Das Familienmobile

Das Familienmobile

Warum sind wir innerlich aufgewühlt, wenn Konflikte in Familien hochkochen, warum lässt uns ein Geschwisterstreit nicht einfach kalt und welche Dynamiken wirken in Familien?
Familien sind komplexe Systeme, die Mitglieder sind alle miteinander verbunden und es gibt unterschiedlichste Zusammenhänge, was die Beziehungen angeht. Über systemische Ordnung in Familien, geschriebene und ungeschriebene Gesetze, die auf uns wirken und der Versuch, das mit einfachen Bildern zu erklären.

BRÜDERSCHAFT UNTER ERSCHWERTEN BEDINGUNGEN

Alle Welt blickt dieser Tage auf die Prinzen des englischen Königshauses: William und Harry. Nach heftigen Vorwürfen und Anschuldigungen im Rahmen eines Fernsehinterviews bei Oprah Winfrey hing der Haussegen wohl mehr als schief, es gab – laut den immer wachsamen Beobachtern der Royals – wohl dicke Luft und viel, viel Ärger zu verdauen. Dieses Wochenende werden sie am Begräbnis ihres Opas, Prinz Philipp, unter den Augen der Öffentlichkeit die Last dieses Konfliktes schultern und jede Regung wird Anlass für Spekulationen sein, ob sie sich nun versöhnt haben, oder nicht. Man kann darüber denken, wie man will. Das ist jedenfalls definitiv Brüderschaft unter erschwerten Bedingungen. Dazu hat mich auch Barbara Rohrhofer diese Woche befragt, im Auftrag der OÖN – hier kannst du’s nachlesen!

AMATEURKLASSE DER KONFLIKTLÖSER

Geschwisterstreit und Konflikte zwischen Eltern und Kindern kommen aber in den besten, wenn nicht in jeder Familie vor. Warum? Weil wir Menschen nun mal verschieden sind und Konflikte nichts anderes ausdrücken, als dass einer eben andere Bedürfnisse und Wünsche hat, als die andere und wir gefordert sind, diese dann auf respektvolle Art zu schaukeln. Also Konflikte sind per se jedenfalls nichts Schlechtes, sondern einfach Ausdruck von Unterschiedlichkeit. Unsere Strategien mit Unterschiedlichkeit umzugehen sind es, die das ganze Thema oft so leidvoll, verletzend und kränkend machen, weil wir nie richtig gelernt haben, über Bedürfnisse und Gefühle ordentlich zu sprechen, uns darüber klar ausdrücken können und wenn doch, dann trotzdem oft zu wenig Übung darin haben und eher in der Amateurklasse der Konflikte kämpfen als in der Profiliga.

AUF GEDEIH UND VERDERB AUSGELIEFERT

Was aber nun in Familien anders ist, als zwischen den meisten anderen Menschen, mit denen wir auch manchmal Konflikte austragen, wie Arbeitskollege, Chefin oder Nachbarin, ist folgendes. In Familien bestehen besondere Verbindungen – naja, das ist ja jetzt keine große Überraschung – durch die Bindung, die im engen Kontakt miteinander aufgebaut wird. Besonders unter Geschwisterkindern (und Ehepartnern) gibt es eine Nähe und Vertrautheit, die nicht immer als wohltuend und angenehm empfunden wird. Nämlich besonders dann, wenn diese Nähe verwendet wird, um den anderen genau da zu verletzen, wo es ihm oder ihr am meisten weh tut. Und das weiß man sowohl als Geschwisterkind, als auch als langjährige Ehepartnerin. Was Geschwister allerdings von Ehepartnern nochmal unterscheidet, dass sie sich dieses enge Verhältnis nicht freiwillig ausgesucht haben, sondern von den Eltern quasi auf Gedeih und Verderb einander ausgeliefert sind. Die Liebe zueinander ist nicht natürlicherweise gegeben!

WENN BEWEGUNG INS MOBILE KOMMT

In meinen Workshops erkläre ich diese Verbundenheit und die damit einhergehenden Dynamiken gern anhand eines Mobiles. Mobile, du weißt schon: süße, wackelige Dinger, wo sich Schnüre verheddern können, die wir den Babys gern über die Wiege hängen zur Unterhaltung.

Also. Mobiles mit den daran hängenden Gegenständen gleichen im systemischen Weltbild Familien (und anderen sozialen Gefügen, wie Freundeskreis, Großfamilie, Verein, Arbeitskolleginnen,…) in verschiedenen Gesichtspunkten. Ein Familienmobile entsteht, wenn ein Paar eine Beziehung eingeht. Neue Beziehungen sind immer ein wenig aufregend und wichtiger als das Alte und Bekannte, es gibt viel Bewegung, also Dynamik, jeder findet erst nach und nach seinen Platz und seine Rolle. Wie wenn man auf einem Mobile eben etwas oder jemanden “dazu hängt”. 

AUF DER SUCHE NACH HARMONIE

So kann man grundsätzlich festhalten: Familienmitglieder verhalten und fühlen sich wie die Teile eines Mobiles. Wenn Leben dazu kommt (ein Kind geboren wird), wenn jemand das Mobile verlässt (wenn jemand verstirbt), viel Wirbel macht, oder ein neues “Mobile = Familie” gründet, können die restlichen Personen in der Gruppe gar nicht anders, als zu reagieren. Sie müssen sich mitbewegen und sind beeinflusst von dem, was andere Menschen im selben Mobile machen. Zumindest ist es enorm energieaufwendig, wenn man versucht, nicht “mitzuschwingen”, dagegen zu halten oder keine Notiz von der Dynamik zu nehmen. Ein Mobile, wie eine Familie oder ein anderes systemisches Gefüge, strebt grundsätzlich nach Harmonie. Das heißt: mit etwas Zeit und wenig Störung von außen werden die Erschütterungen weniger und die Menschen kommen zur Ruhe.

OB WIR WOLLEN ODER NICHT

Wie zeigt sich das in der Praxis? Wenn ein Kind geboren wird, “schwimmt” man oft ein Weilchen, bis man als Paar wieder in einen neuen Alltag hinein findet. Wenn ein Geschwisterkind dazu kommt, besteht manchmal (große) Unsicherheit, alles fühlt sich wackelig an, ältere Kinder brauchen plötzlich wieder einen Schnuller, mehr Einschlafbegleitung, die Windel, obwohl sie eigentlich schon “rein” waren … und alles, weil das unterbewusste Gefühl sagt: unsichere Zeiten, alles durcheinander, Kontrollverlust – bitte eine Stufe zurück auf eine gesicherte Basis! Für erwachsene Geschwisterkinder kann eine Veränderung (wenn jemand auszieht von zuhause) auch eine Erleichterung bringen, weil man plötzlich besser Nähe und Distanz regulieren kann und dadurch eine harmonischere Beziehung zueinander aufbauen kann. Dynamiken sind vielschichtig und komplex, oft auch verworren. Doch fest steht: wir beeinflussen einander, ob wir nun wollen oder nicht.

GLEICHWÜRDIG, GLEICHWERTIG und IN ORDNUNG

In der systemischen Ordnung, die von Bert Hellinger begründet wurde, er nennt sie “Ordnungen der Liebe”. Man geht davon aus, dass Systeme (Mobiles) einer genauen Ordnung unterliegen und es für Beteiligte speziell dann leidvoll und mühsam wird, wenn diese Ordnungen durcheinander geraten. Es ist überaus wichtig, dass JEDER im System nicht nur gesehen wird und seinen Platz hat, sondern auch, dass es eine Rangordnung gibt, die sich aus dem Zeitpunkt des Anfangs der Zugehörigkeit ergibt. Das heißt, jemand, der früher in eine Gruppe kam, hat Vorrang gegenüber dem, der später hinzukommt. Partner haben Vorrang gegenüber den Kindern. Die Reihenfolge der Kinder ist von Bedeutung und gibt innere Freiheit. Neue Systeme haben Vorrang gegenüber alten Systemen. Lebende und Verstorbene brauchen Anerkennung und ihren rechtmäßigen Platz. Jeder ist dennoch gleichwürdig und gleichwertig als Mensch.

LEIDEN IST OFT EINFACHER ALS LÖSEN

Wenn nach einer gewissen Starre, einer beziehungsmäßigen Eiszeit oder einer Entfremdung also dann wieder Bewegung in ein System kommt, besteht immer für alle Beteiligten die Chance und Gelegenheit, aufeinander zu zugehen. Wie bei Geburten, Hochzeiten oder Trauerfällen, Schicksalsschlägen und Ähnlichem. Es fällt vielleicht etwas leichter, durch eine Initialzündung im Mobile und dennoch gibt es keine Garantien. Nicht bei königlichen Hoheiten und auch nicht bei ganz normalen Familien. Die gegenwärtigen Kernfamilien (der Prinzen) haben Vorrang gegenüber dem alten System und doch bleibt man immer miteinander verbunden. Dynamiken wirken oft über den Tod hinaus und was sich zu Lebzeiten lösen lässt, darf man ruhig angehen. Und nicht immer ist es möglich, auf das Hinzuschauen, was Leidvoll ist. Manche Geschichten sind auch einfach zu viel für ein Menschenleben. Doch wenn man ein bisschen Ordnung schaffen kann, falls das nötig ist, dann zahlt es sich jedenfalls aus.

