8 Regeln für den Wochenbett Besuch

8 Regeln für den Wochenbett Besuch

Das magische Erlebnis, wenn ein Baby geboren wird, zieht naturgemäß viele Menschen an, die sich mit der frisch gebackenen Familie und dem neuen Erdenkind freuen. Am liebsten möchte man so bald wie möglich, das putzige Kindchen anschauen und besuchen kommen, Wünsche und Geschenke überbringen und zeigen, wie sehr man sich mitfreut.

Die Sache hat nur einen Haken: genau das können die Mütter und Babys nicht gut gebrauchen. Worauf du als Besucher:in bei einem Neugeborenen achten solltest, welche hilfreichen Ideen es zu berücksichtigen gilt und was Flitterwochen für Mama und Kind sind, liest du hier in diesem Beitrag.

DAS WUNDER GEBURT

Als meine Schwester ihr erstes Kind zur Welt brachte, überrollte mich eine Welle der Freude und des Mitgefühls und auch ein bisschen Stolz. Ein neues Leben ist immer ganz viel Zauber, bringt Dankbarkeit wenn alles gut gegangen ist und lässt uns immer wieder spüren, was für ein großes Wunder so eine Geburt in Wirklichkeit ist. 

DIE EXZESSIVE PARTY

Dass man diese Freude teilen möchte ist völlig natürlich. Hier werden traditionell Störche aufgestellt, Babykleidung, Luftballons und Ähnliches drapiert und auf das Baby und die Mutter freudig mit einem Gläschen angestoßen. Das eine oder andere Mal soll so eine Babyparty auch schon exzessiv und ausgelassen gewesen sein. Schlafende Männer in der Sandkiste, einer springt vom Balkon – du kennst vermutlich auch ähnliche Geschichten. 

FLITTERWOCHEN NEU GEDACHT

Wie ohne Mutter und Kind gefeiert wird, ist mir an dieser Stelle relativ egal. Doch dieses neue Duo braucht besonders in den ersten Wochen einen gut geschützten Raum. Es ist eine Erleichterung, wenn sie diesen Raum nicht ständig selbst abstecken müssen – weil das nicht nur anstrengend und mühsam ist, sondern auch beizeiten furchtbar unangenehm sein kann. 

Da der Begriff „Wochenbett“ für viele Menschen wenig griffig ist, sag ich gern: „Flitterwochen“ für Mutter und Baby. Flitterwochen waren mal eine Zeit, in der frisch vermählte Paare sich besser kennenlernen konnten. Nachdem sich viele Paare heut schon gut kennen, bevor sie heiraten, haben sie heut meist eine andere Bedeutung. Ungestört das eigene Glück genießen, sich abkapseln vom Rest der Welt, einen intimen Raum schaffen und ganz viel Bindung entstehen lassen. Auf das Wochenbett, das im übrigen etwa sechst Wochen (!!) dauert, trifft die alte UND die neuere Beschreibung perfekt zu.

DO’S & DONT’S FÜR FLITTERWOCHEN

Niemand würd im Traum darauf kommen, ein frisch getrautes Ehepaar in den Flitterwochen dauernd anzurufen, zu besuchen, nachzufragen, wie es ihnen geht, sie mit Geschenken im Urlaub zu überraschen oder ihnen ungefragt Tipps aus der eigenen Beziehung aufs Aug zu drücken. Also tun wir es nicht. Und genau das brauchen auch eine Mama und ein Papa mit ihrem Neugeborenen. Flitterwochen. Viel Ruhe. Vertrauen. Und wenn schon Unterstützung und Zuwendung, dann diskret und zurückhaltend wie das professionelle Personal eines ****s- Hotels im Honeymoon.

Darum gibt’s jetzt 8 Tipps, die du beherzigen solltest, falls du einen Babybesuch machst:

  1. Einladungs-Regel
    Komm niemals, wenn du nicht eingeladen bist. Lass der Familie Zeit, warte ab und besuche nur die Frauen, die entweder Familie oder wirklich engste Freundinnen sind! Auch wenn das schwer auszuhalten ist vor lauter Freude: DEINE Bedürfnisse sind weniger wichtig als die der Wöchnerin und des Baby’s! Und die brauchen vor allem: Ruhe und Zeit.
  2. Flexibilitäts-Regel
    Wenn Besuch vereinbart ist und Baby oder Mutter sind dann sehr unentspannt – bleib flexibel und geh wieder heim, auch wenn du grad erst gekommen bist. Sag: „Ich glaub, ihr braucht jetzt gerade Ruhe und ungestörte Zeit. Ich komme gern ein anderes Mal wieder.“ Babys lassen sich nicht planen – in ihrem Verhalten und sowieso – und so solltest auch du flexibel bleiben und nicht erst darauf warten, dass du hinaus geworfen wirst. Das ist unfassbar unangenehm für die Mutter. Gerade bei engsten Freunden und Familie. Und auch die können stressen.
  3. Streichelzoo Regel
    Ein Baby ist kein Streichelzoo. Nur weil es sich nicht wehren kann, bedeutet es nicht, dass man es angreifen darf, wie man möchte! Anschauen mit Abstand ist okay. Wenn dir die Mutter oder der Vater anbietet, es zu halten – dann sag zum Baby: „Darf ich dich halten?“ Und auch wenn es nicht antwortet, wird es zeigen, falls es nicht einverstanden ist. 😉
  4. Geschwister-first Regel
    Falls ältere Geschwister da sind: begrüße sie zuerst, sprich mit ihnen. Frag sie, wie es ihnen geht. Nichts kränkt Erstgeborene oder Mittlere Kinder mehr, wenn „nur noch“ das Baby im Mittelpunkt steht und sie übersehen werden. Dem Baby hingegen ist egal, wenn du zu ihm als letztes gehst.
  5. Heimgeh Regel
    Denk daran, deinen Besuch kurz zu halten. Es ist schwer, konkrete Zeitangaben zu machen – auch eine Stunde kann zu lang empfunden werden. Bleib aufmerksam und beobachte Mutter und Baby. Wenn das Baby viel weint, die Mutter gestresst wirkt und du nicht hilfreich sein kannst, geh. Besser früher als später.
  6. Namnam Regel
    Viele Mütter freuen sich über essbare Mitbringsel. Der Nährstoffverbrauch stillender Mütter ist hoch und besonders gesunde und wertvolle Nahrungsmittel sind willkommen. Gerne auch den Kuchen und Tee selbst mitnehmen, damit die Familie keine Arbeit mit dir als Besuch hat. Du kannst auch einfach nachfragen, womit du eine Freude bereiten kannst. Das Netz bietet ebenfalls Rezept Ideen für Wöchnerinnen – frag einfach Mrs. Google.
  7. Support Regel
    Übernimm eine kleine Tätigkeit im Haushalt während du da bist. Du kannst das Baby nicht stillen und meist nicht besser beruhigen als die Eltern, also mach dich anders nützlich. „Sag mir, was ich tun kann, um zu helfen!“ … und wenn du neben dem Quatschen den Geschirrspüler ausräumst oder Wäsche zusammenlegst oder dem älteren Kind ein Buch vorliest, sind alle am Ende zufriedener.
  8. Ohren-auf-Mund-zu Regel
    Gute Wochenbett-Besucher:innen hören hin, interessieren sich und geben nur Tipps ab, wenn sie ausdrücklich gefragt werden. Fast alle Mütter sind angetriggert, wenn es um das Thema Geburt und Stillen geht und wollen ihre eigenen Erfahrungen wieder und wieder erzählen. (Das zeigt, dass wir alle psychologische Betreuung nach Geburten vertragen würden). Du hilfst der jungen Familie am meisten, wenn du mit offenen Ohren und offenem Herzen da bist und dich so wenig wie möglich einmischt. Jede Familie ist anders und macht unterschiedliche Erfahrungen. Deine Erfahrung ist gut und richtig. Die der anderen Familie auch. Punkt.

