Das Familienmobile

Das Familienmobile

Warum sind wir innerlich aufgewühlt, wenn Konflikte in Familien hochkochen, warum lässt uns ein Geschwisterstreit nicht einfach kalt und welche Dynamiken wirken in Familien?
Familien sind komplexe Systeme, die Mitglieder sind alle miteinander verbunden und es gibt unterschiedlichste Zusammenhänge, was die Beziehungen angeht. Über systemische Ordnung in Familien, geschriebene und ungeschriebene Gesetze, die auf uns wirken und der Versuch, das mit einfachen Bildern zu erklären.

BRÜDERSCHAFT UNTER ERSCHWERTEN BEDINGUNGEN

Alle Welt blickt dieser Tage auf die Prinzen des englischen Königshauses: William und Harry. Nach heftigen Vorwürfen und Anschuldigungen im Rahmen eines Fernsehinterviews bei Oprah Winfrey hing der Haussegen wohl mehr als schief, es gab – laut den immer wachsamen Beobachtern der Royals – wohl dicke Luft und viel, viel Ärger zu verdauen. Dieses Wochenende werden sie am Begräbnis ihres Opas, Prinz Philipp, unter den Augen der Öffentlichkeit die Last dieses Konfliktes schultern und jede Regung wird Anlass für Spekulationen sein, ob sie sich nun versöhnt haben, oder nicht. Man kann darüber denken, wie man will. Das ist jedenfalls definitiv Brüderschaft unter erschwerten Bedingungen. Dazu hat mich auch Barbara Rohrhofer diese Woche befragt, im Auftrag der OÖN – hier kannst du’s nachlesen!

AMATEURKLASSE DER KONFLIKTLÖSER

Geschwisterstreit und Konflikte zwischen Eltern und Kindern kommen aber in den besten, wenn nicht in jeder Familie vor. Warum? Weil wir Menschen nun mal verschieden sind und Konflikte nichts anderes ausdrücken, als dass einer eben andere Bedürfnisse und Wünsche hat, als die andere und wir gefordert sind, diese dann auf respektvolle Art zu schaukeln. Also Konflikte sind per se jedenfalls nichts Schlechtes, sondern einfach Ausdruck von Unterschiedlichkeit. Unsere Strategien mit Unterschiedlichkeit umzugehen sind es, die das ganze Thema oft so leidvoll, verletzend und kränkend machen, weil wir nie richtig gelernt haben, über Bedürfnisse und Gefühle ordentlich zu sprechen, uns darüber klar ausdrücken können und wenn doch, dann trotzdem oft zu wenig Übung darin haben und eher in der Amateurklasse der Konflikte kämpfen als in der Profiliga.

AUF GEDEIH UND VERDERB AUSGELIEFERT

Was aber nun in Familien anders ist, als zwischen den meisten anderen Menschen, mit denen wir auch manchmal Konflikte austragen, wie Arbeitskollege, Chefin oder Nachbarin, ist folgendes. In Familien bestehen besondere Verbindungen – naja, das ist ja jetzt keine große Überraschung – durch die Bindung, die im engen Kontakt miteinander aufgebaut wird. Besonders unter Geschwisterkindern (und Ehepartnern) gibt es eine Nähe und Vertrautheit, die nicht immer als wohltuend und angenehm empfunden wird. Nämlich besonders dann, wenn diese Nähe verwendet wird, um den anderen genau da zu verletzen, wo es ihm oder ihr am meisten weh tut. Und das weiß man sowohl als Geschwisterkind, als auch als langjährige Ehepartnerin. Was Geschwister allerdings von Ehepartnern nochmal unterscheidet, dass sie sich dieses enge Verhältnis nicht freiwillig ausgesucht haben, sondern von den Eltern quasi auf Gedeih und Verderb einander ausgeliefert sind. Die Liebe zueinander ist nicht natürlicherweise gegeben!

WENN BEWEGUNG INS MOBILE KOMMT

In meinen Workshops erkläre ich diese Verbundenheit und die damit einhergehenden Dynamiken gern anhand eines Mobiles. Mobile, du weißt schon: süße, wackelige Dinger, wo sich Schnüre verheddern können, die wir den Babys gern über die Wiege hängen zur Unterhaltung.

Also. Mobiles mit den daran hängenden Gegenständen gleichen im systemischen Weltbild Familien (und anderen sozialen Gefügen, wie Freundeskreis, Großfamilie, Verein, Arbeitskolleginnen,…) in verschiedenen Gesichtspunkten. Ein Familienmobile entsteht, wenn ein Paar eine Beziehung eingeht. Neue Beziehungen sind immer ein wenig aufregend und wichtiger als das Alte und Bekannte, es gibt viel Bewegung, also Dynamik, jeder findet erst nach und nach seinen Platz und seine Rolle. Wie wenn man auf einem Mobile eben etwas oder jemanden “dazu hängt”. 

AUF DER SUCHE NACH HARMONIE

So kann man grundsätzlich festhalten: Familienmitglieder verhalten und fühlen sich wie die Teile eines Mobiles. Wenn Leben dazu kommt (ein Kind geboren wird), wenn jemand das Mobile verlässt (wenn jemand verstirbt), viel Wirbel macht, oder ein neues “Mobile = Familie” gründet, können die restlichen Personen in der Gruppe gar nicht anders, als zu reagieren. Sie müssen sich mitbewegen und sind beeinflusst von dem, was andere Menschen im selben Mobile machen. Zumindest ist es enorm energieaufwendig, wenn man versucht, nicht “mitzuschwingen”, dagegen zu halten oder keine Notiz von der Dynamik zu nehmen. Ein Mobile, wie eine Familie oder ein anderes systemisches Gefüge, strebt grundsätzlich nach Harmonie. Das heißt: mit etwas Zeit und wenig Störung von außen werden die Erschütterungen weniger und die Menschen kommen zur Ruhe.

OB WIR WOLLEN ODER NICHT

Wie zeigt sich das in der Praxis? Wenn ein Kind geboren wird, “schwimmt” man oft ein Weilchen, bis man als Paar wieder in einen neuen Alltag hinein findet. Wenn ein Geschwisterkind dazu kommt, besteht manchmal (große) Unsicherheit, alles fühlt sich wackelig an, ältere Kinder brauchen plötzlich wieder einen Schnuller, mehr Einschlafbegleitung, die Windel, obwohl sie eigentlich schon “rein” waren … und alles, weil das unterbewusste Gefühl sagt: unsichere Zeiten, alles durcheinander, Kontrollverlust – bitte eine Stufe zurück auf eine gesicherte Basis! Für erwachsene Geschwisterkinder kann eine Veränderung (wenn jemand auszieht von zuhause) auch eine Erleichterung bringen, weil man plötzlich besser Nähe und Distanz regulieren kann und dadurch eine harmonischere Beziehung zueinander aufbauen kann. Dynamiken sind vielschichtig und komplex, oft auch verworren. Doch fest steht: wir beeinflussen einander, ob wir nun wollen oder nicht.

GLEICHWÜRDIG, GLEICHWERTIG und IN ORDNUNG

In der systemischen Ordnung, die von Bert Hellinger begründet wurde, er nennt sie “Ordnungen der Liebe”. Man geht davon aus, dass Systeme (Mobiles) einer genauen Ordnung unterliegen und es für Beteiligte speziell dann leidvoll und mühsam wird, wenn diese Ordnungen durcheinander geraten. Es ist überaus wichtig, dass JEDER im System nicht nur gesehen wird und seinen Platz hat, sondern auch, dass es eine Rangordnung gibt, die sich aus dem Zeitpunkt des Anfangs der Zugehörigkeit ergibt. Das heißt, jemand, der früher in eine Gruppe kam, hat Vorrang gegenüber dem, der später hinzukommt. Partner haben Vorrang gegenüber den Kindern. Die Reihenfolge der Kinder ist von Bedeutung und gibt innere Freiheit. Neue Systeme haben Vorrang gegenüber alten Systemen. Lebende und Verstorbene brauchen Anerkennung und ihren rechtmäßigen Platz. Jeder ist dennoch gleichwürdig und gleichwertig als Mensch.

LEIDEN IST OFT EINFACHER ALS LÖSEN

Wenn nach einer gewissen Starre, einer beziehungsmäßigen Eiszeit oder einer Entfremdung also dann wieder Bewegung in ein System kommt, besteht immer für alle Beteiligten die Chance und Gelegenheit, aufeinander zu zugehen. Wie bei Geburten, Hochzeiten oder Trauerfällen, Schicksalsschlägen und Ähnlichem. Es fällt vielleicht etwas leichter, durch eine Initialzündung im Mobile und dennoch gibt es keine Garantien. Nicht bei königlichen Hoheiten und auch nicht bei ganz normalen Familien. Die gegenwärtigen Kernfamilien (der Prinzen) haben Vorrang gegenüber dem alten System und doch bleibt man immer miteinander verbunden. Dynamiken wirken oft über den Tod hinaus und was sich zu Lebzeiten lösen lässt, darf man ruhig angehen. Und nicht immer ist es möglich, auf das Hinzuschauen, was Leidvoll ist. Manche Geschichten sind auch einfach zu viel für ein Menschenleben. Doch wenn man ein bisschen Ordnung schaffen kann, falls das nötig ist, dann zahlt es sich jedenfalls aus.