JEDEM MENSCHEN SEINEN PLATZ

Wir werden sehen und hören (weil die Presse ja wie ein Geier über den Royals als deren Beute kreist), ob es dem Brüderpaar gelingen wird, die Verletzungen und Kränkungen auszusprechen. Ich wünsch es mir für die beiden und für jede andere Geschwisterreihe, in der sich die Fronten aus welchen Gründen auch immer verhärtet haben:

…dass Bewegung rein kommt,
…dass ein aufeinander zugehen möglich wird und
… dass jeder Mensch seinen gerechten und würdevollen Platz einnehmen kann in den Systemen seines Lebens.

5 Talente, die Eltern brauchen

5 Talente, die Eltern brauchen

„Ich doziere hier herum, obwohl ich eigentlich gar kein gelernter Vater bin. Das ist überhaupt eins der Dramen im Leben, dass man für alles eine Befähigungslizenz braucht, dass man einen Führerschein braucht, eine Lehre muss man für alles Mögliche machen nur für das wirklich Wichtige im Leben, das Schwierige, das Kinder-aufziehen, das soll man einfach so können. Das wird als bekannt vorausgesetzt und … dann steht man da … mit seinem Talent.“ R. Mey
Über 5 Talente, die alle Eltern brauchen!

WIR MACHEN DAS MAL GANZ ANDERS

Reinhard Mey drückt in diesen Eröffnungssätzen für einen Konzertabend des Albums „Mein Apfelbäumchen“ (große Empfehlung übrigens für alle Eltern kleinerer bis mittlerer Kinder) etwas aus, das nicht nur ich mir schon lange denke, sondern wahrscheinlich viele andere Menschen auch.
Wie kommt es bloß, dass wir so überzeugt sind, Elternschaft brauche keine bewusste Auseinandersetzung, dass alles um dieses Thema intuitiv stattfinden kann und dass (fast) jedes werdende Elternpaar (= Erwachsene ohne Kinder) sich denkt: „Ja, klar. Diese Eltern. Alle irgendwie komisch. So empfindlich, übertrieben, alles ist ein Problem. Pff, bei uns wird das bei uns mal ganz anders laufen.“

NACH DER GEBURT IST VOR DEM LEBEN

Versteh mich richtig: ich finde Leichtigkeit, Unvoreingenommenheit und eine gute Portion Positivität und Glaube an die eigenen Fähigkeiten nicht nur richtig und wichtig, sondern ehrlich notwendig für einen halbwegs glücklichen Start in den neuen Lebensabschnitt als Eltern. Und selbst bei der besten Einstellung, theoretischer und praktischer Ausbildung und Wissen rund ums Kind ist „selber Kinder zu bekommen“ ein eigenes Kapitel. Fast alle Eltern, die das erste Kind erwarten, bereiten sich auf die Geburt vor: Geburtsvorbereitungskurs, Akkupunktur, Teemischungen, Öle, Dammmassage, Gymnastik, Vorsorgeuntersuchungen, Hebammengespräch … alles mögliche wird unternommen für ein Ereignis, das eventuell nur wenige Stunden, hardcore-mäßig vielleicht nach ein paar Tagen vorbei ist. Und dann?

HINTER VERSCHLOSSENEN TÜREN

Nach dem EGT, dem errechneten Geburtstermin herrscht oft im Kalender gähnende Leere. Man weiß ja nicht, wann das Kind genau kommt, da muss man sich die Zeit frei halten. Diese Leere ist aber auch bezeichnend für die Planlosigkeit, die einen dann überfallen kann, wenn das kleine, bezaubernde Wesen erst mal geboren ist. Vorstellung und Wirklichkeit mögen im besten Fall eine große Übereinstimmung erfahren, doch ich hab noch nie von einer Mama gehört: „Ja, alles genau, wie ich es mir vorgestellt hab!“ Eher sehr häufig das genaue Gegenteil:

„Warum hat mir niemand gesagt, wie das wirklich ist?
War das bei euch auch so? Das bekommt man ja gar nicht mit!“ 

Frischgebackene MÜTTER beim ersten Kind

Ja, Elternschaft passiert ganz viel hinter verschlossenen Türen.


DIE ROLLE DEINES LEBENS

Die durchwachten Nächte, die man wippend mit dem Kind auf dem Arm im abgedunkelten Schlafzimmer auf und abgeht. Die Schreiphasen am Abend, weil der Tag für das Baby schon zu lang war, die Verdauung sich grad wieder mal umstellt oder tausende neue Impressionen des Tages verarbeitet werden wollen und das nur über das Ventil Schreien abgelassen werden kann. Die unfassbaren Wäscheberge, das wieder mal kalt gewordene Essen, das man „genießt“, der eintönige Alltag, oft den ganzen Tag kein „erwachsenes“ Gespräch führen. Man braucht besondere Talente, um diese neue Rolle des Lebens gut spielen zu können.

Und nein, es geht nicht um Schauspielkunst, obwohl ein Stück davon auch manchmal nicht schaden kann ;-).

TALENT 1: BEOBACHTEN

Wie lernt man am schnellsten und besten etwas kennen, was neu ist? Durch beobachten. Das gilt auch für Eltern. Übrigens nicht nur für frisch gebackene, auch erfahrene Eltern tun sich einen Gefallen, wenn sie sich mal öfter in die Rolle der Beobachterin begeben. Nur durch Beobachten kann man Informationen darüber erhalten, wie es dem Kind geht, was es vielleicht braucht oder nicht, wo grad das Interesse liegt, was es ärgert, begeistert, frustriert, fasziniert oder freut. Für dieses Talent braucht man vor allem geschärfte Sinne und viel Ruhe. Wache Augen, hellhörige Ohren, ein geschultes Näschen, feinfühlige Hände, sensible Geschmacksnerven und vor allem: ein offenes Herz. 

Dieses Talent leidet besonders, wenn viel los ist, wenn der Alltag laut und vollgepackt ist, wenn wir abgelenkt sind (von Bildschirmen) oder übermüdet, gestresst und unter Druck. 

TALENT 2: WAHRNEHMEN

Ist das nicht dasselbe wie beobachten? Nein, ich finde nicht ganz. Denn im Wort steckt schon der wesentliche Unterschied drinnen. Dass man etwas für “wahr” annimmt. Und zwar das, was man zuvor beobachtet hat.
Das heißt soviel wie: “Das Baby schmatzt mit den Lippen – es hat Hunger!” Statt zu sagen: “Das gibt’s doch nicht, ich hab doch eben erst gestillt, das kann nicht sein, dass es hungrig ist.” ODER: Das Kind haut und beißt das Geschwisterkind beim Aufteilen der Schokoladeneier – es ist frustriert” statt “Ich hab euch doch genau gleich viele gegeben, wie kannst du da beleidigt sein und einfach die Schwester beißen?”
Wahrnehmung heißt, dass es für diese Person wahr ist, was sie empfindet, sonst könnte es auch falschnehmung heißen. Es bedeutet, dass ich meinem Gegenüber (egal ob Baby oder Erwachsenen) SEINE oder IHRE Wahrnehmung zugestehe und sage: “Aha, so ist das also gerade für dich!” Das bedeutet nicht, dass ich es verstehen oder gut finden muss. Aber zu sagen: das stimmt nicht, dass du dich so fühlst …. du merkst schon beim Lesen des Satzes, dass das gar nicht geht.

Dieses Talent leidet besonders, wenn wir sehr von uns selbst eingenommen sind, uns schlecht auf die Realität des anderen einlassen können und nur mangelhaft zur Empathie fähig sind. 

