Der Küchentisch ist heut Morgen wieder nur von einem Kind besiedelt, zwei Drittel sind ausgeflogen. Was hier immer öfter vorkommt. Mehr und mehr eigene Pläne und Orte, wo sie ihr Leben genießen, unser Zuhause: manchmal nur mehr die Homebase zum Gewand wechseln und kultivieren. 
18 Sommer haben wir mit unseren Kindern (so las ich es bei Ellen Girod), wo wir die Verantwortung für sie tragen. Wenn uns so viel Zeit zusammen gegönnt ist. Warum wir sie nutzen, genießen, auskosten sollten.

IM RÜCKSPIEGEL BETRACHTET

Ich bin jung Mama geworden. Mit gerade mal 24 Jahren hab ich unser erstes Kind geboren und mich selbst als Mutter dazu. Die Kombination aus fast jugendlicher Unbeschwertheit und sorgloser Selbstverständlichkeit war im Rückspiegel betrachtet ein Glücksfall. Und doch hab ich so jung schon sehr genau gewusst, wie ich mir das mit dem „Kinder haben“ vorstelle. Geprägt von meiner eigenen Geschichte im Oberbuch’schen Bullerbü.

DEMUTSÜBUNG DES LEBENS

Hingabe. Das ist eins der ersten Dinge, die es braucht, wenn man Kinder bekommt. In unzähligen Geburtsgeschichten, war der Moment der Hingabe der, wo die Geburt wirklich losging, wie ich gehört habe. Du gibst dich selbst auf und darfst komplett ins Vertrauen gehen, dass alles, was hier passiert, hoffentlich gut gehen wird. „Mutter werden ist die größte Demutsübung, die es gibt!“ hat eine sehr kluge Frau mal zu mir gesagt. Ich stimme ihr zu.

DAUER DER VORSTELLUNG UNBEKANNT

Wenn dann die durchwachten Nächte hereinbrechen, Brechdurchfälle und gippale Infekte sich die Klinke in die Hand geben, der Haushalt einem jeden Tag noch mehr über den Kopf wächst und um sieben Uhr morgens schon das gefühlt tausendste „MAAAAMMAAAA!“ durch die Wohnung dröhnt, scheint die Zeit wie eingefroren zu sein. Man sitzt in seinem ganz persönlichen Horrorfilm und weiß nicht, wie lang die Vorstellung noch dauert.

WIR SCHAUEN VORBEI

„Kinder dürfen keine Ausrede sein, etwas im Leben nicht zu machen! Das möchte ich ihnen später nicht vorwerfen müssen!“ hab ich kürzlich gehört und die Aussage trifft mich ins Herz. Weil sich darin ein klein wenig der Wert der Kinder in dieser Gesellschaft wiederspiegelt. Wir gaukeln vor, wie wichtig sie sind, tönen „Kinderbetreuungsplätze für alle“ und verlieren meist komplett aus den Augen, um wen es hier eigentlich geht. Und welche Chancen wir verpassen, wenn wir so denken.

18 SOMMER IS ALL WE HAVE

Nein, man muss nicht auf alles verzichten, wenn man Kinder hat. Da bin ich glasklar. Mir erschließt sich der Wert von mehrstündigen Wandertouren mit Säugling im Tragetuch halt nicht. Und so manche andere Sachen, die mir neuerdings wiederkehrend unterkommen. Wann ist es bitte so unpopulär geworden, Zeit für die eigenen Kinder zu haben und die Elternkarenz für alles mögliche zu nützen, nur nicht dem Kind zu widmen? Wir schhhschen sie bei Videokonferenzen, nehmen ihre Signale nicht wahr und schieben sie beiseite, weil wir so beschäftigt sind. Wir verhalten uns, als könnten wir all das später nachholen. Aber wir haben nur 18 Sommer. Manchmal vielleicht sogar weniger.

Wir sollten …

  • … mit ihnen Musik aufdrehen und laut dazu singen.
  • sie mit pubertären Launen aushalten und daran Gelassenheit trainieren.
  • sie mit mildem Blick anschauen, wenn was daneben gegangen ist.
  • die 5 in Bio entspannt hinnehmen, weil sich die Erde sowieso weiter dreht.
  • sie ermutigen, das mit dem Skateboard doch noch mal zu versuchen.
  • ihnen zuhören, wenn sie uns vom Leben erzählen.
  • sie fragen, ob sie heute mal gelacht haben.
  • uns interessieren, was denn gerade in ihrem Kopf vorgeht.
  • mit ihnen feiern! JEDEN TAG! Weil es jeden Tag was zu „feiern“ gibt – im Sinn von: darüber hab ich mich heute gefreut!
  • am Boden mit ihnen spielen und die Welt aus ihrer Perspektive sehen.
  • uns verzaubern lassen von ihren phantasievollen Ideen und Gedanken.
  • sie sehen, wie großartig sie sich dieser verrückten Welt entgegenstellen.
  • sie umarmen, drücken, abknutschen, streicheln, halten. Und aushalten.
  • denken, dass sie schon gut sind, so wie sie sind.
  • ihnen lernen und zeigen, wie wichtig sie uns sind.
  • mit ihnen Bettkantengespräche führen und dabei unsere Verbindung spüren.
  • den Haushalt stehen lassen und mit ihnen im Garten toben.
  • die Videokonferenz unterbrechen, wenn sie zur Tür rein kommen und uns brauchen.
  • sehen, wie sehr sie unser Leben bereichern, nur durch ihre Existenz.
  • jeden Moment schätzen, der uns mit ihnen gegönnt ist.

Dies ist der achtzehnte Sommer mit unserem ersten Kind. Rein rechtlich ist sie im Herbst eine unabhängige Erwachsene, die uns nicht mehr braucht. Natürlich bedeutet das kein Ende des Kontakts. Wir hoffen, dass „DAHOAM“ immer noch und noch lange ein Ort ist, wo sie gerne lebt und immer wieder zurück kommt. Um aufzutanken, loszulassen, einzukehren und sich zu verbinden

Wie endlich unsere gemeinsame Zeit ist, haben wir oft zu wenig am Radar.
Einerseits ist es gut, andererseits eine Schande.
Weil wir Gelegenheiten verpassen, die nie mehr wiederkommen.

Weil das Glück in Momenten zu finden ist.
Weil es die Beziehungen zueinander sind, die unser Leben reich machen.
Und das Leben überhaupt lebenswert.

Wie viele Sommer hast du hoffentlich noch? Schreib mir in die Kommentare, was dir bei dem Gedanken durch den Kopf geht, wenn du magst …

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