht.
  • Die, die Elternbildung auch als Persönlichkeitsbildung begreifen.
  • Und die Chance nutzen, mit und an ihrer Rolle zu reifen, zu wachsen, zu lernen und die ihre Talente und Potenziale auch hierbei zur Entfaltung bringen wollen.

Falls das ein kleines Plädoyer für Elternbildung war, dann tut es mir nicht Leid.

Ich brenne für diese Arbeit, ich mache sie leidenschaftlich gern und ich freu mich über jede Person, die einmal oder öfter oder immer wieder das Herz in die Hand nimmt und dieser Tätigkeit, dem Eltern-sein die Bedeutung und Wertschätzung gibt, die es braucht. VIEL. MEHR.
Wir begleiten hier die Erwachsenen von morgen, die Entscheidungsträger, Gestalterinnen und Zukunftsmacherinnen.

Für sie sollten wir diese Talente auspacken!


Plötzlich MAMA!
Ein Online-Kurs der MAMAkademie für Frauen, die ihr erstes Kind erwarten – UND deren Partner!

Weil niemand unvorbereitet in das größte Abenteuer des Lebens stolpern muss 😉 !