TALENT 3: INTERPRETIEREN 

Hier kommt der kniffelige Teil für alle Eltern, deren Kinder sich noch nicht (ausreichend) sprachlich ausdrücken können. Deren Bedürfnisse oft überlebensnotwendig sind und eine exakte und prompte Befriedigung brauchen. Gar kein Druck, merkst du schon, nicht wahr? *ironieoff*
Wie soll man das jetzt sofort wissen, was das Baby braucht, wenn es unruhig ist oder schreit?
“Das weiß man als Mutter, sie weinen ganz unterschiedlich!” hab ich öfter als einmal gehört und dieser Satz ist schlichtweg Müll. Keine Mutter dieser Welt “weiß” das von der ersten Sekunde an. Und man lernt es. Indem man beobachtet und wahrnimmt und dann die Signale interpretieren lernt. Senkrechte Stirnfalten bei Babys bedeuten z.B. Anstrengung bis Überforderung, halb zufallende Augen bedeuten Müdigkeit, die Muskelanspannung ist ebenfalls aussagekräftig. Doch auch später braucht man dieses Talent. Wenn sich das Kind zurückzieht und wenig spricht: hat es Sorgen oder Ängste oder braucht es einfach nur Ruhe und Erholung? Wenn man aber nachfragen und mit dem Kind sprechen kann, wird es schon leichter für Eltern, weil wir uns “rückversichern” können, ob wir mit der Interpretation richtig liegen.Von der “schweren zur leichten” Aufgabe lautet es also auch hier für Eltern. Und das ist zach.

Dieses Talent leidet besonders, wenn zu viele Menschen uns von außen beeinflussen, dreinreden, die Impulse der Eltern stören und die Intuition verwundet ist.

TALENT 4: BEANTWORTEN

Damit ist nicht nur eine sprachliche Reaktion gemeint, sondern jegliche Handlung, die not-wendig ist, also die Not des Kindes wendet. Wenn man genau beobachtet, wahrgenommen und richtig interpretieren konnte, dann ist das Beantworten oder Reagieren auf die Bedürfnisse eines Säuglings oft der einfachere Teil. Meiner Meinung nach wird dieser Teil schwieriger und komplexer, je älter Kinder werden. Ganz einfach, weil es im ersten Lebensjahr hauptsächlich um essen, schlafen, tragen, pflegen und nah sein geht, wenn wir Bedürfnisse mit oder für die Kleinen regulieren. Danach wachsen nicht nur die Wünsche, Bedürfnisse und Träume der Kinder sondern auch sie selbst. Und manchmal uns über den Kopf. (Hier ist es bald so weit 😉 und ich freu mich drauf!) 

Dieses Talent leidet besonders, wenn wir in unseren Möglichkeiten und Ressourcen begrenzt sind, wenn wir wenig Unterstützung bekommen oder sehr enge Vorstellungen haben, wie wir handeln dürfen oder sollen, wenn wir uns also selbst begrenzen. 

TALENT 5: LOCKER BLEIBEN

Das ist genau so ernst gemeint, wie die ersten vier Talente. Es braucht Übung, es braucht Wiederholung, es braucht Erfahrung und es braucht Zeit, damit man als Eltern locker werden und bleiben kann.

  • Weil man am Anfang und beim ersten Kind halt alles besonders gut machen mag.
  • Weil man am Anfang halt so neu ist, dass die Unbeschwertheit fehlt (muss aber nicht sein!!).
  • Weil man am Anfang niemals weiß, wie es ausgeht, ob das eigene (Fehl-)Verhalten jetzt gut tut oder sehr viel “Schaden” anrichtet und wann das überhaupt wieder anders wird.

So geht’s den allermeisten Eltern und es hilft auch kein tröstender Spruch “… das wird schon wieder!” von der klugen Großtante oder ein “… mach dir nicht so viele Sorgen!” von der Nachbarin, wenn das eigene Drama grad den Höhepunkt erreicht. Vielleicht magst du dir den einen Satz mitnehmen: Anspannung und Druck führen selten zu guten Entscheidungen und Kinder halten oft viel mehr aus, als wir glauben. So lange du mit deinen Sinnen dabei bist, dein Herz offen ist und du deine Ansprüche nicht zu hoch anlegst, wird es gut genug sein. Denn:

Dieses Talent leidet besonders, wenn die Erwartungen überhöht sind, idyllische Bilder erzeugt werden wollen oder man in stark vergleichendes und konkurrierendes Denken verfällt. Und, wenn der Schlafmangel groß und die Unterstützung klein ist. 

POTENZIALENTFALTUNG

Eltern brauchen viele Talente. Im Lauf eines langen Elternlebens reicht das weit über das hier Genannte hinaus, doch diese paar bleiben mitunter die Wichtigsten und Wesentlichsten. Für alles andere hat man auch wesentlich mehr Zeit, um sie zu entfalten und entwickeln. 

Auch wenn man dann immer noch keine Befähigungslizenz braucht und Elternbildung immer noch ein “KANN” oder “nice-to-have” ist, wo sie doch – besonders dort, wo sie gar nie konsumiert wird – so dringend benötigt wäre. Verpflichtende Elternkurse? Ach, nicht so mein Fall. Doch das Bewusstsein erhöhen, dass Elternsein nicht etwas ist, was man einfach so “kann”, das darf doch deutlich erhöht werden. Es braucht die Botschaft, dass es nicht die “schlechten, unvollkommenen” Eltern sind, die Elternbildungsangebote nützen und dazu lernen wollen, sondern meiner Meinung und Erfahrung nach genau umgekehrt: die besonders bemühten, reflektierten, kritischen, selbstbestimmten und bewussten Eltern sind es, die bei mir aufschlagen.

  • Die, die eh schon recht viel recht gut machen. 
  • Die, die ohnehin oft schon ihr ganzes Herz eingesetzt haben.
  • Die, die sich immer wieder hinterfragen und entwickeln, auch wenn’s den Kindern gut geht.
  • Die, die Elternbildung auch als Persönlichkeitsbildung begreifen.
  • Und die Chance nutzen, mit und an ihrer Rolle zu reifen, zu wachsen, zu lernen und die ihre Talente und Potenziale auch hierbei zur Entfaltung bringen wollen.

Falls das ein kleines Plädoyer für Elternbildung war, dann tut es mir nicht Leid.

Ich brenne für diese Arbeit, ich mache sie leidenschaftlich gern und ich freu mich über jede Person, die einmal oder öfter oder immer wieder das Herz in die Hand nimmt und dieser Tätigkeit, dem Eltern-sein die Bedeutung und Wertschätzung gibt, die es braucht. VIEL. MEHR.
Wir begleiten hier die Erwachsenen von morgen, die Entscheidungsträger, Gestalterinnen und Zukunftsmacherinnen.

Für sie sollten wir diese Talente auspacken!


Plötzlich MAMA!
Ein Online-Kurs der MAMAkademie für Frauen, die ihr erstes Kind erwarten – UND deren Partner!

Weil niemand unvorbereitet in das größte Abenteuer des Lebens stolpern muss 😉 !


Meine 5 größten Fehler als Mutter

Meine 5 größten Fehler als Mutter

Diese drei. Die uns anvertraut sind. Bei denen wir möglichst alles richtig machen wollen. Sie haben auch öfter ziemlich was aushalten müssen. Weil wir als Eltern und ich als Mutter eben lang nicht perfekt waren, sind und nie sein werden. Weil wir Fehler machen und trotz besseren Wissens es oft nicht anders schaffen. Wir brauchen eine neue Fehlerkultur, einen ehrlichen Umgang mit unseren Schattenseiten um den Druck zu reduzieren. Ich fange hier an.

DAS HARDCORE PRAKTIKUM

Als ausgebildete Kleinkindpädagogin kam ich ja schon früh im Leben in Kontakt mit dem erzieherischen Optimum, mit relativ aktuellen pädagogischen Ansätzen und hatte einen soliden und guten Sockel, was die Theorie anging, schon lang bevor ich einen Kinderwunsch hatte. Ich fühlte mich fit für den Alltag mit Kindern – jedenfalls in meiner Arbeit. Und da ich ja viele jüngere Schwestern hab, war mir auch bekannt, wie es in echten Familien so zugeht. Kurzum: ich dachte, ich wär mit allen Wassern gewaschen. Selbst Eltern zu werden ist halt dann doch noch mal eine ganz andere Geschichte.
Ein Hardcore-Praktikum quasi, immer im Dienst, wenig Urlaub, kaum Pausen, keine Kohle und jederzeit volle Verantwortung und unbefristet sowieso mit schlechten Umstiegschancen
Ja, ich war gut ausgebildet und mit viel Liebe bei der Sache.
Ja, ich hatte viel Erfahrung aus meiner Familie, die auch wirklich nützlich war.
Ja, ich hatte viel Ahnung als Pädagogin.
Doch all das bewahrte mich nicht davor, Fehler zu machen. Und fünf meiner größten Fehler in der Begleitung unserer Kinder teile ich heut mit dir.