JEDEM MENSCHEN SEINEN PLATZ

Wir werden sehen und hören (weil die Presse ja wie ein Geier über den Royals als deren Beute kreist), ob es dem Brüderpaar gelingen wird, die Verletzungen und Kränkungen auszusprechen. Ich wünsch es mir für die beiden und für jede andere Geschwisterreihe, in der sich die Fronten aus welchen Gründen auch immer verhärtet haben:

…dass Bewegung rein kommt,
…dass ein aufeinander zugehen möglich wird und
… dass jeder Mensch seinen gerechten und würdevollen Platz einnehmen kann in den Systemen seines Lebens.

5 Talente, die Eltern brauchen

5 Talente, die Eltern brauchen

„Ich doziere hier herum, obwohl ich eigentlich gar kein gelernter Vater bin. Das ist überhaupt eins der Dramen im Leben, dass man für alles eine Befähigungslizenz braucht, dass man einen Führerschein braucht, eine Lehre muss man für alles Mögliche machen nur für das wirklich Wichtige im Leben, das Schwierige, das Kinder-aufziehen, das soll man einfach so können. Das wird als bekannt vorausgesetzt und … dann steht man da … mit seinem Talent.“ R. Mey
Über 5 Talente, die alle Eltern brauchen!

WIR MACHEN DAS MAL GANZ ANDERS

Reinhard Mey drückt in diesen Eröffnungssätzen für einen Konzertabend des Albums „Mein Apfelbäumchen“ (große Empfehlung übrigens für alle Eltern kleinerer bis mittlerer Kinder) etwas aus, das nicht nur ich mir schon lange denke, sondern wahrscheinlich viele andere Menschen auch.
Wie kommt es bloß, dass wir so überzeugt sind, Elternschaft brauche keine bewusste Auseinandersetzung, dass alles um dieses Thema intuitiv stattfinden kann und dass (fast) jedes werdende Elternpaar (= Erwachsene ohne Kinder) sich denkt: „Ja, klar. Diese Eltern. Alle irgendwie komisch. So empfindlich, übertrieben, alles ist ein Problem. Pff, bei uns wird das bei uns mal ganz anders laufen.“

NACH DER GEBURT IST VOR DEM LEBEN

Versteh mich richtig: ich finde Leichtigkeit, Unvoreingenommenheit und eine gute Portion Positivität und Glaube an die eigenen Fähigkeiten nicht nur richtig und wichtig, sondern ehrlich notwendig für einen halbwegs glücklichen Start in den neuen Lebensabschnitt als Eltern. Und selbst bei der besten Einstellung, theoretischer und praktischer Ausbildung und Wissen rund ums Kind ist „selber Kinder zu bekommen“ ein eigenes Kapitel. Fast alle Eltern, die das erste Kind erwarten, bereiten sich auf die Geburt vor: Geburtsvorbereitungskurs, Akkupunktur, Teemischungen, Öle, Dammmassage, Gymnastik, Vorsorgeuntersuchungen, Hebammengespräch … alles mögliche wird unternommen für ein Ereignis, das eventuell nur wenige Stunden, hardcore-mäßig vielleicht nach ein paar Tagen vorbei ist. Und dann?

HINTER VERSCHLOSSENEN TÜREN

Nach dem EGT, dem errechneten Geburtstermin herrscht oft im Kalender gähnende Leere. Man weiß ja nicht, wann das Kind genau kommt, da muss man sich die Zeit frei halten. Diese Leere ist aber auch bezeichnend für die Planlosigkeit, die einen dann überfallen kann, wenn das kleine, bezaubernde Wesen erst mal geboren ist. Vorstellung und Wirklichkeit mögen im besten Fall eine große Übereinstimmung erfahren, doch ich hab noch nie von einer Mama gehört: „Ja, alles genau, wie ich es mir vorgestellt hab!“ Eher sehr häufig das genaue Gegenteil:

„Warum hat mir niemand gesagt, wie das wirklich ist?
War das bei euch auch so? Das bekommt man ja gar nicht mit!“ 

Frischgebackene MÜTTER beim ersten Kind

Ja, Elternschaft passiert ganz viel hinter verschlossenen Türen.


DIE ROLLE DEINES LEBENS

Die durchwachten Nächte, die man wippend mit dem Kind auf dem Arm im abgedunkelten Schlafzimmer auf und abgeht. Die Schreiphasen am Abend, weil der Tag für das Baby schon zu lang war, die Verdauung sich grad wieder mal umstellt oder tausende neue Impressionen des Tages verarbeitet werden wollen und das nur über das Ventil Schreien abgelassen werden kann. Die unfassbaren Wäscheberge, das wieder mal kalt gewordene Essen, das man „genießt“, der eintönige Alltag, oft den ganzen Tag kein „erwachsenes“ Gespräch führen. Man braucht besondere Talente, um diese neue Rolle des Lebens gut spielen zu können.

Und nein, es geht nicht um Schauspielkunst, obwohl ein Stück davon auch manchmal nicht schaden kann ;-).

TALENT 1: BEOBACHTEN

Wie lernt man am schnellsten und besten etwas kennen, was neu ist? Durch beobachten. Das gilt auch für Eltern. Übrigens nicht nur für frisch gebackene, auch erfahrene Eltern tun sich einen Gefallen, wenn sie sich mal öfter in die Rolle der Beobachterin begeben. Nur durch Beobachten kann man Informationen darüber erhalten, wie es dem Kind geht, was es vielleicht braucht oder nicht, wo grad das Interesse liegt, was es ärgert, begeistert, frustriert, fasziniert oder freut. Für dieses Talent braucht man vor allem geschärfte Sinne und viel Ruhe. Wache Augen, hellhörige Ohren, ein geschultes Näschen, feinfühlige Hände, sensible Geschmacksnerven und vor allem: ein offenes Herz. 

Dieses Talent leidet besonders, wenn viel los ist, wenn der Alltag laut und vollgepackt ist, wenn wir abgelenkt sind (von Bildschirmen) oder übermüdet, gestresst und unter Druck. 

TALENT 2: WAHRNEHMEN

Ist das nicht dasselbe wie beobachten? Nein, ich finde nicht ganz. Denn im Wort steckt schon der wesentliche Unterschied drinnen. Dass man etwas für “wahr” annimmt. Und zwar das, was man zuvor beobachtet hat.
Das heißt soviel wie: “Das Baby schmatzt mit den Lippen – es hat Hunger!” Statt zu sagen: “Das gibt’s doch nicht, ich hab doch eben erst gestillt, das kann nicht sein, dass es hungrig ist.” ODER: Das Kind haut und beißt das Geschwisterkind beim Aufteilen der Schokoladeneier – es ist frustriert” statt “Ich hab euch doch genau gleich viele gegeben, wie kannst du da beleidigt sein und einfach die Schwester beißen?”
Wahrnehmung heißt, dass es für diese Person wahr ist, was sie empfindet, sonst könnte es auch falschnehmung heißen. Es bedeutet, dass ich meinem Gegenüber (egal ob Baby oder Erwachsenen) SEINE oder IHRE Wahrnehmung zugestehe und sage: “Aha, so ist das also gerade für dich!” Das bedeutet nicht, dass ich es verstehen oder gut finden muss. Aber zu sagen: das stimmt nicht, dass du dich so fühlst …. du merkst schon beim Lesen des Satzes, dass das gar nicht geht.

Dieses Talent leidet besonders, wenn wir sehr von uns selbst eingenommen sind, uns schlecht auf die Realität des anderen einlassen können und nur mangelhaft zur Empathie fähig sind. 

TALENT 3: INTERPRETIEREN 

Hier kommt der kniffelige Teil für alle Eltern, deren Kinder sich noch nicht (ausreichend) sprachlich ausdrücken können. Deren Bedürfnisse oft überlebensnotwendig sind und eine exakte und prompte Befriedigung brauchen. Gar kein Druck, merkst du schon, nicht wahr? *ironieoff*
Wie soll man das jetzt sofort wissen, was das Baby braucht, wenn es unruhig ist oder schreit?
“Das weiß man als Mutter, sie weinen ganz unterschiedlich!” hab ich öfter als einmal gehört und dieser Satz ist schlichtweg Müll. Keine Mutter dieser Welt “weiß” das von der ersten Sekunde an. Und man lernt es. Indem man beobachtet und wahrnimmt und dann die Signale interpretieren lernt. Senkrechte Stirnfalten bei Babys bedeuten z.B. Anstrengung bis Überforderung, halb zufallende Augen bedeuten Müdigkeit, die Muskelanspannung ist ebenfalls aussagekräftig. Doch auch später braucht man dieses Talent. Wenn sich das Kind zurückzieht und wenig spricht: hat es Sorgen oder Ängste oder braucht es einfach nur Ruhe und Erholung? Wenn man aber nachfragen und mit dem Kind sprechen kann, wird es schon leichter für Eltern, weil wir uns “rückversichern” können, ob wir mit der Interpretation richtig liegen.Von der “schweren zur leichten” Aufgabe lautet es also auch hier für Eltern. Und das ist zach.