Mancher dieser Tipps klingt für dich jetzt vielleicht hart und zu krass. Ich finde allerdings, dass die neue Mutter-Kind-Dyade besonders schützenswert ist und deren Bedürfnisse oberste Priorität haben. 

Warum? Weil diese ersten Tage, Wochen und Monate entscheidend sind für die Entwicklung einer soliden Bindung, für den ersten Beziehungsaufbau und das gegenseitige Kennenlernen. Und das braucht es bei JEDEM Kind neu – egal ob beim ersten oder fünften Kind. Allen Beteiligten ist geholfen, wenn diese Zeit störungsfrei und sicher erlebt werden kann. Wir sollten diese Frauen wie Königinnen behandeln, ihnen so viel wie möglich abnehmen und alles unternehmen um eine gute Bindung zum Kind zu garantieren. Das bestätigen übrigens die Schwestern auf Geburtenstationen während der C-Zeit, wo kein Besuch erlaubt war: allgemein deutlich weniger Probleme. Es ist eine Zeit des Teilens und Zusammenwachsens. Das braucht Ruhe, Geduld, Vertrauen und eine unterstützende Umgebung. 

Und wenn es dann passt, gibt es für beide Seiten nix Schöneres, als die Freude über das Wunder des Lebens zu teilen und sich verzaubern zu lassen von der besonderen Aura eines Babys. 

Hast du auch noch einen Tipp oder Wunsch, den Besucher:innen beherzigen sollten?
Dann füge das gern in einem Kommentar hinzu – so wird es eventuell eine vollständige Sammlung!

Bildquelle: Pixabay

Das Familienmobile

Das Familienmobile

Warum sind wir innerlich aufgewühlt, wenn Konflikte in Familien hochkochen, warum lässt uns ein Geschwisterstreit nicht einfach kalt und welche Dynamiken wirken in Familien?
Familien sind komplexe Systeme, die Mitglieder sind alle miteinander verbunden und es gibt unterschiedlichste Zusammenhänge, was die Beziehungen angeht. Über systemische Ordnung in Familien, geschriebene und ungeschriebene Gesetze, die auf uns wirken und der Versuch, das mit einfachen Bildern zu erklären.

BRÜDERSCHAFT UNTER ERSCHWERTEN BEDINGUNGEN

Alle Welt blickt dieser Tage auf die Prinzen des englischen Königshauses: William und Harry. Nach heftigen Vorwürfen und Anschuldigungen im Rahmen eines Fernsehinterviews bei Oprah Winfrey hing der Haussegen wohl mehr als schief, es gab – laut den immer wachsamen Beobachtern der Royals – wohl dicke Luft und viel, viel Ärger zu verdauen. Dieses Wochenende werden sie am Begräbnis ihres Opas, Prinz Philipp, unter den Augen der Öffentlichkeit die Last dieses Konfliktes schultern und jede Regung wird Anlass für Spekulationen sein, ob sie sich nun versöhnt haben, oder nicht. Man kann darüber denken, wie man will. Das ist jedenfalls definitiv Brüderschaft unter erschwerten Bedingungen. Dazu hat mich auch Barbara Rohrhofer diese Woche befragt, im Auftrag der OÖN – hier kannst du’s nachlesen!

AMATEURKLASSE DER KONFLIKTLÖSER

Geschwisterstreit und Konflikte zwischen Eltern und Kindern kommen aber in den besten, wenn nicht in jeder Familie vor. Warum? Weil wir Menschen nun mal verschieden sind und Konflikte nichts anderes ausdrücken, als dass einer eben andere Bedürfnisse und Wünsche hat, als die andere und wir gefordert sind, diese dann auf respektvolle Art zu schaukeln. Also Konflikte sind per se jedenfalls nichts Schlechtes, sondern einfach Ausdruck von Unterschiedlichkeit. Unsere Strategien mit Unterschiedlichkeit umzugehen sind es, die das ganze Thema oft so leidvoll, verletzend und kränkend machen, weil wir nie richtig gelernt haben, über Bedürfnisse und Gefühle ordentlich zu sprechen, uns darüber klar ausdrücken können und wenn doch, dann trotzdem oft zu wenig Übung darin haben und eher in der Amateurklasse der Konflikte kämpfen als in der Profiliga.

AUF GEDEIH UND VERDERB AUSGELIEFERT

Was aber nun in Familien anders ist, als zwischen den meisten anderen Menschen, mit denen wir auch manchmal Konflikte austragen, wie Arbeitskollege, Chefin oder Nachbarin, ist folgendes. In Familien bestehen besondere Verbindungen – naja, das ist ja jetzt keine große Überraschung – durch die Bindung, die im engen Kontakt miteinander aufgebaut wird. Besonders unter Geschwisterkindern (und Ehepartnern) gibt es eine Nähe und Vertrautheit, die nicht immer als wohltuend und angenehm empfunden wird. Nämlich besonders dann, wenn diese Nähe verwendet wird, um den anderen genau da zu verletzen, wo es ihm oder ihr am meisten weh tut. Und das weiß man sowohl als Geschwisterkind, als auch als langjährige Ehepartnerin. Was Geschwister allerdings von Ehepartnern nochmal unterscheidet, dass sie sich dieses enge Verhältnis nicht freiwillig ausgesucht haben, sondern von den Eltern quasi auf Gedeih und Verderb einander ausgeliefert sind. Die Liebe zueinander ist nicht natürlicherweise gegeben!

WENN BEWEGUNG INS MOBILE KOMMT

In meinen Workshops erkläre ich diese Verbundenheit und die damit einhergehenden Dynamiken gern anhand eines Mobiles. Mobile, du weißt schon: süße, wackelige Dinger, wo sich Schnüre verheddern können, die wir den Babys gern über die Wiege hängen zur Unterhaltung.

Also. Mobiles mit den daran hängenden Gegenständen gleichen im systemischen Weltbild Familien (und anderen sozialen Gefügen, wie Freundeskreis, Großfamilie, Verein, Arbeitskolleginnen,…) in verschiedenen Gesichtspunkten. Ein Familienmobile entsteht, wenn ein Paar eine Beziehung eingeht. Neue Beziehungen sind immer ein wenig aufregend und wichtiger als das Alte und Bekannte, es gibt viel Bewegung, also Dynamik, jeder findet erst nach und nach seinen Platz und seine Rolle. Wie wenn man auf einem Mobile eben etwas oder jemanden „dazu hängt“. 

AUF DER SUCHE NACH HARMONIE

So kann man grundsätzlich festhalten: Familienmitglieder verhalten und fühlen sich wie die Teile eines Mobiles. Wenn Leben dazu kommt (ein Kind geboren wird), wenn jemand das Mobile verlässt (wenn jemand verstirbt), viel Wirbel macht, oder ein neues „Mobile = Familie“ gründet, können die restlichen Personen in der Gruppe gar nicht anders, als zu reagieren. Sie müssen sich mitbewegen und sind beeinflusst von dem, was andere Menschen im selben Mobile machen. Zumindest ist es enorm energieaufwendig, wenn man versucht, nicht „mitzuschwingen“, dagegen zu halten oder keine Notiz von der Dynamik zu nehmen. Ein Mobile, wie eine Familie oder ein anderes systemisches Gefüge, strebt grundsätzlich nach Harmonie. Das heißt: mit etwas Zeit und wenig Störung von außen werden die Erschütterungen weniger und die Menschen kommen zur Ruhe.