DIE LATTE TIEFER HÄNGEN

Eins ist mir noch wichtig. Ja, ich teile diese Fehler, weil ich finde, dass man auch aus den Fehlern von anderen lernen kann und daher nicht alle auch selbst machen braucht. Doch das klingt schon wieder nach mehr Druck und das Gegenteil ist mein Ansporn. Auch wenn ich Elternbildungskurse gebe, ausgebildete Pädagogin und Coach bin, mich als Expertin für familiäre Beziehungen bezeichne, bin ich mangelhaft, vergreife mich im Ton, treffe Entscheidungen, die ich bereue oder fühle mich hilflos. So wie jede Frisörin auch mal einen Bad-Hair-Day hat. Neben meiner Profession bin ich nämlich auch vor allem eins: menschlich, lebendig und unvollkommen. Vielleicht mit dem kleinen Unterschied, dass ich mir seeeeeeehr viele Gedanken zum Thema “Kinder begleiten” mache.
Ich lege die Latte hiermit tiefer für alle, die meinen, dass bei uns zuhause alles wie am Schnürchen rennt.

FEHLER Nr.1: LIEBESENTZUG ANGEWENDET

Es dürften so die Kleinkindjahre der Mädels gewesen sein, die (obwohl so unfassbar entzückend) mich auch des öfteren an den Rand der Verzweiflung gebracht haben. In ihrer kindlichen Experimentierfreude gab es immer wieder Szenen, die mich rasend gemacht hatten und an eine erinnere ich mich besonders. Sie hatten ein kleines Fläschchen roten Gemüsesaft hüpfend am grünen Hochfloorteppich verschüttet und im Eifer des Gefechts auch noch recht dekorativ an Wand, Decke und Fenster verteilt. So lustig sich das jetzt vielleicht anhören mag: ich war am Ausflippen und verscheuchte sie, laut schimpfend auf die Kellerstiege (genauer gesagt, die erste Stufe unterhalb des Erdgeschosses, was noch ein freundlicher Platz ist, aber dennoch), so was wie “die stille Treppe”. Dort mussten sie ausharren, bis ich beschloss, sie wieder heraus zu lassen. Auch wenn das oft nur ein paar Minuten waren: es war falsch. Jedes unserer Kinder hat mal (oder mehrmals) dort gestanden und Liebesentzug erfahren müssen. Ich spürte schon, dass das womöglich nicht richtig ist, doch meine Hilflosigkeit, meine Wut und meine Verzweiflung waren in dem Moment einfach größer. Ich war zu keiner besseren Lösung fähig.

FEHLER Nr.2: MACHTMISSBRAUCH

Kennst du die Phase, wo Kinder glauben, einfach alles auf dieser Welt lässt sich mit Klebeband basteln oder zusammenkleben? Nun, in dieser Phase war unsere Mittlere grad, mit etwa drei Jahren. Ein später, trüber Herbstnachmittag, mehrere durchwachte Nächte mit dem jüngsten Stillkind intus und alle Nerven des Tages aufgebraucht. Sie will eine Kamera basteln aus Karton und bittet mich um Hilfe. Als ich das nicht so hinbekomme, wie sie will, eskaliert die Situation. Sie weint und schreit, weil ich das nicht hinbekomme oder schaffe, wie sie es sich wünscht. Und ich brülle zurück, dass “niemand das schafft, weil es einfach nicht geht, und ich bin Kindergärtnerin, ich weiß, wie man bastelt!” Das sagt schon ziemlich viel aus über das Ausmaß meiner Überforderung und Müdigkeit und die Tatsache, dass sie so ein Häufchen Elend war hat mich fast noch mehr in Rage gebracht. Es war unschön, grauenhaft und einprägsam und wird mir ewig in Erinnerung bleiben. Die Tochter kann sich mittlerweile nicht mehr erinnern (an mein Geschrei, wohl noch an die fantastische Kamera in ihrer Vorstellung, die es hätte werden sollen), doch der Schaden ist dennoch nicht klein zu reden. Es war psychische Gewalt, es waren Drohgebärden im Spiel, es war eine Machtdemonstration von mir an ihr. Auch wenn es nur um eine unwichtige Alltagsbastelei ging: wir müssen die unangenehmen Dinge beim Namen nennen.

FEHLER Nr.3: MANGELNDES BEWUSSTSEIN

Ein fürchterliches Geständnis zuerst. Ich hab mich tatsächlich in meiner Schulzeit nicht für alternative Pädagogik interessiert. Montessori, Fröbel, Steiner, Reggio … war mit sechzehn nicht so mein Fall, also hab ich das auch später bei der Matura geflissentlich umschifft. Schon in meinem ersten Berufsjahr allerdings holte mich das Thema ein und ich hab mittlerweile alles und mehr aufgeholt, was mich damals einfach nicht begeistern konnte.

Doch was mir und uns viel zu wenig bewusst war: welche Auswirkungen das starre Regelschulsystem auf unsere Kinder – und uns als Familie – haben würde und es war offen gestanden lang kein Thema, die Kinder in eine freie Schule zu schicken. Erst nach einigen Jahren Erfahrung in der Schule wurde dieser Wunsch riesig, ließ sich aber dann aus verschiedenen Gründen nicht mehr verwirklichen. Ich finde und erlebe immer noch – teilweise an unseren eigenen Kindern, noch mehr in der Beratung – wie das Regelsystem, wenn es rückschrittlich gelebt wird, Persönlichkeiten bricht, wie es Gewalt anwendet, wie es mit Druck und Leistungszwang jede Lernfreude zerstört und Kinder in eine Anpassung zwingt, die dem 21. Jahrhundert nicht würdig ist. Die Entscheidung, welches Schulsystem, welche Kinderbetreuungseinrichtung wir für die Kinder wählen, hätte mehr Bewusstsein gebraucht. Und mehr Mut und unbequeme Entscheidungen.

FEHLER Nr.4: SCHLAFTRAINING AUSPROBIERT

Vor siebzehn Jahren bezogen wir Eltern unser Wissen noch hauptsächlich aus Büchern. Das Internet war längst nicht so bestückt und vielfältig wie heute. Und ein Klassiker dieser Bücher war schon damals immer wieder in aller Munde: “Jedes Kind kann schlafen lernen.” Wir waren monatelang geduldige “Einschlafbegleiter*innen” für unser erstes Kind (obwohl dieses Wort damals keiner verwendete), doch als auch so knapp nach einem Jahr das Kind “immer noch nicht” allein zu Bett gehen wollte (“Oh Wunder!”), haben wir zwei Tage lang versucht, sie abends jeweils ein paar Minuten absichtlich weinen zu lassen, wenn sie einschlafen sollte. Nicht zuletzt, weil mehrere Mamas mir von den wunderbaren Erfolgen berichtet hatten. (Tja, heute weiß ich ja, dass nicht “das Programm” funktioniert, sondern Kinder einfach kapitulieren müssen.) 

Jedenfalls haben wir in unserer elterlichen Erschöpfung und dem Gefühl der Aussichtslosigkeit auch versucht, die hilflose Kleine weinen zu lassen. Ich seh mich noch auf der Couch hocken, höre sie weinen und heule selbst noch mehr, weil sich einfach alles daran falsch angefühlt hat. “Man muss schon ein bisschen hart bleiben!” hieß es, “… sonst lernen sie es ja nicht!” 
Und ehrgeizig, wie ich war hab ich nicht gleich aufgegeben. Nach zwei Abenden war jedenfalls Schluss – denn da war mir klar: auch wenn ich nicht will, dass ich ewig zum Einschlafbegleiten verdammt bin: DAS (nämlich schreien lassen) wollte ich ganz sicher nicht. Doch auch dieses Erlebnis kann ich nicht rückgängig machen, es war gewaltvoll, rücksichtslos und verkehrt, einem wehrlosen Kind so ein Verhalten entgegen zu bringen. Auch nur für zwei Abende lang.

FEHLER Nr.5: FALSCHE SITUATIONSEINSCHÄTZUNG

Das Schlimmste kommt zum Schluss. (Danke zwischendurch, dass du bis hierher gelesen hast.)

Es war ein tiefwinterlicher Vormittag, nach dem Spaziergang zum Kindergarten (Mittlere abgeliefert) hab ich mit dem Zweijährigen Schnee geschaufelt, denn es pulverte wie verrückt. Erschöpft und glücklich kamen wir um etwa viertel nach elf ins Haus, ich bereitete schnell was zum Essen zu und dann gleich wieder los, das Kindergartenkind abholen. Der Junior sträubte sich wie wild, war er doch grad erst herein gekommen. Ich dachte: “Das Abholen geht heut schnell, die waren auch Bobfahren. Ich parke ihn vor dem TV und Mickey Mouse Wunderhaus übernimmt kurz die Aufsicht, während ich 10 min weg bin.” Das sagte ich auch dem Junior, mahnte ihn, einfach hier zu bleiben, ich sei gleich zurück.