Dieses Talent leidet besonders, wenn zu viele Menschen uns von außen beeinflussen, dreinreden, die Impulse der Eltern stören und die Intuition verwundet ist.

TALENT 4: BEANTWORTEN

Damit ist nicht nur eine sprachliche Reaktion gemeint, sondern jegliche Handlung, die not-wendig ist, also die Not des Kindes wendet. Wenn man genau beobachtet, wahrgenommen und richtig interpretieren konnte, dann ist das Beantworten oder Reagieren auf die Bedürfnisse eines Säuglings oft der einfachere Teil. Meiner Meinung nach wird dieser Teil schwieriger und komplexer, je älter Kinder werden. Ganz einfach, weil es im ersten Lebensjahr hauptsächlich um essen, schlafen, tragen, pflegen und nah sein geht, wenn wir Bedürfnisse mit oder für die Kleinen regulieren. Danach wachsen nicht nur die Wünsche, Bedürfnisse und Träume der Kinder sondern auch sie selbst. Und manchmal uns über den Kopf. (Hier ist es bald so weit 😉 und ich freu mich drauf!) 

Dieses Talent leidet besonders, wenn wir in unseren Möglichkeiten und Ressourcen begrenzt sind, wenn wir wenig Unterstützung bekommen oder sehr enge Vorstellungen haben, wie wir handeln dürfen oder sollen, wenn wir uns also selbst begrenzen. 

TALENT 5: LOCKER BLEIBEN

Das ist genau so ernst gemeint, wie die ersten vier Talente. Es braucht Übung, es braucht Wiederholung, es braucht Erfahrung und es braucht Zeit, damit man als Eltern locker werden und bleiben kann.

  • Weil man am Anfang und beim ersten Kind halt alles besonders gut machen mag.
  • Weil man am Anfang halt so neu ist, dass die Unbeschwertheit fehlt (muss aber nicht sein!!).
  • Weil man am Anfang niemals weiß, wie es ausgeht, ob das eigene (Fehl-)Verhalten jetzt gut tut oder sehr viel “Schaden” anrichtet und wann das überhaupt wieder anders wird.

So geht’s den allermeisten Eltern und es hilft auch kein tröstender Spruch “… das wird schon wieder!” von der klugen Großtante oder ein “… mach dir nicht so viele Sorgen!” von der Nachbarin, wenn das eigene Drama grad den Höhepunkt erreicht. Vielleicht magst du dir den einen Satz mitnehmen: Anspannung und Druck führen selten zu guten Entscheidungen und Kinder halten oft viel mehr aus, als wir glauben. So lange du mit deinen Sinnen dabei bist, dein Herz offen ist und du deine Ansprüche nicht zu hoch anlegst, wird es gut genug sein. Denn:

Dieses Talent leidet besonders, wenn die Erwartungen überhöht sind, idyllische Bilder erzeugt werden wollen oder man in stark vergleichendes und konkurrierendes Denken verfällt. Und, wenn der Schlafmangel groß und die Unterstützung klein ist. 

POTENZIALENTFALTUNG

Eltern brauchen viele Talente. Im Lauf eines langen Elternlebens reicht das weit über das hier Genannte hinaus, doch diese paar bleiben mitunter die Wichtigsten und Wesentlichsten. Für alles andere hat man auch wesentlich mehr Zeit, um sie zu entfalten und entwickeln. 

Auch wenn man dann immer noch keine Befähigungslizenz braucht und Elternbildung immer noch ein “KANN” oder “nice-to-have” ist, wo sie doch – besonders dort, wo sie gar nie konsumiert wird – so dringend benötigt wäre. Verpflichtende Elternkurse? Ach, nicht so mein Fall. Doch das Bewusstsein erhöhen, dass Elternsein nicht etwas ist, was man einfach so “kann”, das darf doch deutlich erhöht werden. Es braucht die Botschaft, dass es nicht die “schlechten, unvollkommenen” Eltern sind, die Elternbildungsangebote nützen und dazu lernen wollen, sondern meiner Meinung und Erfahrung nach genau umgekehrt: die besonders bemühten, reflektierten, kritischen, selbstbestimmten und bewussten Eltern sind es, die bei mir aufschlagen.

  • Die, die eh schon recht viel recht gut machen. 
  • Die, die ohnehin oft schon ihr ganzes Herz eingesetzt haben.
  • Die, die sich immer wieder hinterfragen und entwickeln, auch wenn’s den Kindern gut geht.
  • Die, die Elternbildung auch als Persönlichkeitsbildung begreifen.
  • Und die Chance nutzen, mit und an ihrer Rolle zu reifen, zu wachsen, zu lernen und die ihre Talente und Potenziale auch hierbei zur Entfaltung bringen wollen.

Falls das ein kleines Plädoyer für Elternbildung war, dann tut es mir nicht Leid.

Ich brenne für diese Arbeit, ich mache sie leidenschaftlich gern und ich freu mich über jede Person, die einmal oder öfter oder immer wieder das Herz in die Hand nimmt und dieser Tätigkeit, dem Eltern-sein die Bedeutung und Wertschätzung gibt, die es braucht. VIEL. MEHR.
Wir begleiten hier die Erwachsenen von morgen, die Entscheidungsträger, Gestalterinnen und Zukunftsmacherinnen.

Für sie sollten wir diese Talente auspacken!


Plötzlich MAMA!
Ein Online-Kurs der MAMAkademie für Frauen, die ihr erstes Kind erwarten – UND deren Partner!

Weil niemand unvorbereitet in das größte Abenteuer des Lebens stolpern muss 😉 !


Wer ist hier der Boss?

Wer ist hier der Boss?

Die meisten von uns Menschen sind auf verschiedenen Ebenen mit Hierarchien aufgewachsen und leben damit. Lehrer, Pfarrer, Doktor, das waren vor zwei Generationen fix noch Obrigkeiten, die man einfach nicht in Frage gestellt hat. Ebenso wie Eltern.
Kinder leiden unter streng hierarchischen Eltern genauso wie unter führungslosen, die ständig auf einer Ebene mit dem Kind sind. Wer soll in Familien also der Boss sein? Braucht es das überhaupt? Ein Blick darauf, wie Autorität und Respekt heute gelebt werden kann, ohne dass Kinderseelen zu Schaden kommen.

KUSCHEN UND BASTA.

Die Kinder brauchen eine starke Hand. Es braucht einen starken Mann, der die Zügel in die Hand nimmt und  die Dinge in Ordnung bringt oder zumindest eine harte Mutter. Wer auch ab und zu mal alte Filme anschaut – oder sich womöglich selbst noch erinnern kann – weiß: es gab sogar Zeiten, in denen die eigenen Kinder ihre Eltern mit “Sie” angesprochen haben. Man wollte wohl damit erreichen, eine Respektsperson zu sein, sich ihre Achtung verdienen, den Kindern, der verdorbenen jungen Brut, mussten schließlich Manieren beigebracht werden, die mussten ordentlich erzogen sein und der Nachwuchs sollte bitte schon ganz früh lernen, dass man eben zu kuschen hat, wenn da jemand Höherrangiger was sagt. Basti. Ähm, Basta.

Doch: “starke Männer” haben’s noch nie für uns gerichtet. Eher im Gegenteil, wenn man die Geschichte so betrachtet.

DAS ABENTEUERLICHSTE KINDERMÄDCHEN

Wer den genialen Klassiker von Walt Disney “Mary Poppins” kennt, der im Jahr 1910 spielt, braucht bloß an die Anfangsszene zu denken, wie das nächste passende Kindermädchen gesucht wird und welche Kriterien da die Eltern anlegen – streng muss sie sein und unnachgiebig und bitte ja nicht zu freundlich zu den Kindern, sonst hören die ja niemals auf im Park davon zu rennen. Die Kinder schreiben daraufhin ihre eigene Stellenausschreibung, in dem deutlich wird, dass SIE ganz andere Bedürfnisse und Ansprüche an eine betreuende Person haben, als die Eltern. Und sie haben Glück, denn auf wundersame Weise fliegt ihre Notiz durch den Kamin und ruft das jedenfalls abenteuerlichste Kindermädchen auf den Plan. Mary Poppins. Mit Magie und Humor wickelt sie die Kinder (und Eltern) um den Finger.

SEELENRETTUNG BEI KINDERN

Kinder und Eltern haben verschiedene Ansprüche, Wünsche und Bedürfnisse, worüber ich schon öfter geschrieben hab, Stichwort Bedürfniskarussell. Das Bild vom Kind hat sich in den letzten Jahrzehnten krass verändert. Vom Menschen geringeren Werts, dessen Willen gebrochen, der zu einem strammen Staatsbürger herangezogen und gefügig gemacht werden sollte hin zu einem bedürfnisorientierten, beziehungsstärkenden und feinfühligen Umgang mit diesen sensiblen Geschöpfen. Es ist unglaublich, wie viel achtsamer, menschlicher und kindgerechter wir heute unserem Nachwuchs begegnen können (wenn wir wollen), weil wir um die Bedeutung von Nähe, Zuwendung, Bindung, Sicherheit, Beziehung, Autonomie und Zugehörigkeit in der Begegnung und Begleitung von Kindern wissen. Der Segen dieser Erkenntnisse der Bindungs- und Entwicklungsforschung kann gar nicht hoch genug bewertet werden. Sie retten und schützen Kinderseelen im großen Stil.