OB WIR WOLLEN ODER NICHT

Wie zeigt sich das in der Praxis? Wenn ein Kind geboren wird, „schwimmt“ man oft ein Weilchen, bis man als Paar wieder in einen neuen Alltag hinein findet. Wenn ein Geschwisterkind dazu kommt, besteht manchmal (große) Unsicherheit, alles fühlt sich wackelig an, ältere Kinder brauchen plötzlich wieder einen Schnuller, mehr Einschlafbegleitung, die Windel, obwohl sie eigentlich schon „rein“ waren … und alles, weil das unterbewusste Gefühl sagt: unsichere Zeiten, alles durcheinander, Kontrollverlust – bitte eine Stufe zurück auf eine gesicherte Basis! Für erwachsene Geschwisterkinder kann eine Veränderung (wenn jemand auszieht von zuhause) auch eine Erleichterung bringen, weil man plötzlich besser Nähe und Distanz regulieren kann und dadurch eine harmonischere Beziehung zueinander aufbauen kann. Dynamiken sind vielschichtig und komplex, oft auch verworren. Doch fest steht: wir beeinflussen einander, ob wir nun wollen oder nicht.

GLEICHWÜRDIG, GLEICHWERTIG und IN ORDNUNG

In der systemischen Ordnung, die von Bert Hellinger begründet wurde, er nennt sie „Ordnungen der Liebe“. Man geht davon aus, dass Systeme (Mobiles) einer genauen Ordnung unterliegen und es für Beteiligte speziell dann leidvoll und mühsam wird, wenn diese Ordnungen durcheinander geraten. Es ist überaus wichtig, dass JEDER im System nicht nur gesehen wird und seinen Platz hat, sondern auch, dass es eine Rangordnung gibt, die sich aus dem Zeitpunkt des Anfangs der Zugehörigkeit ergibt. Das heißt, jemand, der früher in eine Gruppe kam, hat Vorrang gegenüber dem, der später hinzukommt. Partner haben Vorrang gegenüber den Kindern. Die Reihenfolge der Kinder ist von Bedeutung und gibt innere Freiheit. Neue Systeme haben Vorrang gegenüber alten Systemen. Lebende und Verstorbene brauchen Anerkennung und ihren rechtmäßigen Platz. Jeder ist dennoch gleichwürdig und gleichwertig als Mensch.

LEIDEN IST OFT EINFACHER ALS LÖSEN

Wenn nach einer gewissen Starre, einer beziehungsmäßigen Eiszeit oder einer Entfremdung also dann wieder Bewegung in ein System kommt, besteht immer für alle Beteiligten die Chance und Gelegenheit, aufeinander zu zugehen. Wie bei Geburten, Hochzeiten oder Trauerfällen, Schicksalsschlägen und Ähnlichem. Es fällt vielleicht etwas leichter, durch eine Initialzündung im Mobile und dennoch gibt es keine Garantien. Nicht bei königlichen Hoheiten und auch nicht bei ganz normalen Familien. Die gegenwärtigen Kernfamilien (der Prinzen) haben Vorrang gegenüber dem alten System und doch bleibt man immer miteinander verbunden. Dynamiken wirken oft über den Tod hinaus und was sich zu Lebzeiten lösen lässt, darf man ruhig angehen. Und nicht immer ist es möglich, auf das Hinzuschauen, was Leidvoll ist. Manche Geschichten sind auch einfach zu viel für ein Menschenleben. Doch wenn man ein bisschen Ordnung schaffen kann, falls das nötig ist, dann zahlt es sich jedenfalls aus.

JEDEM MENSCHEN SEINEN PLATZ

Wir werden sehen und hören (weil die Presse ja wie ein Geier über den Royals als deren Beute kreist), ob es dem Brüderpaar gelingen wird, die Verletzungen und Kränkungen auszusprechen. Ich wünsch es mir für die beiden und für jede andere Geschwisterreihe, in der sich die Fronten aus welchen Gründen auch immer verhärtet haben:

…dass Bewegung rein kommt,
…dass ein aufeinander zugehen möglich wird und
… dass jeder Mensch seinen gerechten und würdevollen Platz einnehmen kann in den Systemen seines Lebens.

Mit dem Kind stimmt was nicht!

Mit dem Kind stimmt was nicht!

Das Kind ist zu aufmüpfig. Das Kind ist zu zurückgezogen. Es ist zu impulsiv. Es ist zu passiv. Das Kind kann sich nicht benehmen. Es manipuliert dich doch!
Welcher Elternteil hat nicht schon irgendwann mal so einen (oder ähnlichen) Satz gehört oder gedacht und wurde vom heimlichen Gefühl beschlichen: „…mit dem Kind stimmt was nicht!“
Was so ein Denkansatz mit Eltern und Kindern macht und was Eltern wissen dürfen, wenn ihnen so ein „Befund“ aufs Auge gedrückt wird, darum geht‘s in diesem Beitrag.

AM RANDE DES WAHNSINNS

So oft erlebe ich Coachings, in denen Elternteile fast verzweifelt anrufen oder kommen und mit den verschiedensten Verhaltensweisen des eigenen Nachwuchs nicht (mehr) umgehen können. Weil das Kind Trotzanfälle allererster Sahne am laufenden Band serviert, weil es in der Schule mit der Lehrkraft auf unschöne Weise aneckt, weil es die Geschwister bis zur Weißglut ärgert, im Spiel die eigenen Freundinnen terrorisiert oder die Eltern mit geschwindelten Aussagen an den Rand des Wahnsinns treibt.

DAS ENDE DER WELT

Die ersten Beanstandungen am Verhalten (junger) Kinder kommen meist vom Außen. Die Schwägerin, der Nachbar, die Lehrerin, der Trainer, die Freundin, der Schwiegervater … wer auch immer es ist, sieht die Dinge meistens „klar“ und knallt so eine Einschätzung den oft bemühten Eltern ganz einfach vor den Latz: „Du solltest mit dem mal wo hin gehen, mit dem stimmt was nicht!“ Eine sehr viel schlimmere Botschaft kann man Eltern kaum überbringen, solche Worte empfinden Mütter und Väter fast als das Ende der Welt.

HANDELN FÜR SICH – NICHT GEGEN DICH

Vor lauter Schock beginnt man sich dann zu rechtfertigen, Dinge zu verharmlosen oder das Kind zu beschimpfen, bestrafen oder bedrohen. Oder noch besser: alles zusammen. Anstatt einfach mal stehen zu bleibentief zu atmen und sich einen Moment Zeit nehmen zum Wahrnehmen. Denn es gibt fast immer einen guten Grund, warum Kinder so handeln, wie sie handeln. Auch wenn ihnen das selbst natürlich nicht dauernd bewusst ist. Sie handeln immer für sich. Und nicht gegen dich oder jemand anderen.

GEGEN DIE EVOLUTION

Die Schwierigkeit ist, dass wir das allzu oft vergessen und dem Kind Vorsetzlichkeit unterstellen. Oft hört man schon bei Säuglingen von manch „klugen“ Menschen: „…. ah, die hat dich schon in der Hand. Die weiß schon, dass du springst, wenn sie ein bisschen weint!“ Dabei wäre es absolut gegen die Überlebensfähigkeit der Menschheit, wenn Säuglinge schon bewusst ihr Verhalten steuern oder gegen die Eltern richten könnten. Es würde sie davon abhalten, teils überlebensnotwendige Bedürfnisse einzufordern, vor lauter Bemühen, den Eltern „gefallen zu wollen“, sie nachts nicht oft aufzuwecken oder Ähnliches. Solche Dinge bewusst steuern zu können, wäre schlicht hinderlich für die Evolution.