Du ahnst es vielleicht schon. Ich komme sieben (!!) Minuten später mit dem Kindergartenkind heim, die Haustür steht offen und kleine Fußabdrücke im Schnee führten schnurstracks weg von unserem Haus auf die Straße, wo die Spur sich verlor. Ich verfiel in Panik, schrie nach ihm, zuerst drinnen, dann draußen, rannte unkoordiniert hin und her, Tränen in den Augen, der Puls am absoluten Anschlag. Er war weg. Ohne Schuhe, ohne Jacke, raus in den Schneesturm und keine Spur von ihm so weit das Auge reichte. Als ich zu Fuß die Straße rufend nach ihm absuche, öffnet mir ein Nachbar – 80 m von uns – die Tür: “Wir haben da jemanden reingeholt!”
Schluchzend nahm ich das Kind in den Arm, bedankte mich beim Nachbarn und trug ihn wie ein Baby heim. Der Junior erzählt, er wollte im letzten Moment doch noch mitkommen zum Abholen und ist mir nachgelaufen. Obwohl außer dem ordentlichen Schock, den wir alle hatten, nix passiert ist, war es doch ein Fehler, mich auf die Zusage eines Zweieinhalbjährigen zu verlassen und die Situation so dermaßen falsch einzuschätzen. Auch er kann sich nicht erinnern an diesen Tag, die Geschichte kennt er mittlerweile auswendig, wir erzählen sie oft, wenn es heftig schneit.

WIR SIND ALLES DAZWISCHEN

Ja, manchmal wünsche ich mir, diese Dinge rückgängig machen zu können. Sie repräsentieren Schatten, schwache Seiten, Fehltritte und Mängel. Und da hin zu schauen, die Dinge beim Namen zu nennen, ist ein unangenehmes Stück Arbeit.

Ich will nicht sagen, “es hat ihnen nicht geschadet, schau sie dir doch heute an!”, denn es hat ihnen geschadet, auch wenn die Wunden jetzt verheilt sind. Es ist gut, dass Kinder und wir Menschen alle auch widerstandsfähig sind und mit ungünstigen Umständen umgehen können. Dass Kinder Eltern mit Fehlern aushalten, weil niemand von uns NUR gut ist, wir alle sind beides: gut und schlecht und vor allem: ALLES DAZWISCHEN.

Doch auch ohne es zu verharmlosen, bin ich überzeugt: ich hab daraus gelernt

  • Ich hab gelernt, dass Liebesentzug verkehrt ist und immer mehr versucht, mich in die Perspektive des Kindes hinein zu versetzten, die Welt jeden Tag ein Stück mehr mit ihren Augen zu sehen, auch wenn’s schwer ist. 
  • Ich hab gelernt, dass die Hilflosigkeit meines Kindes meine eigene Hilflosigkeit triggert, dass mich das rasend macht und ich frühzeitig aus solchen Szenen aussteigen will, um Eskalation zu vermeiden. 
  • Ich hab gelernt, dass es auch im Regelschulsystem Eltern braucht, die kritisch sind und Veränderungen anregen und wenn das der Sinn und Zweck war, warum es bei uns so gelaufen ist, dann hab ich meine Schuldigkeit jedenfalls getan. 
  • Ich hab gelernt, dass erschöpfte, müde, überlastete und gestresste Eltern selten so reagieren können, wie sie es möchten. Wenn das Großhirn aufhört zu funktionieren, gibt’s halt eher Kampf oder Flucht. 
  • Ich hab gelernt, dass Elternschaft sehr oft sehr unbequem ist und sein muss, wenn man es “gut” machen will und dass bequeme Lösungen nur im Moment leicht sind, man dafür aber später die Rechnung präsentiert bekommt.

Ich bin Mutter, und als solche bin ich gut genug. Ich mache sehr vieles mit den Kids hervorragend und öfter auch Dinge grundlegend falsch. Ich habe nicht nur 5 sondern eher 5000 Fehler = Erfahrungen gemacht. Doch ich gehe sehr bewusst mit beiden Seiten der Medaille um. Und wo du sonst immer nur das Strahlen und Leuchten von mir siehst oder hörst oder liest, hab ich dir heute mal die Kehrseite gezeigt. Im Wissen, dass es Dinge gibt, wo wir hinschauen dürfen, sollen, müssen. Damit wir diese Welt kinderfreundlicher machen können. UND elternfreundlicher.

Mit weniger Druck und mehr Bewusstsein.
Mit weniger Gewalt und mehr Frieden.
Mit weniger Angst und mehr Vertrauen.
Dass wir diese Kinder nicht verbiegen müssen, weil sie richtig sind. Oft noch viel richtiger als wir.

Wer ohne Schuld, der werfe den ersten Stein! 😉
Nein, im Ernst: bist du mutig genug, deinen größten Fehltritt als Elternteil hier zu teilen? Ich bin gespannt, wer die Einladung annimmt …

Zwischen Aufopferung und Egoismus

Zwischen Aufopferung und Egoismus

Ist es egoistisch das Baby einen Abend bei Oma zu deponieren, um als frisch gebackene Eltern zu zweit essen zu gehen? Ist es zu aufopfernd, die Bedürfnisse des Kindes jederzeit zu erfüllen? Ist der Raum zwischen Aufopferung und Egoismus das, was wir unter Selbstfürsorge verstehen? Wenn ja: Wo genau liegt bitte die Grenze? Und wie zum Teufel soll ich das als Elternteil erkennen, was jetzt gut für wen wäre und das auch noch gleichzeitig hinbekommen?

DAS SOLLTEN WIR BEDENKEN

Zunächst mal: wir befinden uns in einer Ausnahmesituation. Wir erleben seit vielen Monaten, dass wir nicht nur auf lieb gewonnene Privilegien verzichten sollen, sondern auch auf Dinge, die für unser alltägliches und menschliches Leben grundlegend und und wichtig wären, wie zum Beispiel spontane Umarmungenkörperliche Nähe mit ruhigem Gewissen oder Feinheiten in der Interaktion (gesamte Mimik) eines Menschen zu sehen beim Sprechen und sowieso die verminderten Sozialkontakte. Das sollten wir bedenken, bevor wir anfangen, diese Gegensätze zu besprechen. Weil Selbstfürsorge nicht zusätzlichen Druck machen soll, sondern herausnehmen und viele Strategien, die wir vielleicht schon hatten, momentan nicht gehen.

ICH WEISS, DASS ICH NICHTS WEISS

Wir sind soziale Wesen und nun seit Monaten in unserer diesbezüglichen Lebensgestaltung mehr als begrenzt und wenn wir’s nicht ab und zu weniger genau nehmen mit den verordneten Maßnahmen sowieso ganz arm dran.

Auch und besonders, dass wir uns kaum noch in Gruppen erleben, im echten Raum, macht was mit uns und unserer Anknüpfungsfähigkeit, wie ich denke. Wir isolieren uns. Das mag virologisch Vorteile bringen, gesellschaftlich ist es allerdings durchaus kritisch zu sehen. Das Schwierige ist einfach, dass es sich nicht mit Sicherheit voraussagen lässt, was das für die nähere oder weitere Zukunft bedeutet, was wir gerade auf sozialer Ebene erleben. 

Wir wissen ingesamt recht wenig und darüber noch weniger. So oft kommt mir das geflügelte Wort “Ich weiß, dass ich nichts weiß” in den Sinn, dass Sokrates zugeschrieben wird und das stimmt auch und erst recht für die momentane Zeit.

Was das Virus betrifft.
Was unsere Zukunft betrifft.
Wie wir aus der Nummer wieder raus kommen.
Mehr denn je müssen wir im Jetzt leben und für uns sorgen können, denn auf Belohnung und Erleichterung irgendwann in der Zukunft ist schon länger kein Verlass mehr. (Ups, kurz abgeschweift.) Aber zurück zum Thema: Wie sorgt man also für sich in herausfordernden Zeiten?

ANOTHER TO-DO?

In einer Zeit, wo also viele Menschen gefühlt am Rande ihrer Belastbarkeit angekommen sind, wo die Nerven blank liegen, wo ein freundlich gemeintes Zunicken im Supermarkt fast aggressive Konfrontation auslöst vor lauter Missverständnissen, wo wir überfordert sind mit den Emotionen unserer Kinder, denen der Gesellschaft und manchmal auch unseren eigenen – ist es da überhaupt zulässig, zu sagen:

“Kümmere dich halt besser um dich selbst! Du musst schon auf dich schauen! Das ist ja deine Schuld, wenn du dich so aufopferst!” Ist Selbstfürsorge wirklich ein weiteres notwendiges To-Do auf einer sowieso schon viel zu langen Liste?