DAS PASST DOCH NICHT ZUSAMMEN!

Nun wirft das halt dieses alte Bild von der autoritären Erziehungsperson komplett über den Haufen. Und das neue Bild wird so oft missverstanden. 

  • Ja, wir orientieren uns am Kind. Und Eltern sind dennoch Führungskräfte in der Familie.
  • Ja, wir orientieren uns an Bedürfnissen. Und Eltern haben auch Bedürfnisse, die wichtig sin.
  • Ja, wir setzen auf Bindung. Und Eltern sind nicht die einzigen Bindungspersonen, die zumutbar sind.
  • Ja, wir stärken Beziehung. Und Eltern sind nicht die “best friends forever” ihrer Kinder.
  • Ja, wir begegnen uns auf Augenhöhe. Und Eltern haben dennoch die Autorität zu entscheiden.
  • Ja, wir leben Empathie. Und Eltern müssen nicht alles umsetzen, was Kinder fordern.

“Wie soll denn das jetzt gehen, bitte? Da ist doch ein Widerspruch in jedem Satz, Kerstin!!???”
Gut, dann versuch ich mal, das aufzudröseln. 

ORIENTIERUNG AM KIND & SEINEN BEDÜRFNISSEN

Anfangs ist das noch völlig klar: ein Neugeborenes ist schutzbedürftig, braucht uns und wir reagieren instinktiv prompt. So schnell kann man aber oft als Eltern nicht schauen, wird einem eingeredet:

  • “Ha, der weiß schon, dass du springst, wenn er weint!”
  • “Na, die hat dich ja ganz schön unter Kontrolle!”
  • “Gratuliere, wenn die mal in der Pubertät sind, hast du endgültig verloren!”

Als hätte plötzlich der Teufel die Seele des Kindes gekapert. Und als Elternteil musst du jetzt Hölle Staub drauf achten, dass das Kind nicht die Macht über dich erhält.
 Was für eine Sch#*%e. Kinder sind und bleiben bedürftig – wie wir Erwachsene, übrigens. Sie wollen (überlebens-)wichtige Bedürfnisse gestillt haben und haben dafür entweder gar keine Möglichkeit allein (Babys) oder einfach keine oder schlechte Strategien (Kinder von 1 bis 99), zumindest dann, wenn es dabei Konflikte gibt. Konflikte, bei denen sie an Bedürfnisse von anderen Menschen schrammen, vorzugsweise an die von (überlegenen) Erwachsenen.

SIEBZEHNHUNDERT MILLIONEN MAL

Was Kinder da brauchen ist keine Unterstellung von Böswilligkeit, sondern Erwachsene, die da durch begleiten mit viel innerer Klarheit und einem feinen Führungsinstinkt, die das Kind sehen und anerkennen, wie es ist und dann eine passende Entscheidung treffen, was zu tun ist. Es ist ein ständiges Abwiegen von Bedürfnissen aller betreffenden Personen und es gibt kein eindeutiges Richtig oder Falsch. Eine Grundregel gilt jedoch: je jünger das Kind, desto wichtiger ist es , SEIN Bedürfnis zu priorisieren. Und generell: je mehr Autorität notwendig ist umso mehr Empahtie braucht es für das Kind im selben Atemzug. Ein Säugling kann nicht eine Nacht lang vertröstet werden, weil Papa heute mal in Ruhe schlafen will. Ein Kindergartenkind kann sehr wohl einen Nachmittag mit Mama wo verbringen, wo es ihm nicht 100%ig gut gefällt. 
So stellen wir uns als Mütter wohl siebzehnhundert Millionen mal die Frage im Trubel des Alltags: Was ist jetzt wichtig? Was ist jetzt dringender? Wer kommt jetzt / als erste zum Zug?

BEZIEHUNG & BINDUNG IM FOKUS

In Walt Disney’s Klassiker hatten die Kinder sehr distanzierte Verhältnisse zu ihren Eltern – wofür Mary Poppins ja angerückt kam. Das bis Anfang der 80er Jahre noch ein gängiges Bild: “Lass die Kindern nicht zu nahe kommen, da werden sie so verwöhnt.” Das hat meine Mama noch so gehört und glücklicherweise früh anders gemacht.

Und so verkehrt sich das auch damals schon für Mütter angefühlt hat, so verkehrt war es auch. Wir brauchen Nähe, um Beziehung zu erleben. Wir brauchen Bindung, um Sicherheit zu spüren. Und wir Eltern haben die wichtige Aufgabe, diese Basis mit unseren Kindern zu bauen.

Wenn das Kind aber auch nach mehreren Jahren keine andere Bindungsperson zulässt und stur darauf beharrt, dass “nur” Mama oder Papa in Frage kommen, obwohl es auch Omas, Tanten oder sonstige Bezugspersonen gibt, dann darf man auch über die Zumutbarkeit nachdenken. Ja, wir Eltern sind meist die wichtigsten Bindungspersonen für unsere Kinder. Und wir tun ihnen keinen Gefallen, wenn wir keine anderen Menschen zulassen, auch ihre Beziehung zu ihnen auf zu bauen. Kinder brauchen, von Anfang an und vor allem ab dem Kindergartenalter andere Bezugspersonen, um ihren Platz in der Gesellschaft finden zu können und das ist oft mühsam und gefühlsbetont, und gut. Als Eltern ist es gut, sich der eigenen Besonderheit im Klaren zu sein und dann ist es gut, zu wissen: 

  • Eltern sein ist kein Beliebtheitswettbewerb.
  • Eltern brauchen nicht die besten Freundinnen der eigenen Kinder sein.
  • Eltern können viele Rollen einnehmen, aber niemals alle (Lehrerin, Trainer, sonstwas). Sorry, not sorry.

AUF AUGENHÖHE & EMPHATISCH

Von oben herab, desinteressiert und unterdrückend ist man lange Zeit mit Kindern umgegangen. “Das hat uns ja auch nicht geschadet!” oder “Aus uns ist auch was geworden!” hört man dann oft, wenn es darum geht, warum das ungünstig für Kinder ist. 
Man kann antworten: “Woher willst du das wissen, dass es dir nicht geschadet hat?” oder “Und wie wäre es erst gewesen, wenn jemand auch noch an dich geglaubt hätte!” Es stimmt: viele Menschen sind faszinierend resilient, stecken widrigste Umstände erstaunlich gut weg und sind kaum beeinträchtigt von kindischem, kontrollierendem oder unterdrückendem Verhalten der eigenen Eltern. Ich bin immer wieder erstaunt darüber, was der Mensch aushält.

Es ist meine tiefste Überzeugung, dass es immer gut tut, wenn mir jemand auf Augenhöhe begegnet und umgekehrt. Wenn mir jemand meine Realität zugesteht und umgekehrt. Wenn mich jemand so sein lassen kann, wie ich bin und umgekehrt. 
Autorität und Respekt geht ohne autoritär oder unterdrückend zu sein. Es geht auch auf Augenhöhe. So mit Kindern zu leben heißt: ihnen menschlich ebenbürtig zu sein, ihren Bedürfnissen gleich viel Bedeutung zu schenken wie den eigenen und sie empatisch zu begleiten, mit ihnen zu fühlen und sie anzuerkennen, wie sie sind. Autorität und Respekt beginnen mit innerer Klarheit, Ruhe und Selbstvertrauen – was ich wohl kaum erlerne, wenn mich dauernd jemand klein macht.

Gleichzeitig dürfen und sollen Eltern die Verantwortung übernehmen, Entscheidungen zu treffen. Und bedürfnisorientiert heißt bitte nicht, dass immer die Bedürfnisse des Kindes sofort umgesetzt werden müssen. Es heißt, diese zu erkennen, benennen und dann abzuwägen, was JETZT zu tun ist. Es geht nicht darum alle Wünsche möglichst schnell zu erfüllen, sondern darum, sie zu hören, zu sehen und zu benennen und dann nach passenden Lösungen zu suchen und Strategien zu entwickeln.

Um sich selbst zu helfen.
Dem Kind zu helfen.
Dem Kind zu helfen, sich selbst zu helfen.
Und dabei als Erwachsene Person stets das Steuer in der Hand zu haben.

WER IST HIER DER BOSS?

Kinder brauchen Sicherheit und Orientierung. Sie brauchen Zuwendung, Anerkennung, Nähe und Zugehörigkeit, gleichzeitig Autonomie und elterliches Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Auf diesen großen Familientankern sind wir die Steuerfrauen und Steuermänner, wir haben die Übersicht, die Lebenserfahrung, die Verantwortung und die Entscheidungsfähigkeit und sorgen dafür, dass es der Crew an Bord gut geht, dass sie mitreden und mitwirken dürfen, dass diese Bootsfahrt eine halbwegs angenehme Reise wird. 