BEDÜRFTIGER MENSCH TRIFFT AUF BEDÜRFTIGEN MENSCHEN

Das zweite Problem ist, dass Bedürfnisse – so ungeeignet sie auch geäußert werden mögen – immer auch auf Menschen treffen (wie uns als Eltern), die ebenfalls bedürftig sind. Meist bräuchten sie genau das Gegenteil von dem, was das Kind braucht.

  • Ein Säugling braucht in der Nacht oft Sicherheit und Nahrung. Eltern Ruhe und Erholung.
  • Kindergartenkinder brauchen Kreativität und Chaos und Matsch. Eltern Ordnung, Regeln und Sauberkeit.
  • Schulkinder brauchen vielleicht nachmittags Bewegung, Lernbegleitung und wildes Spiel. Eltern brauchen vielleicht Entspannung, Frieden und Stille.
  • Pubertierende brauchen Freiheit, Unabhängigkeit und Vertrauen. Eltern wollen oft Kontrolle, Vorschriften und Sicherheit.

BEDÜRFNIS OKAY – STRATEGIE UNGÜNSTIG

Wenn dann ein Kind nachts lang nicht durchschläft, ein Kindergartenkind nie aufräumen will, ein Schulkind sich schwer an Regeln hält und Pubertierende den Eltern den Rücken kehren, dann kann man innerlich leise runter zählen, bis jemand sagt: mit dem Kind stimmt was nicht. Du hast du Kontrolle verloren. Das Kind hat irgend was. 

JA, das Kind hat was: 

  • vielleicht ein Umfeld, das seine Erwartungen zu hoch geschraubt hat.
  • Sicher ein Bedürfnis, das es nicht selbst erfüllen kann und 
  • Womöglich eine schlechte Strategie, das zu zeigen.

ALARMGLOCKEN SCHRILLEN

Wenn Kinder also in irgendeiner Form „auffällig werden“ – und wir reden hier meist über das laute, nach außen gewandte Kind, doch dieses auffällig sein kann auch ganz still und nach innen gerichtet sein – dann schrillen die Alarmglocken bei den begleitenden Erwachsenen. 

Das können sie auch, doch nicht im Sinn von: „Mit dem Kind ist was verkehrt, das muss repariert werden!“ sondern im Sinn von: „Es gibt hier was, dass das Kind nicht allein schafft – vielleicht übersehen wir hier grad ein Bedürfnis.“ Und alle Anstrengungen von Erwachsenen sollten dann in diese Richtung gehen: „Lass uns schauen, was du und was wir dafür tun können, dass du das besser schaffst.“

IN BEZIEHUNG GEHEN

Wann immer wir wahrnehmen oder vom Außen behutsam oder stümperhaft aufmerksam gemacht werden, dass mit dem Kind „was nicht stimmt“, ist der erste und wichtigste Schritt in Beziehung zu gehen. Auf das Kind schauen, hinhören, wahrnehmen und versuchen, herauszufinden, was ihm gerade fehlt. Ist es unterfordert, überfordert, gelangweilt, frustriert, enttäuscht, unsicher, will es Aufmerksamkeit, Zuwendung, Ruhe, Empathie oder sich einfach zu einer Gruppe zugehörig fühlen? Die Bedürfnispalette ist bunt und breit und die richtige „Farbe“ zu entdecken, ist oft sogar für Eltern eine Herausforderung.

DAS KIND ABHOLEN

Wenn man allerdings weiß, was das Kind in Wutanfälle treibt, warum es im Unterricht laut dauernd Fäkalsprache verwendet, dem Nachbarskind die Schaufel um die Ohren haut, zubeißt oder dauernd im stillen Kämmerlein hockt und traurig ist, dann geht es darum, kurz Empathie zu zeigen. Sag:

  • „Hey, du musst ja ganz schön verzweifelt sein, wenn du zubeißt, um dich zu verteidigen.“
  • „Es ist sehr frustrierend für dich, dass du das nicht selbst bestimmen kannst, stimmt‘s?“
  • „Du hast dir so viel Mühe gegeben und das wird nicht beachtet, das macht dich traurig?!“
  • „Ist es so, dass du so gern beliebt sein möchtest und deshalb so versuchst, einen Platz in der Gruppe zu haben?“
  • „Kann es sein, dass dein Nein überhört wurde und du dir nicht mehr anders zu helfen wusstest?“
  • „Ist dir vielleicht einfach gerade langweilig, weil du solche Sachen machst?“

Wichtig dabei ist: WIR müssen nicht zwangsweise VERSTEHEN, was das Kind zu so einem Verhalten bewegt, aber es ist notwendig, es DORT abzuholen, bei seinem Handeln, bei seinem Gefühl. Und das geht niemals, in dem man ihm oder ihr sagt: du bist ja komplett verkehrt, ändere dich bitte ganz schnell! 

RESSOURCEN AKTIVIEREN & LÖSUNGEN FINDEN

Viel mehr geht es darum, nach einer Runde Empathie und Einfühlungsvermögen eine passende Lösung zu finden. Hier geht man, wie schön öfter hier beschrieben, so vor: 
Was kannst du tun, damit diese Situation für dich und andere besser läuft?
Kann ich etwas tun, damit diese Situation für uns alle besser läuft?

VERHALTEN IM KONTEXT

Natürlich ist es wichtig, dass ein Kind lernt, wann welches Verhalten okay ist und welches nicht.
Zum Beispiel,…
… dass es Fäkalsprache gern verwenden kann – am Klo oder in eine Dose schreien. Nicht im Unterricht.
… dass es gern nackt herumlaufen kann – zuhause, im Garten, bei Oma. Nicht im Kindergarten.
… dass es ruhig seine Wut zeigen und ausleben darf – beim Boxsack oder mit Tränen. Und sie nicht gegen andere Menschen richten.

HÖFLICHKEIT & andere GESELLSCHAFTLICHE NORMEN

Ja, auch das sind gesellschaftlich geformte Erwartungen und es macht Sinn, diese als Orientierung zu nehmen, doch sehr, sehr viele Bilder und Ideen, die uns die Gesellschaft entgegenbringt sind mehr als überprüfenswert
Nicht nur für unsere Kinder, sondern für uns alle. Im Übrigen halte ich Höflichkeit für absolut erfreulich und wünschenswert und gleichzeitig weiß ich: wir können nicht viel mehr tun, als es konsequent vorzuleben. Jeder, der schon mal versucht hat, ein Kind zum „brav grüßen“ zu bewegen, wenn es nicht will, weiß, dass man auch Höflichkeit nicht erzwingen kann. 

ENTWICKLUNG & ERWARTUNGEN

Was ich oft erlebe ist, dass Kinder oft überschätzt werden, weil Eltern zu wenig über ihre Entwicklungsphasen wissen.

  • Was das zeitliches Vorstellungsvermögen eines Sechsjährigen betrifft.
  • Die Orientierungsfähigkeit eines Kleinkindes.
  • Die Aufnahmekapazität eines Volksschulkindes.
  • Die Anpassungsfähigkeit eines Unterstufenschülers.

Immer wieder kommt es vor, dass Kindern Böswilligkeit unterstellt wird, dabei können sie die Erwartung, die an sie gestellt wird gar nicht erfüllen, weil sie kognitiv, sozial, emotional, geistig oder körperlich dazu schlicht und einfach noch nicht in der Lage sind.