WARUM WIR SELFCARE NICHT AUTOMATISCH KÖNNEN

Diese Antwort ist womöglich schmerzlich, doch es ist tatsächlich unsere eigene Verantwortung, als Erwachsene auf uns selbst zu schauen. Sonst wird’s niemand tun und ganz ehrlich: ich will ich als mündige Erwachsene auch nicht. Für minderjährige Kinder übernehmen wir diese Verantwortung als Eltern in unterschiedlichem Ausmaß (je nach Alter, Reife und Entwicklungsstand) zusätzlich mit, also hocken wir als Elternteile quasi gleich doppelt im Dilemma, denn da fängt es an, besonders kniffelig zu werden. Allzu oft stehen sich die Bedürfnisse der Kinder mit denen der Erwachsenen diametral gegenüber und es geht sich schlichtweg nicht aus, beiden gleichzeitig und gleichermaßen gerecht zu werden.

WO DER HUND BEGRABEN IST

In der Tatsache, dass wir Menschen zu Beginn des Lebens schlicht nicht überlebensfähig wären und auf die absolute Fürsorge einer Bindungsperson angewiesen sind, liegt auch irgendwie der Hund begraben. Einerseits lernen wir in unserer frühesten Kindheit: “Ich werde versorgt, jemand kümmert sich um mich.” Und dann sollen wir als Erwachsene plötzlich können: “Schau auf dich selbst. Und schau auf dein Kind.” Also kippen wir möglicherweise in die Rolle der fürsorglichen Mutter oder des fürsorglichen Vaters bevor wir manchmal überhaupt gelernt haben, wie wir mal nur gut auf uns schauen. Damit wir nicht mit frühkindlichen Verhaltensmustern in eine Erwachsenenrolle stolpern, zahlt es sich aus, für einen sanfteren Übergang zu sorgen.

IRGENDWO IN DER MITTE

Wie kann man diese herausfordernde Rolle also anlegen, wenn Babys so viel Zuneigung, Liebe und Hingabe brauchen und Eltern oft sogar eingeschränkten “Zugang” zu lebensnotwendigen Dingen wie Schlaf und Nahrung haben (ich rede erst gar nicht von Mädelsabenden oder Wellnesswochenenden zu zweit), weil es ein Baby eben erfordert, die erwachsenen Bedürfnisse hinten an zu stellen, um leben zu können? Die Antwort ist: es braucht beides. Aufopferung und Egoismus. Ohne elterliche Aufopferung würden Neugeborene nicht überleben und ohne Egoismus könnten wir uns nie wieder aus dieser Dynamik lösen und andere Lösungen finden. Langfristig wäre es gut, irgendwo in der Mitte zwischen diesen beiden Extremen mehr oder weniger hin und her zu pendeln, denn wenn ich eins bisher in punkto Elternschaft gelernt hab: es ist sicher keine Gerade sondern eher ein seismographisches Protokoll.

BEWUSST SEIN.

Es braucht immer wieder mal – und besonders am Beginn der Elternschaft – eine aufopfernde Haltung und Einstellung, um ein gutes Aufwachsen des Kindes zu gewährleisten. Viele Mütter und Väter tun das auch von Herzen gern, weil das Kind das Wertvollste in ihrem Leben ist. Dennoch ist es mitunter schwer und Viele beschreiben diese Belastungen als echte Grenzerfahrung: so große Verantwortung, so viel Geben, so wenig Entlastung.

Von Anfang an sei allerdings gesagt:

  • Alles, was nicht Stillen ist, können Väter und Mütter gleichermaßen.
  • Es ist gut und wichtig, die eigenen Belastungsgrenzen (auch zum Wohl des Kindes) zu beobachten.
  • Du darfst Hilfe und Unterstützung annehmen und auch danach fragen.
  • Und langsam aber sicher dürfen wir dem Menschenjungen auch selbst Dinge zutrauen und zumuten.

Denn dadurch wächst Vertrauen und Mut, und das wünschen sich wohl alle Eltern für das Kind und ein geschmeidigerer Übergang vom “versorgt werden” hin zum “sich versorgen” wird vorbereitet.

DAS EIGENE DING MACHEN

Ganz oft stellt sich die Frage nach der Zumutbarkeit.

  • Schafft es das Baby schon, bei Oma zu bleiben?
  • Ist es okay für das Kleinkind bei der Tante zu übernachten?
  • Bleibt das Kind schon ohne mich bei befreundeten Familien zum Spielen?
  • Kann ich dem Kind schon zutrauen, allein den Schulweg zu gehen?
  • Lasse ich das Kind im weltweiten Netz schon allein?

Was hier zumutbar ist, können und dürfen Eltern selbst entscheiden. Und es ist eine ständige Gratwanderung zwischen dem, was Kinder möchten und anderem, was Erwachsene möchten. Auch wenn es dazwischen hoffentlich so einiges gibt, das allen in der Familie gut tut. Nach diesen Gemeinsamkeiten sollte und darf man suchen, dabei viel ausprobieren und dann das “eigene Ding” machen, egal ob das dann zusammen kochen, wandern, faulenzen, spazieren, lesen, essen oder sonst was ist.

Die Bedürfnisse aller zählen – auch wenn nicht immer alle gleichzeitig erfüllt werden können. Ich sag immer gern: “Den Meisten soll es meistens gut gehen.” Das nimmt den Druck, alles für alle immer perfekt machen zu müssen, was sowieso eine Illusion ist.

VORLEBEN, WAS WIR DEN KINDERN WÜNSCHEN

Eltern tun sich oft schwer, dem eigenen Nachwuchs etwas auszuschlagen. Mit einem dauernden Nein macht man sich früher oder später sehr unbeliebt und auch wenn ich immer sage: “Elternsein ist kein Beliebtheitswettbewerb” – so ist schlechte Stimmung für alle Beteiligten blöd. 

Ein klares Nein zum Kind ist aber oft ein liebevolles Ja zu mir selbst, wie Jesper Juul das auch in seinem Buch “Nein aus Liebe” beschreibt und mit dieser Idee im Hinterkopf kann es auch viel besser gelingen, die eigenen und persönlichen Grenzen zu wahren und schon dem jungen Kind vorzuleben:

Es ist okay, wenn ich arbeiten gehe, weil ich das gern mache und ich dann ausgeglichener bin.
Es ist okay, wenn Mama laufen geht, weil ihr das gut tut und sie dabei Frust los wird.
Es ist okay, wenn Papa an seinem Modellflieger baut, weil ihn das entspannt.
Es ist okay, wenn wir Eltern dich bei Oma abgeben um Paarzeit zu erleben, du bist dort gut versorgt.
Es ist okay, dass wir Eltern auch mal unsere Ruhe brauchen von euch Kindern, um dann wieder gut für euch da sein zu können. 

GLEICHZEITIG & GLEICHERMASSEN

Es gibt kein eindeutiges Richtig oder Falsch zwischen den Polen Aufopferung und Egoismus. Wichtig ist, dass wir uns spüren und unsere Kinder und einlenken, wenn wir zu lange zu nahe bei einem der beiden Pole haften bleiben. Zu viel Aufopferung ist ungesund. Zu viel Egoismus auch. Und dazwischen ist nicht nur ein schmaler Grat sondern eher eine mittelbreite Zone, die gestaltet und gelebt werden darf. Das kann und wird beizeiten herausfordernd sein, weil es eben keine Patentrezepte gibt. 

Manchmal werden sich Grenzen verschieben, weil man nie gedacht hätte, dass man auch “so” sein kann als Mama oder als Papa. Und die Frage, ob wir’s richtig gemacht haben, wird noch länger unbeantwortet bleiben.

Also richten wir uns nach dem, was uns JETZT zur Verfügung steht: die Antwort auf die Fragen:

Fühlt es sich für mich gut oder richtig an?
Fühlt es sich wohl für das Kind gut oder richtig an?
Fühlt es sich für uns alle gut oder richtig an?
Und danach könnten wir handeln.

In Liebe zu uns.
Oder in Liebe zu unseren Kindern.
Und hoffentlich ab und zu in Liebe zu ALLEN – gleichzeitig und gleichermaßen.


Wenn du dich auf zwischen Aufopferung und Egoismus wieder besser orientieren und ausrichten magst:

MEINE, DEINE, UNSERE Bedürfnisse
Online LIVE Workshop
7. April 2021 – 19.00 Uhr
via ZOOM
25 €

Mental Load – eine Ladung Gedanken

Mental Load – eine Ladung Gedanken

Eine Ladung Gedanken.

An die Musikstunde des Kindes denken. Noch Brot holen, das ist schon wieder aus. Schauen, ob das Kind auch halbwegs die Schulsachen beisammen hat. Die Englisch Vokabel bei der Mittleren prüfen. Sieben Euro für den Werkunterricht bereitlegen. Die Große zur Freundin chauffieren. Waschpulver kaufen und – hab ich schon die Zahnarzttermine vereinbart?
Gedanken, die sich vor allem Mütter machen, die Schaltzentralen in Familien. Was das Schwierige daran ist und welche drei kleinen Lösungsgedanken ich für dich hab.