Als Eltern dürfen und sollen wir IMMER auf der Seite unserer Kinder sein, sie stärken und motivieren, sie auch anleiten und führen und ganz, ganz viel begleiten, wenn sie sich nach und nach vom elterlichen Frachtschiff entfernen und auf eigene Faust die Weltmeere besegeln (oder auch nur den ersten kleinen Teich). Und solange wir alle zusammen auf diesem Schiff sind, sind wir Erwachsenen der Boss. Wir sind Kapitäninnen und Kapitäne. Und haben das Steuer fest in der Hand.

Und auch wenn wir selbst mal die Orientierung verlieren, ein Notfall an Bord auftritt und wir nicht mehr weiter wissen, sind wir ZUSTÄNDIG und VERANTWORTLICH.

Und Magie und Humor sind wie schon bei Mary Poppins nicht nur wichtig sondern auch hilfreich.

Mental Load – eine Ladung Gedanken

Mental Load – eine Ladung Gedanken

Eine Ladung Gedanken.

An die Musikstunde des Kindes denken. Noch Brot holen, das ist schon wieder aus. Schauen, ob das Kind auch halbwegs die Schulsachen beisammen hat. Die Englisch Vokabel bei der Mittleren prüfen. Sieben Euro für den Werkunterricht bereitlegen. Die Große zur Freundin chauffieren. Waschpulver kaufen und – hab ich schon die Zahnarzttermine vereinbart?
Gedanken, die sich vor allem Mütter machen, die Schaltzentralen in Familien. Was das Schwierige daran ist und welche drei kleinen Lösungsgedanken ich für dich hab.

EINE LADUNG GEDANKEN

Im Kopf einer Mutter ist es kaum einmal still, das Rattern der Gedanken fängt oft beim ersten Augenaufschlag an und geht weiter, bis abends die Lider wieder runterklappen. Es ist kein Full-Time-Job, sondern weit mehr als das. Und selbst wenn die Hände mal ruhen, gehen die Gedanken immer noch im Kreis, weil sich zu viele To-Dos oben tummeln und die Kommandozentrale einer Familie so gut wie nie geschlossen hat. Das ist gemeint, wenn man von Mental Load spricht, der mentalen Last, der Ladung Gedanken, die Frauen täglich tragen und die einen beizeiten fertig machen kann.

WO DIE FÄDEN ZUSAMMENLAUFEN

Auch, wenn ich Familienmitglieder hab, die mittlerweile wissen, dass wir kein Hotel sind, sondern eine Wohngemeinschaft und auch wenn sie relativ bereitwillig ihre Tätigkeiten übernehmen, ist es immer noch zu gefühlten 95% so, dass die Aufgabe vorher in meinem Kopf schwirrt und ich sie jemandem delegiere, bevor ich innerlich ein Hakerl machen kann. Es geht also weniger darum, alles oder so vieles selbst zu machen, es geht darum, dass bei den Frauen oft (nicht zuletzt wegen der einfacheren Verfügbarkeit) alle Fäden zusammenlaufen und dieser Wollknäuel allein schon aufs Gemüt drücken kann, bevor man irgendeine Tätigkeit auch wirklich angeht. 

VON SELBST GEHT GAR NIX

Ich nenne gern noch ein Beispiel, um das zu untermalen. Wenn Männer (oder Kinder) den Einkauf übernehmen, dann gibt es eine Liste und mit ziemlicher Sicherheit kommt kein Ding mehr (oder weniger) mit nach Hause als da drauf steht. Wenn ich selbst durch die Regale flitze, sehe ich das Mehl und denke – “Oh, da haben wir nur noch ein Kilo” und im Vorbeigehen nehm ich noch Salz mit und eine Flasche Spülmittel, das wird auch schön langsam alle. Das ist kein Vorwurf sondern eine schlichte Tatsache und es ist eine kniffelige Aufgabe, hier für mehr Gerechtigkeit und Ebenbürtigkeit zu sorgen. Selbst, wenn die (minderjährigen) Mitbewohner gewillt sind – von selbst geht meistens gar nix.

3 HOFFENTLICH HILFREICHE GEDANKEN

“Als Mann teilt man mit. Als Frau suchst du an”, sagt meine Freundin Verena gern durchaus genervt, wenn es um die Betreuungsübernahme der Kinder für den bevorstehenden Mädelsabend oder Stammtisch geht. So weit, so ungerecht.

Wie rückt man diesem Thema nun zu Leibe? Da ich nicht mehr darüber rede, ob das wirklich so anstrengend ist, das Alltagsmanagement einer Familie über zu haben (weil das einfach Fakt ist), bin ich auf der Suche nach Lösungen, wie man sich im Strudel der familiären Arbeitsfelder mehr Leichtigkeit schaffen kann.
3 hoffentlich hilfreiche Gedanken dazu:


#1: ANSPRECHEN UND AUSSPRECHEN STATT ANNEHMEN

Ja, zunächst ist es wichtig, das aus zu sprechen. Viele Menschen wissen überhaupt nicht, was man damit meint, wenn man von Mental Load spricht. Es ist das Gefühl (oder die Tatsache) sich um alles kümmern zu müssen und auch wenn es sich dabei um Kleinigkeiten handelt, macht eben die Dosis das Gift. Während der Arbeit an die Mathezetteln des Kindes zu denken. Während dem Frühstück sich Gedanken ums Mittagessen zu machen. Während dem Taxifahren geschickte Arbeitsabläufe im Kopf zu erstellen. Es braucht ein größeres Bewusstsein für diese gedankliche Arbeit, wir dürfen aussprechen und ansprechen, was sich alles an Aufgaben anhäuft und dann geht es an den wirklich kniffligen Teil: sich ebenbürtig an diese To-Dos herantasten. Was das Einkaufen betrifft, gibt es hier seit etwa einem Jahr eine App (“Bring!”), in die alle Familienmitglieder eintragen können, was sie als “fehlend” bemerken. Somit hat sich zumindest das Einkaufen auf Zuruf “Mama, die Milch ist aus!” drastisch reduziert. Wer das gewünschte Lebensmittel nicht aufschreibt bzw. eintippt, hat kaum Chancen, dass es nach Haus kommt. Die Verantwortung liegt nicht mehr bei mir allein. Dafür laufen wir wie die Irren im Supermarkt alle mit Handy rum und aktualisieren die Liste.

#2: KEINE AUSREDEN MEHR

Das scheitert ganz oft nicht am guten Willen der beteiligten Erwachsenen, sondern auch an der Tatsache, dass Frauen noch immer so viel mehr von der unbezahlten Care-Arbeit leisten, weil es schlichtweg eine wirtschaftliche Entscheidung ist, und sich die Frage: “Wer sorgt für die Erwerbsarbeit?” einfach nicht stellt, wenn der Mann eineinhalb mal so viel verdient im Job. So rutschen Frauen in diese Kümmerrolle und haben dann die Not in Dosen. Spätestens, wenn sie selbst wieder erwerbstätig (auch mit “nur” so wenig Stunden) sind und die anderen Dinge wie Carearbeit und Haushalt weiterlaufen wie gewohnt.
 Das Mühsame ist: niemand außer uns wird Interesse daran haben, an diesem Umstand etwas zu ändern (weil, bequem ist es ja für die anderen) und so bleibt auch das Aufdecken, Anstupsen und Anregen wieder bei uns hängen. Also:

  • es ist gut und wichtig, darüber zu reden.
  • Es ist gut und wichtig, dafür Bewusstsein zu schaffen.
  • Und es ist gut und wichtig, für gerechtere Verteilung zu sorgen.

Weil alles, wofür man keine primären Geschlechtsteile braucht, genau so gut von einem Mann erledigt werden kann wie von einer Frau. Oder von einem Kind, wenn es eine altersgerechte Tätigkeit ist. Es gibt also keine Ausreden mehr von geschlechtswegen, etwas nicht tun zu können, das ist einfach Blödsinn. Das gehört deutlich gesagt. Tut mir Leid, liebe Männer – ich weiß, die Nachricht ist bitter.

#3: ÜBERNEHMEN STATT HELFEN

Ich achte seit vielen Monaten darauf, wie oft mir das Wort “helfen” über die Lippen kommt, wenn es um Tätigkeiten geht. Immer öfter gelingt es mir, “helfen” einzutauschen und stattdessen das Wort “übernehmen” zu verwenden, weil “helfen” impliziert, dass es eigentlich meine Aufgabe ist und mir jemand dabei was abnimmt. Wenn ich von übernehmen spreche, ist für mich gefühlt klarer, dass die Aufgabe zu erledigen ist und sie im Ursprung überhaupt nie zugeteilt war. Das ermöglicht, dass wir uns durch Sprache weniger Verantwortung auftürmen, als wir ohnehin tragen. Weil, du ahnst es schon: Sprache Realität schafft und es einfach einen Unterschied macht, was wir wie sagen. Auch Kinder können und dürfen früh eingebunden werden in den Bereich der Hausarbeit, nur so kann es irgendwann selbstverständlich werden, den eigenen Teil zum Gelingen einer Familie beizutragen und unsere mentale Last zu erleichtern.