GEWERKSCHAFT, INTERESSENSVERTRETUNG & LOBBY

Wir brauchen also eine feine Klinge im Umgang mit Kindern und mein Ansatz, wenn ich mit „in Not geratenen“ Familien arbeite ist immer, darauf zu schauen, welche Bedürfnisse zu welchem Verhalten führen und dann zu schauen, das Vertrauen der Eltern in das eigene Kind (wieder) zu stärken. Überlegt mal: Kinder haben praktisch NIEMANDEN, der sich für sie einsetzt, wenn wir Eltern das nicht tun. Wir sind ihre Gewerkschaft, ihre Interessensvertretung und ihre Lobby. Nehmen wir bitte diese Aufgabe ernst. Auch wenn es besonders schwer ist, weil diese Tätigkeit sich manchmal auch gegen unsere eigenen Bedürfnisse, Wünsche, Erwartungen und Gefühle richtet. 

Hattest du schon mal das Gefühl, mit dem Kind stimmt was nicht?

Weißt du mittlerweile, warum das Kind sich so verhalten hat und was es eigentlich gebraucht hätte? Kommentiere gern und lass uns voneinander lernen ….
Wenn du Unterstützung brauchst: DAS herauszufinden ist meine Spezialität.
Und Profi im Eltern-den-Rücken-stärken bin ich ebenfalls. 

Wut, Trauer, Frust – Umgang mit heftigen Gefühlen in 3 Schritten

Wut, Trauer, Frust – Umgang mit heftigen Gefühlen in 3 Schritten

Ganz schön viel, das alles. Immer wieder im Leben gelangen wir an unsere Grenzen, stehen an, sind verzweifelt, wissen nicht weiter und sind mit heftigen Emotionen konfrontiert. Besonders anspruchsvoll ist es, dann als erwachsene Person, Kinder dabei zu begleiten. Warum wir von Selbstkontrolle weg zu Selbstregulation hin dürfen und wie das machbar wird, darum geht es heute und hier.

ÜBERLEBENSNOTWENDIG

Wenn wir über Gefühle nachdenken oder darüber sprechen, verwende ich gern zwei Bilder zum besseren Vorstellungsvermögen. Erstens sind Gefühle wie Luft: sie sind unsichtbar, man kann sie nicht angreifen oder vermessen und dennoch sind sie da, existieren und sind pure Lebensenergie. Wir brauchen sie, wie die Luft zum Atmen. Wer keine Gefühle hat, ist tot – zumindest emotional gestorben. Also sind Gefühle nicht nur unbestreitbar ein Teil des Lebens sondern sogar ÜBERlebensnotwendig.

VON OBERFLÄCHLICHKEITEN UND WESENTLICHEM

Das zweite Bild hat mit der Kommunikation ÜBER Gefühle zu tun und beschreibt sie wie einen Schlüssel. Gefühle – beziehungsweise das Sprechen über Gefühle – sind wie Schlüssel zum Tor der Welt des anderen. Wenn wir darüber reden, wie es uns geht, was wir fühlen, was uns berührt und bewegt, kommen wir ganz schnell weg von Oberflächlichkeiten hin zum Wesentlichen, zu den Themen, die uns selbst oder unser Gegenüber gerade ausmachen. Dazu braucht es natürlich eine gute Portion Vertrauen und einen sicheren Rahmen, besonders, wenn wir über Gefühle bei unerfüllten Bedürfnissen sprechen.

LAUTSTARKER AUSDRUCK

Wenn Kinder oder wir selbst Freude, Begeisterung, Leichtigkeit, Dankbarkeit, Zufriedenheit, Enthusiasmus, Inspiration, Erfüllung, Sicherheit, Liebe oder ähnliches empfinden, ist es meist leicht, das zu begleiten oder auszuhalten – weil wir diesen Zustand nicht verändern wollen und alles gut ist. Doch wenn wir andere Farben der Gefühlspalette spüren oder begleiten, sind wir oft recht schnell am Ende unserer elterlichen Weisheit angelangt. Umso mehr, wenn das Kind Emotionen wie Trauer, Wut, Frust, Enttäuschung, Demütigung, Unsicherheit, Angst, Zorn, Langeweile, Sehnsucht oder Hass auch noch deutlich lautstark auszudrücken vermag. 

  • Schrei doch nicht so rum!
  • Jetzt beruhig dich doch!
  • Stell dich Bitteschön nicht so an!
  • Was hast du denn nun schon wieder?
  • Du bist echt ein Wahnsinn, so eine Katastrophe! 

Solche oder ähnliche Sätze (ergänze gern aus deinem persönlichen Repertoire) kommen uns allen (inklusive mir) gelegentlich über die Lippen, dabei bringen sie uns selbst UND dem Kind genau gar nichts. Sie sind auch keine Hilfe für das geplagte Menschlein, sondern lediglich Ausdruck unseres eigenen Zustands, in dem wir uns befinden: zu müde, zu genervt, zu frustriert, zu enttäuscht, zu gestresst, zu schlecht gelaunt, zu sonst was – um angemessener reagieren zu können. Wir wollen einfach, dass es aufhört, dass wir (oder das Kind) endlich wieder kontrollieren, was abgeht.

Kontrolle heißt in dem Fall oft: Unterdrücken, Wegdrücken, Abschalten. Doch es braucht einen anderen Umgang.

Solltest du einfach NICHT WISSEN, wie man besser auf heftige Gefühle reagiert, hab ich hier drei Schritte für dich auf dem Weg von der Unterdrückung hin zur Regulation. Ich beschreibe sie im Folgenden aus der Sicht eines Elternteils zum Kind, doch merke dir: auch mit Erwachsenen verhält es sich so und du kannst diese Schritte jederzeit auf Erwachsenenbeziehungen ummünzen. 

SCHRITT 1: GEFÜHLE ERKENNEN & BENENNEN

Wenn dein Kind sich in einem emotionalen Sturm befindet (oder auch nur einer Verstimmung) ist es wichtig, es dort abzuholen, wo es gerade steht. Je jünger das Kind ist und je geringer die sprachliche Ausdrucksfähigkeit und Entwicklung fortgeschritten ist, desto mehr braucht es eine erwachsene Bezugsperson, die dieses Versprachlichen für das junge Kind übernimmt. Natürlich können wir auch manchmal falsch liegen, aber der Versuch, das Kind in seinem Gefühl zu erfassen, ist enorm wichtig. Sag also:

  • Ich merke, du bist wütend – stimmt das?
  • Du ärgerst dich aber grad richtig – erzähl doch!
  • Das ist richtig frustrierend für dich, hab ich recht?
  • Du weinst ja, bist du grad richtig traurig, was?
  • Du bist verletzt, weil du ausgeschlossen wirst, stimmt’s?

So oder so ähnlich geben wir dem Kind zu verstehen: ich sehe dich in deinem Gefühl. Ich lasse dir dein Gefühl und sag dir durch meine Worte: du bist richtig und gut und darfst dich so fühlen. Auch wenn wir es auf unserer erwachsenen Verstandesebene vielleicht überhaupt nicht kapieren. Das ist in dem Moment egal. Es geht um das Kind und darum, dass es gesehen werden will.

Und darum, dass wir unseren Lösungsimpuls: „Geh, ist doch nicht so schlimm!“ erstmal unterdrücken, weil es vorher noch etwas anderes braucht.

SCHRITT 2: BEDÜRFNIS SEHEN

Vor jedem Gefühl steht ein Gedanke, und hinter jeder Emotion steht ein Bedürfnis, das gerade erfüllt ist (wenn es uns „gut“ geht) oder eben nicht erfüllt ist (wenn es uns „schlecht“ geht). Ich plädiere gern dafür, auch positive Gefühlslagen sprachlich auszudrücken, weil es auch dafür Worte braucht, um eine gute emotionale Bildung zu fördern. Doch das Beschreiben von Bedürfnissen hinter belastenden Gefühlen ist NOT-wendig. Es ist der erste Schritt in Richtung Lösung, wenn wir solche kleinen oder großen Krisen bewältigen und absolut wichtig, weil wir uns in diesem Schritt damit befassen: welches meiner Bedürfnisse ist grad nicht ausreichend erfüllt?