EINE LADUNG GEDANKEN

Im Kopf einer Mutter ist es kaum einmal still, das Rattern der Gedanken fängt oft beim ersten Augenaufschlag an und geht weiter, bis abends die Lider wieder runterklappen. Es ist kein Full-Time-Job, sondern weit mehr als das. Und selbst wenn die Hände mal ruhen, gehen die Gedanken immer noch im Kreis, weil sich zu viele To-Dos oben tummeln und die Kommandozentrale einer Familie so gut wie nie geschlossen hat. Das ist gemeint, wenn man von Mental Load spricht, der mentalen Last, der Ladung Gedanken, die Frauen täglich tragen und die einen beizeiten fertig machen kann.

WO DIE FÄDEN ZUSAMMENLAUFEN

Auch, wenn ich Familienmitglieder hab, die mittlerweile wissen, dass wir kein Hotel sind, sondern eine Wohngemeinschaft und auch wenn sie relativ bereitwillig ihre Tätigkeiten übernehmen, ist es immer noch zu gefühlten 95% so, dass die Aufgabe vorher in meinem Kopf schwirrt und ich sie jemandem delegiere, bevor ich innerlich ein Hakerl machen kann. Es geht also weniger darum, alles oder so vieles selbst zu machen, es geht darum, dass bei den Frauen oft (nicht zuletzt wegen der einfacheren Verfügbarkeit) alle Fäden zusammenlaufen und dieser Wollknäuel allein schon aufs Gemüt drücken kann, bevor man irgendeine Tätigkeit auch wirklich angeht. 

VON SELBST GEHT GAR NIX

Ich nenne gern noch ein Beispiel, um das zu untermalen. Wenn Männer (oder Kinder) den Einkauf übernehmen, dann gibt es eine Liste und mit ziemlicher Sicherheit kommt kein Ding mehr (oder weniger) mit nach Hause als da drauf steht. Wenn ich selbst durch die Regale flitze, sehe ich das Mehl und denke – “Oh, da haben wir nur noch ein Kilo” und im Vorbeigehen nehm ich noch Salz mit und eine Flasche Spülmittel, das wird auch schön langsam alle. Das ist kein Vorwurf sondern eine schlichte Tatsache und es ist eine kniffelige Aufgabe, hier für mehr Gerechtigkeit und Ebenbürtigkeit zu sorgen. Selbst, wenn die (minderjährigen) Mitbewohner gewillt sind – von selbst geht meistens gar nix.

3 HOFFENTLICH HILFREICHE GEDANKEN

“Als Mann teilt man mit. Als Frau suchst du an”, sagt meine Freundin Verena gern durchaus genervt, wenn es um die Betreuungsübernahme der Kinder für den bevorstehenden Mädelsabend oder Stammtisch geht. So weit, so ungerecht.

Wie rückt man diesem Thema nun zu Leibe? Da ich nicht mehr darüber rede, ob das wirklich so anstrengend ist, das Alltagsmanagement einer Familie über zu haben (weil das einfach Fakt ist), bin ich auf der Suche nach Lösungen, wie man sich im Strudel der familiären Arbeitsfelder mehr Leichtigkeit schaffen kann.
3 hoffentlich hilfreiche Gedanken dazu:


#1: ANSPRECHEN UND AUSSPRECHEN STATT ANNEHMEN

Ja, zunächst ist es wichtig, das aus zu sprechen. Viele Menschen wissen überhaupt nicht, was man damit meint, wenn man von Mental Load spricht. Es ist das Gefühl (oder die Tatsache) sich um alles kümmern zu müssen und auch wenn es sich dabei um Kleinigkeiten handelt, macht eben die Dosis das Gift. Während der Arbeit an die Mathezetteln des Kindes zu denken. Während dem Frühstück sich Gedanken ums Mittagessen zu machen. Während dem Taxifahren geschickte Arbeitsabläufe im Kopf zu erstellen. Es braucht ein größeres Bewusstsein für diese gedankliche Arbeit, wir dürfen aussprechen und ansprechen, was sich alles an Aufgaben anhäuft und dann geht es an den wirklich kniffligen Teil: sich ebenbürtig an diese To-Dos herantasten. Was das Einkaufen betrifft, gibt es hier seit etwa einem Jahr eine App (“Bring!”), in die alle Familienmitglieder eintragen können, was sie als “fehlend” bemerken. Somit hat sich zumindest das Einkaufen auf Zuruf “Mama, die Milch ist aus!” drastisch reduziert. Wer das gewünschte Lebensmittel nicht aufschreibt bzw. eintippt, hat kaum Chancen, dass es nach Haus kommt. Die Verantwortung liegt nicht mehr bei mir allein. Dafür laufen wir wie die Irren im Supermarkt alle mit Handy rum und aktualisieren die Liste.

#2: KEINE AUSREDEN MEHR

Das scheitert ganz oft nicht am guten Willen der beteiligten Erwachsenen, sondern auch an der Tatsache, dass Frauen noch immer so viel mehr von der unbezahlten Care-Arbeit leisten, weil es schlichtweg eine wirtschaftliche Entscheidung ist, und sich die Frage: “Wer sorgt für die Erwerbsarbeit?” einfach nicht stellt, wenn der Mann eineinhalb mal so viel verdient im Job. So rutschen Frauen in diese Kümmerrolle und haben dann die Not in Dosen. Spätestens, wenn sie selbst wieder erwerbstätig (auch mit “nur” so wenig Stunden) sind und die anderen Dinge wie Carearbeit und Haushalt weiterlaufen wie gewohnt.
 Das Mühsame ist: niemand außer uns wird Interesse daran haben, an diesem Umstand etwas zu ändern (weil, bequem ist es ja für die anderen) und so bleibt auch das Aufdecken, Anstupsen und Anregen wieder bei uns hängen. Also:

  • es ist gut und wichtig, darüber zu reden.
  • Es ist gut und wichtig, dafür Bewusstsein zu schaffen.
  • Und es ist gut und wichtig, für gerechtere Verteilung zu sorgen.

Weil alles, wofür man keine primären Geschlechtsteile braucht, genau so gut von einem Mann erledigt werden kann wie von einer Frau. Oder von einem Kind, wenn es eine altersgerechte Tätigkeit ist. Es gibt also keine Ausreden mehr von geschlechtswegen, etwas nicht tun zu können, das ist einfach Blödsinn. Das gehört deutlich gesagt. Tut mir Leid, liebe Männer – ich weiß, die Nachricht ist bitter.

#3: ÜBERNEHMEN STATT HELFEN

Ich achte seit vielen Monaten darauf, wie oft mir das Wort “helfen” über die Lippen kommt, wenn es um Tätigkeiten geht. Immer öfter gelingt es mir, “helfen” einzutauschen und stattdessen das Wort “übernehmen” zu verwenden, weil “helfen” impliziert, dass es eigentlich meine Aufgabe ist und mir jemand dabei was abnimmt. Wenn ich von übernehmen spreche, ist für mich gefühlt klarer, dass die Aufgabe zu erledigen ist und sie im Ursprung überhaupt nie zugeteilt war. Das ermöglicht, dass wir uns durch Sprache weniger Verantwortung auftürmen, als wir ohnehin tragen. Weil, du ahnst es schon: Sprache Realität schafft und es einfach einen Unterschied macht, was wir wie sagen. Auch Kinder können und dürfen früh eingebunden werden in den Bereich der Hausarbeit, nur so kann es irgendwann selbstverständlich werden, den eigenen Teil zum Gelingen einer Familie beizutragen und unsere mentale Last zu erleichtern.

DAS HABEN WIR DAVON!

Was haben wir und vor allem die Anderen davon, sich in diesen Belangen eine neue Umgangsweise zuzulegen? Nun, unsere Vorteile liegen auf der Hand.
Doch auch unsere (minderjährigen) Mitbewohner können davon profitieren und lernen, nämlich dass …

… es miteinander leichter geht.
… es gemeinsam oder nebeneinander lustiger ist.
… jeder Verantwortung für das Gelingen des großen Ganzen trägt.
… jeder wichtig ist und ein wertvoller Teil der Familie.
… alle gehört werden und sich einbringen dürfen.
… uns Zuschreibungen und Rollenklischees immer einengen, egal welches Geschlecht.
… wir die Freiheit haben, Aufgaben so zu verteilen, wie wir es individuell für gut befinden.
… demokratische Prozesse anstrengend sein können, aber wichtig sind.
… die Stimmung sich deutlich verbessert, wenn man auf Augenhöhe agiert.

Am Montag begehen wir den internationalen Frauentag. Es wäre schön, sagen zu können: “Das brauchen wir doch nicht mehr!”, doch es ist nicht so. Immer noch gibt es zu viele haarsträubende Ungerechtigkeiten, immer noch gibt es zu viele fixe und klischeehafte Rollenbilder und immer noch ist die Aufteilung von Arbeit (geschweige denn, deren Bezahlung) ungerecht verteilt.