DAS HABEN WIR DAVON!

Was haben wir und vor allem die Anderen davon, sich in diesen Belangen eine neue Umgangsweise zuzulegen? Nun, unsere Vorteile liegen auf der Hand.
Doch auch unsere (minderjährigen) Mitbewohner können davon profitieren und lernen, nämlich dass …

… es miteinander leichter geht.
… es gemeinsam oder nebeneinander lustiger ist.
… jeder Verantwortung für das Gelingen des großen Ganzen trägt.
… jeder wichtig ist und ein wertvoller Teil der Familie.
… alle gehört werden und sich einbringen dürfen.
… uns Zuschreibungen und Rollenklischees immer einengen, egal welches Geschlecht.
… wir die Freiheit haben, Aufgaben so zu verteilen, wie wir es individuell für gut befinden.
… demokratische Prozesse anstrengend sein können, aber wichtig sind.
… die Stimmung sich deutlich verbessert, wenn man auf Augenhöhe agiert.

Am Montag begehen wir den internationalen Frauentag. Es wäre schön, sagen zu können: “Das brauchen wir doch nicht mehr!”, doch es ist nicht so. Immer noch gibt es zu viele haarsträubende Ungerechtigkeiten, immer noch gibt es zu viele fixe und klischeehafte Rollenbilder und immer noch ist die Aufteilung von Arbeit (geschweige denn, deren Bezahlung) ungerecht verteilt.

Also wiederhole ich gern einen Absatz aus einem Instagram-Beitrag vom letzen Jahr: nehmt diesen Tag und FEIERT:

Jede Pionierin,
jede Mutter,
jede Rebellin,
jede Mentorin,
jede Unterstützen,
jede Legende,
jede Heldin,
jede Kämpferin,
jede Schwester,
jede Freundin,
jede Feministin

und denkt daran, DANKE zu sagen, wenn ihr schon mal ihre Unterstützung von ihr erfahren habt!

Kommentar schreibenKommentare: 2

  • #1Verena (Samstag, 06 März 2021 08:21)Liebe Kerstin!
    Welch wahre Worte…und wie passend zum kommenden Welt-Frauen-Tag! Danke fürs Verschriftlichen, das dir wie immer hervorragend gelungen ist und DANKE fürs Bewusstseinschaffen!!
Mit dem Kind stimmt was nicht!

Mit dem Kind stimmt was nicht!

Das Kind ist zu aufmüpfig. Das Kind ist zu zurückgezogen. Es ist zu impulsiv. Es ist zu passiv. Das Kind kann sich nicht benehmen. Es manipuliert dich doch!
Welcher Elternteil hat nicht schon irgendwann mal so einen (oder ähnlichen) Satz gehört oder gedacht und wurde vom heimlichen Gefühl beschlichen: „…mit dem Kind stimmt was nicht!“
Was so ein Denkansatz mit Eltern und Kindern macht und was Eltern wissen dürfen, wenn ihnen so ein “Befund” aufs Auge gedrückt wird, darum geht‘s in diesem Beitrag.

AM RANDE DES WAHNSINNS

So oft erlebe ich Coachings, in denen Elternteile fast verzweifelt anrufen oder kommen und mit den verschiedensten Verhaltensweisen des eigenen Nachwuchs nicht (mehr) umgehen können. Weil das Kind Trotzanfälle allererster Sahne am laufenden Band serviert, weil es in der Schule mit der Lehrkraft auf unschöne Weise aneckt, weil es die Geschwister bis zur Weißglut ärgert, im Spiel die eigenen Freundinnen terrorisiert oder die Eltern mit geschwindelten Aussagen an den Rand des Wahnsinns treibt.

DAS ENDE DER WELT

Die ersten Beanstandungen am Verhalten (junger) Kinder kommen meist vom Außen. Die Schwägerin, der Nachbar, die Lehrerin, der Trainer, die Freundin, der Schwiegervater … wer auch immer es ist, sieht die Dinge meistens „klar“ und knallt so eine Einschätzung den oft bemühten Eltern ganz einfach vor den Latz: „Du solltest mit dem mal wo hin gehen, mit dem stimmt was nicht!“ Eine sehr viel schlimmere Botschaft kann man Eltern kaum überbringen, solche Worte empfinden Mütter und Väter fast als das Ende der Welt.

HANDELN FÜR SICH – NICHT GEGEN DICH

Vor lauter Schock beginnt man sich dann zu rechtfertigen, Dinge zu verharmlosen oder das Kind zu beschimpfen, bestrafen oder bedrohen. Oder noch besser: alles zusammen. Anstatt einfach mal stehen zu bleibentief zu atmen und sich einen Moment Zeit nehmen zum Wahrnehmen. Denn es gibt fast immer einen guten Grund, warum Kinder so handeln, wie sie handeln. Auch wenn ihnen das selbst natürlich nicht dauernd bewusst ist. Sie handeln immer für sich. Und nicht gegen dich oder jemand anderen.

GEGEN DIE EVOLUTION

Die Schwierigkeit ist, dass wir das allzu oft vergessen und dem Kind Vorsetzlichkeit unterstellen. Oft hört man schon bei Säuglingen von manch „klugen“ Menschen: „…. ah, die hat dich schon in der Hand. Die weiß schon, dass du springst, wenn sie ein bisschen weint!“ Dabei wäre es absolut gegen die Überlebensfähigkeit der Menschheit, wenn Säuglinge schon bewusst ihr Verhalten steuern oder gegen die Eltern richten könnten. Es würde sie davon abhalten, teils überlebensnotwendige Bedürfnisse einzufordern, vor lauter Bemühen, den Eltern „gefallen zu wollen“, sie nachts nicht oft aufzuwecken oder Ähnliches. Solche Dinge bewusst steuern zu können, wäre schlicht hinderlich für die Evolution.

BEDÜRFTIGER MENSCH TRIFFT AUF BEDÜRFTIGEN MENSCHEN

Das zweite Problem ist, dass Bedürfnisse – so ungeeignet sie auch geäußert werden mögen – immer auch auf Menschen treffen (wie uns als Eltern), die ebenfalls bedürftig sind. Meist bräuchten sie genau das Gegenteil von dem, was das Kind braucht.

  • Ein Säugling braucht in der Nacht oft Sicherheit und Nahrung. Eltern Ruhe und Erholung.
  • Kindergartenkinder brauchen Kreativität und Chaos und Matsch. Eltern Ordnung, Regeln und Sauberkeit.
  • Schulkinder brauchen vielleicht nachmittags Bewegung, Lernbegleitung und wildes Spiel. Eltern brauchen vielleicht Entspannung, Frieden und Stille.
  • Pubertierende brauchen Freiheit, Unabhängigkeit und Vertrauen. Eltern wollen oft Kontrolle, Vorschriften und Sicherheit.

BEDÜRFNIS OKAY – STRATEGIE UNGÜNSTIG

Wenn dann ein Kind nachts lang nicht durchschläft, ein Kindergartenkind nie aufräumen will, ein Schulkind sich schwer an Regeln hält und Pubertierende den Eltern den Rücken kehren, dann kann man innerlich leise runter zählen, bis jemand sagt: mit dem Kind stimmt was nicht. Du hast du Kontrolle verloren. Das Kind hat irgend was. 

JA, das Kind hat was: 

  • vielleicht ein Umfeld, das seine Erwartungen zu hoch geschraubt hat.
  • Sicher ein Bedürfnis, das es nicht selbst erfüllen kann und 
  • Womöglich eine schlechte Strategie, das zu zeigen.

ALARMGLOCKEN SCHRILLEN

Wenn Kinder also in irgendeiner Form „auffällig werden“ – und wir reden hier meist über das laute, nach außen gewandte Kind, doch dieses auffällig sein kann auch ganz still und nach innen gerichtet sein – dann schrillen die Alarmglocken bei den begleitenden Erwachsenen. 

Das können sie auch, doch nicht im Sinn von: „Mit dem Kind ist was verkehrt, das muss repariert werden!“ sondern im Sinn von: „Es gibt hier was, dass das Kind nicht allein schafft – vielleicht übersehen wir hier grad ein Bedürfnis.“ Und alle Anstrengungen von Erwachsenen sollten dann in diese Richtung gehen: „Lass uns schauen, was du und was wir dafür tun können, dass du das besser schaffst.“

IN BEZIEHUNG GEHEN

Wann immer wir wahrnehmen oder vom Außen behutsam oder stümperhaft aufmerksam gemacht werden, dass mit dem Kind „was nicht stimmt“, ist der erste und wichtigste Schritt in Beziehung zu gehen. Auf das Kind schauen, hinhören, wahrnehmen und versuchen, herauszufinden, was ihm gerade fehlt. Ist es unterfordert, überfordert, gelangweilt, frustriert, enttäuscht, unsicher, will es Aufmerksamkeit, Zuwendung, Ruhe, Empathie oder sich einfach zu einer Gruppe zugehörig fühlen? Die Bedürfnispalette ist bunt und breit und die richtige „Farbe“ zu entdecken, ist oft sogar für Eltern eine Herausforderung.