Dieser Schritt wirft uns zurück auf uns selbst, weil jeder Mensch unterschiedlich auf Situationen reagiert und jede Person individuelle Belastungsgrenzen hat. Bedürfnisse selbst sind allerdings immer universell, das heißt: JEDER Mensch hat sie, wenn auch in verschiedenem Ausmaß.

  • Du möchtest wieder mit deiner Mannschaft Fußball spielen können, nicht?
    (Bedürfnisse dahinter z.B.: körperliche Bewegung, Spaß, Spiel, Gemeinschaft, Selbstausdruck…)
  • Du möchtest auch mitspielen mit deinem Bruder, hab ich recht?
    Bedürfnisse dahinter z.B.: Dazugehörigkeit, Akzeptanz, Frieden, Harmonie, Integration, Liebe, Verbindung, Anerkennung…)
  • Du vermisst deine Freundinnen schon heftig, und würdest die gern wieder umarmen?!
    (Bedürfnis dahinter z.B.: Berührung, Leichtigkeit, Wohlgefühl, Wahlfreiheit, Wärme,…)

Je jünger Kinder sind, desto eher braucht es eine „Übersetzung“ in eine kind- und altersgerechte Sprache. Ein Zweijähriger hat nämlich sehr wohl ein Bedürfnis nach Integrität, kann aber mit dem Wort nix anfangen. Das erfordert schon allerhand sprachliches und emphatisches elterliches Geschick.

SCHRITT 3: AUSDRUCK VERLEIHEN

Wenn jemand erfreut ist, würden wir nie sagen: hör doch auf zu Lächeln. Bei Emotionen, die wir als „negativ“ bewerten, verlangen wir das aber öfter von uns oder den Kindern. Dabei dürfen und sollen Gefühle „raus“ – es kommt nur auf ein gutes „WIE“ an.
Wut an anderen Kindern auslassen: ungünstig. In den Boxsack kicken, weinen, stampfen: gut möglich. Rausgehen, sich körperlich betätigen, Musik hören, ablenken: vielleicht auch. Es kommt immer auf individuelle Lösungen an, weil für jeden Menschen etwas anderes gut ist. 

Wichtig ist einfach: Emotionen unterdrücken führt dazu, dass sie sich einerseits aufstauen im Innen und andererseits zu einer Unterdrückung, die langfristig nicht nur zur Folge hat, dass negative Regungen dann irgendwann ausbleiben sondern leider auch positive. Dann gibt’s nur mehr minimale Höhen und Tiefen und ganz viel „plattes Land“, wie Nora Umlau das in ihrem Buch („So viel Freude, so viel Wut“) beschreibt. Und das will ich ja bitte überhaupt nicht, dass wir bei unseren Emotionen, unserer Lebensenergie am Bremspedal stehen!

Also braucht es ein Ventil, noch besser mehrere verschiedene, eine passende Ausdrucksmöglichkeit und die Botschaft an das Kind:

  • DU bist okay, wie du bist.
  • Du hast starke Gefühle und die kannst du auch ausdrücken.
  • Ich begleite dich dabei, dass das in Akzeptanz deines Umfeldes passieren kann. 

In diesem Feld gehen wir also mit (intensiven) Gefühlen um. Das ist emotionale und menschliche Schwerstarbeit und daher sei gesagt: kein Elternteil dieser Welt schafft das in 100% der Situationen, weil es dazu braucht, dass wir selbst eine halbwegs gut versorgte Bedürfnislage brauchen, um diese sensible Arbeit mit den Kindern (oder anderen Menschen) erfüllen zu können.
Fehler (=Erfahrungen) sind erlaubt und auch okay, sie zeigen dir einfach: DU SELBST hast auch gerade ein Bedürfnis nicht erfüllt ;-). Eine Einladung zur Selbstfürsorge, sozusagen.

BEGEGNUNGEN IM VERHÄLTNIS 5:1

Es gibt Untersuchungen, die zeigen: wenn auf fünf positive Begegnungen eine negative folgt, ist das immer noch eine gute / glückliche / zufriedene Beziehung. Also im Zweifelsfall und in intensiven Zeiten dann jedenfalls darauf achten, genügend positive Beziehungsangebote zu setzen, die dieses Verhältnis herstellen können. 

  • Eine Umarmung.
  • Ein liebevoller Blick.
  • Ein wertschätzendes Wort.
  • Eine kleine Gefälligkeit.
  • Das Lieblingsessen kochen.
  • Ein gemeinsamer Spaziergang. Es kann was ganz, ganz Kleines sein.

Die Einschränkungen und Veränderungen im Leben der Kinder in den letzten Monaten machen was mit ihnen. Und mit uns.
Seien wir die Lobby unserer Kinder. Setzen wir uns für ihre Bedürfnisse ein. Geben wir ihren Gefühlen Raum und Gewicht und begleiten sie da durch.

Wenn „Freunde einladen“ der neue zivile Ungehorsam ist, dann – JA – ist das ein Aufruf, sich weniger an Regeln zu halten als an menschliche Bedürfnisse. Das sehe ich als meine elterliche Verantwortung.

Was in diesem Beitrag war neu für dich und was willst du dir mitnehmen in deinen Alltag?
Lass es mich wissen! Mehr zu diesem Thema? Einfach kommentieren …. bitte & danke!


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Kommentar schreibenKommentare: 1

  • #1Viola Liebisch (Sonntag, 07 Februar 2021 11:20)Ich lese schon länger deinen Blog und wollte dir auf diesem Weg von ganzem Herzen danken. Du gibst mir so viel Inspiration, so viel Verständnis für mich selbst und meine Kinder. Es ist oft wie ein Rettungsring wenn man denkt, dass das Leben und die Gefühle einen überrollen, wie eine Welle im Meer. Du hast so eine tolle Art zu schreiben und es ist immer wieder sehr beruhigend, wenn man sieht, dass es anderen mit Kindern oder dem Partnern auch so ergeht. Und das große Highlight: dass du verschiedene Lösungswege gleich dazu schenkst, die in der Realität auch wirklich umsetzbar sind 😀 Danke auch für die Buchtipps und Zitate, dadurch kann man sich gut zusätzliche Infos holen. Alles Liebe Viola

Erstgeborene – die Versuchskaninchen der Eltern

Sie machen Paare zu Eltern, werden von jüngeren Geschwistern manchmal angehimmelt und erleben als einzige in einer Geschwisterreihe, wie es sich anfühlt, vom Thron gestoßen zu werden. Ob das wirklich so schlimm ist für die ersten Kinder, was man in diesem Geschwisterrang lernen kann und was Eltern tun können, um die ältesten gut zu begleiten, darum geht’s diesmal am Blog.

Nach dem ich ja schon über Nesthäkchen und die mittleren Kinder, die sogenannte Sandwichkinder geschrieben hab, folgt heut der vorletzte Teil – Die Erstgeborenen – in dieser Reihe. Dann wird es noch um die Einzelkinder gehen, die wieder einen anderen Status haben als die Erstgeborenen.

Premieren am laufenden Band

Als erstes Kind in der Familie hat man in mehrerlei Hinsicht einen Sonderstatus. Wie du vielleicht weißt, gehöre ich ebenfalls dieser Gruppe an und machte einst ein Paar zu Eltern. Dass das zunächst auch für Frau und Mann eine spezielle Herausforderung ist, zusätzlich die Rolle als Mutter und Vater dazu zu bekommen, steht wohl außer Frage.