Also wiederhole ich gern einen Absatz aus einem Instagram-Beitrag vom letzen Jahr: nehmt diesen Tag und FEIERT:

Jede Pionierin,
jede Mutter,
jede Rebellin,
jede Mentorin,
jede Unterstützen,
jede Legende,
jede Heldin,
jede Kämpferin,
jede Schwester,
jede Freundin,
jede Feministin

und denkt daran, DANKE zu sagen, wenn ihr schon mal ihre Unterstützung von ihr erfahren habt!

Kommentar schreibenKommentare: 2

  • #1Verena (Samstag, 06 März 2021 08:21)Liebe Kerstin!
    Welch wahre Worte…und wie passend zum kommenden Welt-Frauen-Tag! Danke fürs Verschriftlichen, das dir wie immer hervorragend gelungen ist und DANKE fürs Bewusstseinschaffen!!
11 LAST-Minute Ideen für den Valentinstag

11 LAST-Minute Ideen für den Valentinstag

Du willst zum Valentinstag keinen Konsumrausch oder Kitsch und Kommerz? Du bist außerdem spät dran und hast keine Idee, wie du sonst deinen Lieben zeigen kannst, dass sie wertvoll für dich sind?! Dann bist du hier richtig.

Heute hab ich hier für dich 11 LAST MINUTE Valentinstags-Ideen, die nix kosten und noch in allerletzter Minute umsetzbar sind, wenn du den Tag der Liebenden trotzdem irgendwie besonders feiern möchtest. 

Wenn du hier schon länger mitliest, weißt du ja bereits, dass ich mit “auf Kommando gekaufte Blumen” keine große Freude hab und dem ganzen Konsumzwang rund um sämtliche Feiertage grundsätzlich skeptisch gegenüber stehe. Das heißt aber noch lange nicht, dass man Feste und feierliche Anlässe gänzlich ignorieren muss, ganz im Gegenteil. Es gibt immer Lösungen und Alternativen, wenn man etwas Anders machen möchte. Wenn man nicht das tut, was von Außen vorgegaukelt wird, sondern sich etwas Persönliches überlegt. Gegen den Strom halt, quasi.

  1. DIE SCHATZSUCHE
    Allzu oft sehen wir beim Partner die Dinge, die uns ärgern, die er nicht macht, die uns fehlen. Macht euch heute auf die Suche und schreibt 3 Dinge auf einen kleinen Zettel, die ihr aneinander schätzt und schenkt euch diesen (oder versteckt ihn wo, wo er bald gefunden wird)!

  2. DIE HANDMASSAGE
    Mal ehrlich: wie oft sind wir liebevoll zu unseren Händen? Und zu denen der Partnerin? Gönnt euch mal den Luxus, die Hände, diese wertvollen Wunderwerke, hochleben zu lassen und massiert sie euch gegenseitig. Ihr entscheidet, ob mit Handcreme oder einem duftenden Öl – so, wie es für euch passt. Und nehmt achtsam wahr, wie wunderbar sie geschaffen sind und was sie schon alles geleistet haben.

  3. DIE TOP TEN LISTE
    Schreibt euch gegenseitig eine Liste mit den absoluten Highlights eurer Beziehung. Macht das jeder für sich und tauscht im Nachhinein die Zettel, um sie vorzulesen. Spannend ist oft, welche Übereinstimmungen und Unterschiede es gibt. Jedenfalls ist garantiert: ein Schwelgen in feinen Erinnerungen – viel Spaß dabei!

  4. IM SEELENSPIEGEL VERSINKEN
    Augen sind der Spiegel der Seele, sagt man oft. Wie oft schauen wir uns bewusst und lang tief in die Augen, wenn wir schon jahrelang zusammen sind? Dieser Tipp ist eine Einladung, genau das zu tun: 3 Minuten Augenkontakt halten und das eigene Gefühl dabei beobachten. Was spüre ich und wie geht es mir bei diesem intensiven Kontakt? Viel Freude und Mut beim Versinken in den Augen des Anderen!

  5. LACHEN ALS LÖSUNG
    Okay, vielleicht nicht, was du im ersten Moment denkst, denn hier darf es lustig werden: gesteht euch gegenseitig eure peinlichsten Momente ever. Oft kann man mit etwas zeitlichem Abstand dann herrlich darüber lachen, was damals passierte und das darf auch das Ziel sein. Was ist euch schon (gemeinsam) Peinliches passiert, worüber ihr sonst nie redet?

  6. KOPF ÜBER HERZ
    Dazu ist es gut, sich kurz ein bisschen körperlich zu betätigen: also tanzt, hüpft, springt ein paar mal und dann legt euch auf eine gemütliche Unterlage. Einer beginnt und legt den Kopf auf den Brustkorb des Anderen und lauscht dem Herzschlag des Liebsten. Dann wechselt ihr und der Zweite lauscht! Es ist gut, wenn der Raum sonst ruhig ist und du hörst mehr, wenn dein Herz kräftig schlägt: daher vorher die Bewegung! Viel Freude mit diesem speziellen Drummer-Solo! 

  7. STILLES SCHREIB-GESPRÄCH
    Setzt euch gegenüber hin, nehmt einen leeren A4 Zettel und einer schreibt als erstes den Satz auf: “Unsere Beziehung ist lebenswert, weil ….. “ und beendet den Satz mit ein paar Wörtern. Dann kommt der Andere dran und schreibt weiter: wieder einen Satz. Dann wieder wechseln. Das kann man so lang machen, bis der Zettel voll ist und ihn dann nocheinmal in einem vorlesen. Das Ganze darf ohne Sprechen gehen und ist dann ein “stilles Schreib-Gespräch!”
    • Welcher Mensch inspiriert mich?
    • Wovor hab ich Angst?
    • Was bringt mich zum Lachen?
    • Wenn ich ein Tier wäre, wär ich ….!
    • Wo bin ich besonders kitzlig?
      Und dann sei gespannt, ob du doch noch etwas Neues von ihm / ihr erfährst, wenn ihr in den Austausch geht! Viel Vergnügen!

  8. PREMIEREN-FRAGE
    Jeder von euch darf dem Anderen eine Frage stellen, die er / sie noch nie zuvor gestellt hat. Was würdest du gerne von deinem Partner wissen? Wozu wüsstest du gern ihre Meinung? Was hast du dich noch nie zu fragen getraut? Der Fokus darf darauf liegen, Neues und Unbekanntes vom Anderen zu erfahren und zu sehen: das gibt’s immer noch Facetten, die ich bisher nicht gesehen hab – spannend, nicht wahr?!

  9. SPIDER MAN KISS
    Okay, du musst dich nicht von irgendeinem Haus runter hängen, aber es geht auch im Liegen: Legt euch so hin, dass die Köpfe ganz nah beisammen sind und die Beine genau in die entgegengesetzte Richtung schauen. Ihr seht euch quasi “auf dem Kopf” stehend. Versucht, euch so zu küssen und entdeckt, wie anders und besonders sich so ein “verkehrter” Kuss anfühlen kann. Lachen ist übrigens erlaubt ;-)!

  10. WUNSCH-ERFÜLLER
    Das ist ein Valentinstag-Extended Idee: ihr braucht je drei unterschiedlich farbige Notizzettel (z.B. drei blaue, drei grüne Zettel)- jede Person bekommt die Zettel einer Farbe. Nun schreibt jeder einzeln auf, womit ihm der Partner eine Freude machen könnte und wirft das in ein leeres Konservenglas (das man auch noch nach Wunsch verzieren könnte).


    Wenn du das nächste Mal Lust hast, deinem Partner / der Partnerin was Gutes zu tun, schnapp dir einfach einen seiner / ihrer Zettel und erfülle diesen Wunsch. Vorteil: du brauchst nicht lang zu überlegen, WAS du tun magst und kannst sicher sein, damit ins Schwarze zu treffen – immerhin hat er / sie ja selbst aufgeschrieben, dass dies ein Wunsch wäre. BEST PRACTICE: Dinge, die es nicht zu kaufen gibt ;-)!

Als abschließende Idee – und falls du dich einfach nicht entscheiden kannst, welchen dieser elf Tipps du umsetzen magst, schreib doch die Überschriften auf Zettel und lass deinen Partner / die Partnerin einfach ziehen. Sie sind übrigens großteils “wiederverwendbar” ;-). 

Die übrigen Ideen können ja für später aufgehoben werden und auch irgendwann zum Zug kommen, denn ….

… die Liebe feiern tut ja öfters gut – nicht nur am 14. Februar. 

So lasst es euch gut gehen und feiert eure Beziehung!Nichts ist selbstverständlich und alles ist Besonders!Habt einen schönen Valentinstag, ihr Lieben!