DAS KIND ABHOLEN

Wenn man allerdings weiß, was das Kind in Wutanfälle treibt, warum es im Unterricht laut dauernd Fäkalsprache verwendet, dem Nachbarskind die Schaufel um die Ohren haut, zubeißt oder dauernd im stillen Kämmerlein hockt und traurig ist, dann geht es darum, kurz Empathie zu zeigen. Sag:

  • „Hey, du musst ja ganz schön verzweifelt sein, wenn du zubeißt, um dich zu verteidigen.“
  • „Es ist sehr frustrierend für dich, dass du das nicht selbst bestimmen kannst, stimmt‘s?“
  • „Du hast dir so viel Mühe gegeben und das wird nicht beachtet, das macht dich traurig?!“
  • „Ist es so, dass du so gern beliebt sein möchtest und deshalb so versuchst, einen Platz in der Gruppe zu haben?“
  • „Kann es sein, dass dein Nein überhört wurde und du dir nicht mehr anders zu helfen wusstest?“
  • „Ist dir vielleicht einfach gerade langweilig, weil du solche Sachen machst?“

Wichtig dabei ist: WIR müssen nicht zwangsweise VERSTEHEN, was das Kind zu so einem Verhalten bewegt, aber es ist notwendig, es DORT abzuholen, bei seinem Handeln, bei seinem Gefühl. Und das geht niemals, in dem man ihm oder ihr sagt: du bist ja komplett verkehrt, ändere dich bitte ganz schnell! 

RESSOURCEN AKTIVIEREN & LÖSUNGEN FINDEN

Viel mehr geht es darum, nach einer Runde Empathie und Einfühlungsvermögen eine passende Lösung zu finden. Hier geht man, wie schön öfter hier beschrieben, so vor: 
Was kannst du tun, damit diese Situation für dich und andere besser läuft?
Kann ich etwas tun, damit diese Situation für uns alle besser läuft?

VERHALTEN IM KONTEXT

Natürlich ist es wichtig, dass ein Kind lernt, wann welches Verhalten okay ist und welches nicht.
Zum Beispiel,…
… dass es Fäkalsprache gern verwenden kann – am Klo oder in eine Dose schreien. Nicht im Unterricht.
… dass es gern nackt herumlaufen kann – zuhause, im Garten, bei Oma. Nicht im Kindergarten.
… dass es ruhig seine Wut zeigen und ausleben darf – beim Boxsack oder mit Tränen. Und sie nicht gegen andere Menschen richten.

HÖFLICHKEIT & andere GESELLSCHAFTLICHE NORMEN

Ja, auch das sind gesellschaftlich geformte Erwartungen und es macht Sinn, diese als Orientierung zu nehmen, doch sehr, sehr viele Bilder und Ideen, die uns die Gesellschaft entgegenbringt sind mehr als überprüfenswert
Nicht nur für unsere Kinder, sondern für uns alle. Im Übrigen halte ich Höflichkeit für absolut erfreulich und wünschenswert und gleichzeitig weiß ich: wir können nicht viel mehr tun, als es konsequent vorzuleben. Jeder, der schon mal versucht hat, ein Kind zum „brav grüßen“ zu bewegen, wenn es nicht will, weiß, dass man auch Höflichkeit nicht erzwingen kann. 

ENTWICKLUNG & ERWARTUNGEN

Was ich oft erlebe ist, dass Kinder oft überschätzt werden, weil Eltern zu wenig über ihre Entwicklungsphasen wissen.

  • Was das zeitliches Vorstellungsvermögen eines Sechsjährigen betrifft.
  • Die Orientierungsfähigkeit eines Kleinkindes.
  • Die Aufnahmekapazität eines Volksschulkindes.
  • Die Anpassungsfähigkeit eines Unterstufenschülers.

Immer wieder kommt es vor, dass Kindern Böswilligkeit unterstellt wird, dabei können sie die Erwartung, die an sie gestellt wird gar nicht erfüllen, weil sie kognitiv, sozial, emotional, geistig oder körperlich dazu schlicht und einfach noch nicht in der Lage sind.

GEWERKSCHAFT, INTERESSENSVERTRETUNG & LOBBY

Wir brauchen also eine feine Klinge im Umgang mit Kindern und mein Ansatz, wenn ich mit „in Not geratenen“ Familien arbeite ist immer, darauf zu schauen, welche Bedürfnisse zu welchem Verhalten führen und dann zu schauen, das Vertrauen der Eltern in das eigene Kind (wieder) zu stärken. Überlegt mal: Kinder haben praktisch NIEMANDEN, der sich für sie einsetzt, wenn wir Eltern das nicht tun. Wir sind ihre Gewerkschaft, ihre Interessensvertretung und ihre Lobby. Nehmen wir bitte diese Aufgabe ernst. Auch wenn es besonders schwer ist, weil diese Tätigkeit sich manchmal auch gegen unsere eigenen Bedürfnisse, Wünsche, Erwartungen und Gefühle richtet. 

Hattest du schon mal das Gefühl, mit dem Kind stimmt was nicht?

Weißt du mittlerweile, warum das Kind sich so verhalten hat und was es eigentlich gebraucht hätte? Kommentiere gern und lass uns voneinander lernen ….
Wenn du Unterstützung brauchst: DAS herauszufinden ist meine Spezialität.
Und Profi im Eltern-den-Rücken-stärken bin ich ebenfalls. 

Wut, Trauer, Frust – Umgang mit heftigen Gefühlen in 3 Schritten

Wut, Trauer, Frust – Umgang mit heftigen Gefühlen in 3 Schritten

Ganz schön viel, das alles. Immer wieder im Leben gelangen wir an unsere Grenzen, stehen an, sind verzweifelt, wissen nicht weiter und sind mit heftigen Emotionen konfrontiert. Besonders anspruchsvoll ist es, dann als erwachsene Person, Kinder dabei zu begleiten. Warum wir von Selbstkontrolle weg zu Selbstregulation hin dürfen und wie das machbar wird, darum geht es heute und hier.

ÜBERLEBENSNOTWENDIG

Wenn wir über Gefühle nachdenken oder darüber sprechen, verwende ich gern zwei Bilder zum besseren Vorstellungsvermögen. Erstens sind Gefühle wie Luft: sie sind unsichtbar, man kann sie nicht angreifen oder vermessen und dennoch sind sie da, existieren und sind pure Lebensenergie. Wir brauchen sie, wie die Luft zum Atmen. Wer keine Gefühle hat, ist tot – zumindest emotional gestorben. Also sind Gefühle nicht nur unbestreitbar ein Teil des Lebens sondern sogar ÜBERlebensnotwendig.

VON OBERFLÄCHLICHKEITEN UND WESENTLICHEM

Das zweite Bild hat mit der Kommunikation ÜBER Gefühle zu tun und beschreibt sie wie einen Schlüssel. Gefühle – beziehungsweise das Sprechen über Gefühle – sind wie Schlüssel zum Tor der Welt des anderen. Wenn wir darüber reden, wie es uns geht, was wir fühlen, was uns berührt und bewegt, kommen wir ganz schnell weg von Oberflächlichkeiten hin zum Wesentlichen, zu den Themen, die uns selbst oder unser Gegenüber gerade ausmachen. Dazu braucht es natürlich eine gute Portion Vertrauen und einen sicheren Rahmen, besonders, wenn wir über Gefühle bei unerfüllten Bedürfnissen sprechen.

LAUTSTARKER AUSDRUCK

Wenn Kinder oder wir selbst Freude, Begeisterung, Leichtigkeit, Dankbarkeit, Zufriedenheit, Enthusiasmus, Inspiration, Erfüllung, Sicherheit, Liebe oder ähnliches empfinden, ist es meist leicht, das zu begleiten oder auszuhalten – weil wir diesen Zustand nicht verändern wollen und alles gut ist. Doch wenn wir andere Farben der Gefühlspalette spüren oder begleiten, sind wir oft recht schnell am Ende unserer elterlichen Weisheit angelangt. Umso mehr, wenn das Kind Emotionen wie Trauer, Wut, Frust, Enttäuschung, Demütigung, Unsicherheit, Angst, Zorn, Langeweile, Sehnsucht oder Hass auch noch deutlich lautstark auszudrücken vermag. 

  • Schrei doch nicht so rum!
  • Jetzt beruhig dich doch!
  • Stell dich Bitteschön nicht so an!
  • Was hast du denn nun schon wieder?
  • Du bist echt ein Wahnsinn, so eine Katastrophe! 

Solche oder ähnliche Sätze (ergänze gern aus deinem persönlichen Repertoire) kommen uns allen (inklusive mir) gelegentlich über die Lippen, dabei bringen sie uns selbst UND dem Kind genau gar nichts. Sie sind auch keine Hilfe für das geplagte Menschlein, sondern lediglich Ausdruck unseres eigenen Zustands, in dem wir uns befinden: zu müde, zu genervt, zu frustriert, zu enttäuscht, zu gestresst, zu schlecht gelaunt, zu sonst was – um angemessener reagieren zu können. Wir wollen einfach, dass es aufhört, dass wir (oder das Kind) endlich wieder kontrollieren, was abgeht.