Mit dem erstgeborenen Kind erleben Eltern gefühlt Prämieren am laufenden Band. Von der ersten Schwangerschaft, zur ersten Geburt, die ersten durchwachten Nächte, die ersten Schritte eines Kindes, der erste Kindergartentag, der erste Elternabend, … – eine unendliche Serie an ersten Malen, die in den eignen Erfahrungsschatz kommen.

Versuchskaninchen der Eltern

So sind Erstgeborene oft ein bisschen die Versuchskaninchen der elterlichen Fähigkeiten und erleben, wie die Eltern es sehr genau nehmen oder auch sehr unsicher sind. Manchmal beschreiben sie, dass sie eher streng erzogen wurden und sich erste kleine Freiheiten hart erkämpfen mussten. Am härtesten trifft das die Erstgeborenen scheinbar bei den so schwer ausgehandelten Ausgehzeiten als Jugendliche. (Das sitzt Vielen so tief, dass es ihnen im Erwachsenenalter noch als große Ungerechtigkeit aufstößt. Erleb ich jedes Mal im Partnerkurs für Brautpaare ;-)!)

Einmal runter vom Thron, bitte!

Das mag eventuell daran liegen, dass sie von nachfolgenden Geschwistern bei deren Geburt vom Thron gestoßen wurden. Zwar nicht mutwillig oder bösartig, doch der Fall schmerzt manchmal sehr – die Wissenschaft meint: je jünger die Kinder bei der Geburt des zweiten Kindes sind, desto heftiger. Ich sage: jede Familie ist anders. Das mag für viele Kinder stimmen – möglicherweise nicht für alle.

Vor allem glaube ich, dass die Entthronung dann schlimm ist, wenn sie von ungünstigem elterlichen Verhalten begleitet wird, indem man das Erstgeborene überfordert, dessen Gefühle ignoriert und zur geschwisterlichen Liebe zwingt. 

Laura, die zweite Frau

Stell dir doch mal vor, dass dein Mann (für Männer: deine Frau) nach Hause kommt und sagt: „Liebling, darf ich vorstellen: dass ist Laura, meine zweite Frau. Da sie neu ist und da sich erst eingewöhnen muss, werde ich ihr viel Zeit widmen müssen. Ich hoffe, da du schon älter bist, wirst du dich gut benehmen und mehr zu Hause helfen. Sie wird bei mir im Zimmer schlafen, damit ich leichter für sie sorgen kann, und du wirst ein eigenes Zimmer ganz für dich alleine haben, da du ja schon groß bist. Du bist doch sicher froh ein eigenes Zimmer zu bekommen? Und weißt du, wie toll: du darfst ab jetzt alles mit ihr teilen: dein Gewand, deine Schuhe, deinen Schmuck. Das ist doch toll, oder?“

Spätestens jetzt müsste klar sein, wie sich Erstgeborene fühlen können, wenn die zweiten Geschwister geboren werden und daheim einziehen. 

Arm, ärmer, Erstgeborene?

Doch so düster schaut es für die ersten Kinder längst nicht aus. Auch Sie haben – wie alle anderen Kinder in den unterschiedlichen Geschwisterrängen – einzigartige Möglichkeiten, positive Eigenschaften zu erlernen und diese Position für sich zu nützen.

Man weiß, dass Erstgeborene oft über ein höheres Verantwortungsbewusstsein verfügen und auch im Erwachsenenalter in Beruf und Privatleben häufiger oder gern Verantwortung übernehmen. Sie besitzen oft hervorragende Führungsqualitäten und haben ein ausgezeichnetes Durchsetzungsvermögen – was sie (im Vergleich zu den Geschwistern) oft an ihren Eltern trainiert haben. (Stichwort: Ausgehzeiten).

Auch ein gewisser Pioniergeist kann ihnen nachgesagt werden, was angesichts der vielen Premieren ja nicht weiter verwunderlich ist. Zudem lernen viele erste Kinder sehr gut, rücksichtsvoll zu sein, wenn jüngere Geschwister dringendere Bedürfnisse haben als sie selbst. (Das heißt übrigens nicht, dass das immer angenehm ist beim Erlernen. Ach du merkst schon, ein wenig Trotz einer Erstgeborenen ist auch bei mir noch spürbar. Sorry dafür.)

Was Eltern tun können

Man kann und sollte die ersten Kinder natürlich auf die Geburt eines zweiten Kindes einstellen – realistisch, bedürfnisgerecht und ergebnisoffen (sie müssen sich nicht lieben oder hassen) – doch auch die beste Vorbereitung kann den Sturz vom Thron nicht ganz verhindern.

So ist das wichtigste elterliche Verhalten die Anerkennung und Akzeptanz dessen, was das erste Kind erlebt, auch wenn das herbe Zurückweisungen des zuckersüßen Neugeborenen zur Folge hat, so nach dem Motto: „Wann fährt die wieder nach Hause? Können wir den zurück geben?“

Kinder brauchen dann Eltern, die sagen können: „Oh, ich merke, du wärst jetzt lieber wieder allein mit Mama und Papa?! Du bist ganz schön frustriert, wie? Was brauchst du denn, damit es dir jetzt im Moment wieder gut gehen kann?“ statt empörtem Aufschreien im Sinn von „… wie kannst du so was Gemeines über deine Schwester sagen? Die musst du doch lieb haben, schaut nur, wie süß sie ist?!“

Erstgeborene dürfen ihre jüngeren Geschwister blöd finden und nervig, und sie dürfen das auch zum Ausdruck bringen, so lange gewisse Grenzen gewahrt werden (körperliche & seelische Übergriffe sind gemeint – individuell nach Familie zu definieren!). Man kann geschwisterliche Liebe nicht erzwingen, so schwer uns das als Eltern oft fällt. Damit ein gutes Miteinander entstehen kann, braucht es Einfühlungsvermögen und Bedürfnisorientierung soweit das möglich ist. 

Ist das Glas halbvoll oder halbleer?

Natürlich können und werden wir nicht jüngere Geschwister degradieren oder zurückgeben – wie viele Kinder man haben möchte ist eine Paarentscheidung (… und noch mehr die einer höheren Macht) und daran haben auch Erstgeborene nicht zu rütteln.

Doch Verständnis zeigen und die jeweiligen Gefühle zugestehen, das können Eltern tun. Aushalten, wenn es unbequem wird und Angebote machen, die möglich sind. („Wollen wir beide wieder mal ganz allein spazieren gehen? … ein Buch lesen? … kuscheln?“) 

Und jedem einzelnen Kind ab und zu Exklusivzeit widmen und diese auch als Eltern bewusst genießen.

Sich selbst innerlich immer wieder auf die Schulter klopfen und sagen: „Ich bin gut genug.“ Auch wenn wir uns oft die Lockerheit und Erfahrung, die wir bei den zweit- oder drittgeborenen Kindern haben, rückwirkend für das Erste wünschen.

Es ist gut, so wie es ist. Denn so wie in jedem Geschwisterrang gibt es Vorteile und Nachteile.

Und es liegt an der jeweiligen Person (und ein bisschen an uns Eltern), was man daraus macht und ob man ein halb leeres oder halb volles Glas sieht.

Du bist ein Erstgeborenes? Wie siehst du deine Position in der Familie?! Schreib mir gern in die Kommentare ….