Kontrolle heißt in dem Fall oft: Unterdrücken, Wegdrücken, Abschalten. Doch es braucht einen anderen Umgang.

Solltest du einfach NICHT WISSEN, wie man besser auf heftige Gefühle reagiert, hab ich hier drei Schritte für dich auf dem Weg von der Unterdrückung hin zur Regulation. Ich beschreibe sie im Folgenden aus der Sicht eines Elternteils zum Kind, doch merke dir: auch mit Erwachsenen verhält es sich so und du kannst diese Schritte jederzeit auf Erwachsenenbeziehungen ummünzen. 

SCHRITT 1: GEFÜHLE ERKENNEN & BENENNEN

Wenn dein Kind sich in einem emotionalen Sturm befindet (oder auch nur einer Verstimmung) ist es wichtig, es dort abzuholen, wo es gerade steht. Je jünger das Kind ist und je geringer die sprachliche Ausdrucksfähigkeit und Entwicklung fortgeschritten ist, desto mehr braucht es eine erwachsene Bezugsperson, die dieses Versprachlichen für das junge Kind übernimmt. Natürlich können wir auch manchmal falsch liegen, aber der Versuch, das Kind in seinem Gefühl zu erfassen, ist enorm wichtig. Sag also:

  • Ich merke, du bist wütend – stimmt das?
  • Du ärgerst dich aber grad richtig – erzähl doch!
  • Das ist richtig frustrierend für dich, hab ich recht?
  • Du weinst ja, bist du grad richtig traurig, was?
  • Du bist verletzt, weil du ausgeschlossen wirst, stimmt’s?

So oder so ähnlich geben wir dem Kind zu verstehen: ich sehe dich in deinem Gefühl. Ich lasse dir dein Gefühl und sag dir durch meine Worte: du bist richtig und gut und darfst dich so fühlen. Auch wenn wir es auf unserer erwachsenen Verstandesebene vielleicht überhaupt nicht kapieren. Das ist in dem Moment egal. Es geht um das Kind und darum, dass es gesehen werden will.

Und darum, dass wir unseren Lösungsimpuls: “Geh, ist doch nicht so schlimm!” erstmal unterdrücken, weil es vorher noch etwas anderes braucht.

SCHRITT 2: BEDÜRFNIS SEHEN

Vor jedem Gefühl steht ein Gedanke, und hinter jeder Emotion steht ein Bedürfnis, das gerade erfüllt ist (wenn es uns “gut” geht) oder eben nicht erfüllt ist (wenn es uns “schlecht” geht). Ich plädiere gern dafür, auch positive Gefühlslagen sprachlich auszudrücken, weil es auch dafür Worte braucht, um eine gute emotionale Bildung zu fördern. Doch das Beschreiben von Bedürfnissen hinter belastenden Gefühlen ist NOT-wendig. Es ist der erste Schritt in Richtung Lösung, wenn wir solche kleinen oder großen Krisen bewältigen und absolut wichtig, weil wir uns in diesem Schritt damit befassen: welches meiner Bedürfnisse ist grad nicht ausreichend erfüllt?

Dieser Schritt wirft uns zurück auf uns selbst, weil jeder Mensch unterschiedlich auf Situationen reagiert und jede Person individuelle Belastungsgrenzen hat. Bedürfnisse selbst sind allerdings immer universell, das heißt: JEDER Mensch hat sie, wenn auch in verschiedenem Ausmaß.

  • Du möchtest wieder mit deiner Mannschaft Fußball spielen können, nicht?
    (Bedürfnisse dahinter z.B.: körperliche Bewegung, Spaß, Spiel, Gemeinschaft, Selbstausdruck…)
  • Du möchtest auch mitspielen mit deinem Bruder, hab ich recht?
    Bedürfnisse dahinter z.B.: Dazugehörigkeit, Akzeptanz, Frieden, Harmonie, Integration, Liebe, Verbindung, Anerkennung…)
  • Du vermisst deine Freundinnen schon heftig, und würdest die gern wieder umarmen?!
    (Bedürfnis dahinter z.B.: Berührung, Leichtigkeit, Wohlgefühl, Wahlfreiheit, Wärme,…)

Je jünger Kinder sind, desto eher braucht es eine “Übersetzung” in eine kind- und altersgerechte Sprache. Ein Zweijähriger hat nämlich sehr wohl ein Bedürfnis nach Integrität, kann aber mit dem Wort nix anfangen. Das erfordert schon allerhand sprachliches und emphatisches elterliches Geschick.

SCHRITT 3: AUSDRUCK VERLEIHEN

Wenn jemand erfreut ist, würden wir nie sagen: hör doch auf zu Lächeln. Bei Emotionen, die wir als “negativ” bewerten, verlangen wir das aber öfter von uns oder den Kindern. Dabei dürfen und sollen Gefühle “raus” – es kommt nur auf ein gutes “WIE” an.
Wut an anderen Kindern auslassen: ungünstig. In den Boxsack kicken, weinen, stampfen: gut möglich. Rausgehen, sich körperlich betätigen, Musik hören, ablenken: vielleicht auch. Es kommt immer auf individuelle Lösungen an, weil für jeden Menschen etwas anderes gut ist. 

Wichtig ist einfach: Emotionen unterdrücken führt dazu, dass sie sich einerseits aufstauen im Innen und andererseits zu einer Unterdrückung, die langfristig nicht nur zur Folge hat, dass negative Regungen dann irgendwann ausbleiben sondern leider auch positive. Dann gibt’s nur mehr minimale Höhen und Tiefen und ganz viel “plattes Land”, wie Nora Umlau das in ihrem Buch (“So viel Freude, so viel Wut”) beschreibt. Und das will ich ja bitte überhaupt nicht, dass wir bei unseren Emotionen, unserer Lebensenergie am Bremspedal stehen!

Also braucht es ein Ventil, noch besser mehrere verschiedene, eine passende Ausdrucksmöglichkeit und die Botschaft an das Kind:

  • DU bist okay, wie du bist.
  • Du hast starke Gefühle und die kannst du auch ausdrücken.
  • Ich begleite dich dabei, dass das in Akzeptanz deines Umfeldes passieren kann. 

In diesem Feld gehen wir also mit (intensiven) Gefühlen um. Das ist emotionale und menschliche Schwerstarbeit und daher sei gesagt: kein Elternteil dieser Welt schafft das in 100% der Situationen, weil es dazu braucht, dass wir selbst eine halbwegs gut versorgte Bedürfnislage brauchen, um diese sensible Arbeit mit den Kindern (oder anderen Menschen) erfüllen zu können.
Fehler (=Erfahrungen) sind erlaubt und auch okay, sie zeigen dir einfach: DU SELBST hast auch gerade ein Bedürfnis nicht erfüllt ;-). Eine Einladung zur Selbstfürsorge, sozusagen.

BEGEGNUNGEN IM VERHÄLTNIS 5:1

Es gibt Untersuchungen, die zeigen: wenn auf fünf positive Begegnungen eine negative folgt, ist das immer noch eine gute / glückliche / zufriedene Beziehung. Also im Zweifelsfall und in intensiven Zeiten dann jedenfalls darauf achten, genügend positive Beziehungsangebote zu setzen, die dieses Verhältnis herstellen können. 

  • Eine Umarmung.
  • Ein liebevoller Blick.
  • Ein wertschätzendes Wort.
  • Eine kleine Gefälligkeit.
  • Das Lieblingsessen kochen.
  • Ein gemeinsamer Spaziergang. Es kann was ganz, ganz Kleines sein.

Die Einschränkungen und Veränderungen im Leben der Kinder in den letzten Monaten machen was mit ihnen. Und mit uns.
Seien wir die Lobby unserer Kinder. Setzen wir uns für ihre Bedürfnisse ein. Geben wir ihren Gefühlen Raum und Gewicht und begleiten sie da durch.

Wenn “Freunde einladen” der neue zivile Ungehorsam ist, dann – JA – ist das ein Aufruf, sich weniger an Regeln zu halten als an menschliche Bedürfnisse. Das sehe ich als meine elterliche Verantwortung.

Was in diesem Beitrag war neu für dich und was willst du dir mitnehmen in deinen Alltag?
Lass es mich wissen! Mehr zu diesem Thema? Einfach kommentieren …. bitte & danke!


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  • #1Viola Liebisch (Sonntag, 07 Februar 2021 11:20)Ich lese schon länger deinen Blog und wollte dir auf diesem Weg von ganzem Herzen danken. Du gibst mir so viel Inspiration, so viel Verständnis für mich selbst und meine Kinder. Es ist oft wie ein Rettungsring wenn man denkt, dass das Leben und die Gefühle einen überrollen, wie eine Welle im Meer. Du hast so eine tolle Art zu schreiben und es ist immer wieder sehr beruhigend, wenn man sieht, dass es anderen mit Kindern oder dem Partnern auch so ergeht. Und das große Highlight: dass du verschiedene Lösungswege gleich dazu schenkst, die in der Realität auch wirklich umsetzbar sind 😀 Danke auch für die Buchtipps und Zitate, dadurch kann man sich gut zusätzliche Infos holen. Alles Liebe Viola