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Nesthäkchen – die jüngsten Kinder

Nesthäkchen – die jüngsten Kinder

Geschwisterbeziehungen prägen uns mindestens so wie die Beziehung zu unseren Eltern. Daher ist es hilfreich, sich immer wieder mal der eigenen Position bewusst zu werden und was man sich als Persönlichkeit vielleicht genau deshalb angeeignet hat. Heute geht’s um die jüngsten Kinder in einer (längeren oder kürzeren) Reihe und was sie ausmacht, ob sie wirklich nur verhätschelt werden und alles für sie leichter ist.

Mythen & Klischees 

Nesthäkchen, Baby, Küken oder auf gut oberösterreichisch „Nestscheißal“ genannt, nehmen die jüngsten Kinder in der Familie eine besondere Position ein. Sie sind die letzten in einer Reihe von Kindern und haben dadurch – ähnlich wie Erstgeborene – einen besonderen Status. Über sie gibt es ebenfalls haufenweise Alltagsmythen: sie seien verweichlicht, zu sehr verwöhnt und verzogen, werden dauernd nachsichtig behandelt und müssen viel weniger im Haushalt beitragen, als die anderen Geschwister.

Charmebolzen & Altkleiderständer

Was die Jüngsten Kinder tatsächlich erleben und wie der Alltag auf sie wirkt, ist wohl eine andere Sache. Sie werden in eine Familie hineingeboren, wo sie von Beginn an mit sehr viel Leben konfrontiert sind, wo viel Aktivität herrscht und mindestens drei unterschiedliche, jedenfalls vorerst überlegene und größere Persönlichkeiten wirken und werken.

Durch diese Asymmetrie sind die Positionen natürlich von Haus aus ungerecht verteilt und so suchen jüngste Kinder oft ihren Platz, ihre Aufmerksamkeit und ihre Einzigartigkeit auf andere Weise. Sie lassen sich gern länger tragen, füttern oder anziehen und setzen ihren ganzen Charme ein (klein und knuddelig sein hat auch seine Vorteile, die durchaus nützlich sind!) um weniger zur Verantwortung gezogen zu werden, genießen manchmal früher als die älteren Geschwister diverse Freiheiten und müssen dafür lediglich aushalten, ein paar abgetragene Klamotten zur Verfügung gestellt zu bekommen.
So weit, so zynisch (diese Betrachtung).

Friedfertig & ausgleichend

Doch auch im Rang der Jüngsten Kinder steckt großes Potenzial, das erkannt und genutzt werden darf, auch sie können aufgrund ihrer Position spezielle Eigenschaften erwerben, die ihnen als Persönlichkeiten dienen können.

Zum Beispiel sind die jüngsten Kinder üblicherweise weniger gewaltbereit beim Konfliktlösen. Durch ihre körperliche Unterlegenheit brauchen sie längere Zeit andere Methoden, um einen Streit zu schlichten. Allerdings sind sie auch gut im Vermeiden von Konflikten, weil sie sich nicht gern unbeliebt machen, sind sie doch die Schnuckeligen der Familie.

Anpassungsfähig & frühentwickelt

Sie lernen schon früh, sich an andere Menschen im engen Umfeld anzupassen, weil sie ja in der Familie dazugehören wollen. Dabei sind sie oft mit vielen unterschiedlichen Meinungen und Verhaltensmustern konfrontiert, die sie für sich filtern und gegebenenfalls übernehmen dürfen.
Oft befassen sich jüngste Kinder in Familien schon früher als ihre Geschwister mit Themen und Inhalten, die ihrer Entwicklung voraus sind, was teilweise hohe Anforderungen an ihr kognitives Denken stellt.

Grenzgänger & Austester 

Besonderes Durchsetzungsvermögen benötigen sie, wenn sie die von Geschwisterkindern ausgetretenen Pfade verlassen wollen und womöglich die ersten sind, die etwas „anders tun wollen“. Dabei profitieren sie meiner Meinung nach enorm von den meist schon tiefenentspannten Eltern. Bei den Jüngsten wird es oft nicht mehr so tragisch gesehen, wenn tägliche Bildschirmminuten, Vormittagssüßigkeiten oder nächtliche Ausgehzeiten verhandelt werden. Eltern haben bei den Küken bereits die Erfahrung gemacht, dass Gelassenheit ein guter Wegweiser ist und das Leben die Dinge schon richtet. Die jüngsten testen dennoch die elterlichen Grenzen auf ihr absolutes Belastungsmaximum, was schon manchmal aufreibend sein kann.

Persönliche Erfahrungen

Ich habe persönlich schon öfter gehört, dass die letzten Kinder die Familie so richtig abrunden. Wo beispielsweise in einer Familie mit drei Kindern vieles drunter und drüber ging, beruhigte sich das System erstaunlicher Weise mit einem vierten Kind. So, als wäre man noch nicht komplett gewesen. Auch wenn die jüngsten Kinder sehr oft diejenigen sind, die am wenigsten geplant waren (zweifach hautnah erlebt), sind sie dann nicht mehr weg zu denken und genau so wichtig und wertvoll wie jedes andere Kind in der Reihe, auch wenn sie unter anderen Vorzeichen aufwachsen.

By the way: „planen“ und „Kinder kriegen“ sollte man erst gar nicht in einem Satz verwenden.

Augenaufschlag & Bestechungsmanöver

Als Mutter von drei Kindern kann ich bestätigen, dass es schwer fällt, dieselben „Grenzen“ für Kinder aufrecht zu erhalten – sei es bei „wann darf ich alleine ins Freibad gehen“ bis zu „wann bekomm ich mein erstes Handy“. Nicht zuletzt, weil auch die Zeit nicht stehen bleibt und es Entwicklungen gibt, die Eltern auch berücksichtigen sollen. Ich ertappe mich selbst dabei, milder mit der Einhaltung diverser Zusammenlebensregeln zu sein, das Kuscheln mit dem Küken länger zu genießen, weil mein Schoß von keinem jüngeren Kind besetzt ist und manchmal ein wenig dem Augenaufschlag und Bestechungsmanöver des Nesthäkchens zu erliegen. 

Gleich vs. gerecht

Da erinnere ich mich dann selbst daran, dass „gleich“ nicht immer „gerecht“ ist und manchmal nur gleich auch gerecht ist. In welchem Fall was anzuwenden ist, entscheidet natürlich jede Familie für sich selbst. Ich versuche dennoch, das jüngste Kind nicht zu schonen, was Haushaltstätigkeiten betrifft und werde dabei auch beständig von den beiden Älteren daran erinnert. Das abgetragene Gewand wird trotzdem weiter gereicht, weil das abgesehen von persönlichen Eitelkeiten einfach ökologisch und ökonomisch ist. Dass das Smartphone nicht früher in die Kükenhände kommt, auch wenn alle Klassenkollegen schon eins haben, nur er wieder nicht. 

Es gibt nicht immer ein „eindeutiges Richtig“ oder ein „sicheres Falsch“ bei diesem elterlichen Tun. Am meisten zählt wohl, dass wir uns der Unterschiedlichkeit unserer Kinder bewusst sind, reflektiert und kritisch betrachten, dass es halt Vorteile und Nachteile in jedem Rang gibt und stets versuchen, das beste daraus zu machen, was uns gegeben ist.

Also falls wir’s wieder mal ordentlich versemmeln, sei gesagt: die besten Eltern machen (laut Jesper Juul) mindestens 20 Fehler pro Tag

Und ganz ehrlich: über irgendwas müssen die Kinder ja dann mal lachen können, wenn sie in fünfzehn Jahren bei der Familienfeier sitzen und über ihre Kindheit quatschen … grauenvolle Vorstellung, wenn sie feststellen, dass alles immer wie am Schnürchen lief, oder?!


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