Jahreszeiten in der Paarbeziehung

Jahreszeiten in der Paarbeziehung

JAHRESZEITEN IN PAARBEZIEHUNGEN

Es war eine Mutter, die hatte vier Kinder … – diese Zeilen erlaube ich mir für diesen Beitrag umzuformulieren in: Und jede Beziehung hat ihre vier Kinder, den Frühling den Sommer, den Herbst und den Winter. Was es mit Jahreszeiten in Beziehungen auf sich hat, was die turtelnden Enten auf meiner Laufrunde damit zu tun haben und was ein problematischer Klimawandel für Beziehung ist, liest du hier.

SPRING IS IN THE AIR

Frühling ist’s. Die Natur erwacht zu neuem Leben und hier und da sieht man Vögel, Enten oder andere Tiere miteinander turteln. Das war selbst bei meiner Laufrunde heute nicht zu übersehen. In meinen Jahren als Elementarpädagogin hab ich das sogar bei den Kindergartenkindern beobachten können, dass die sich im Frühling besonders häufig verliebten. Es war so süß zu beobachten, wie diese Jahreszeit auf uns alle wirkt. 

BEZIEHUNGEN SIND LEBEN

Jahreszeiten gibt’s ganz unabhängig vom Kalendermonat auch in Beziehungen. Und so wie in unseren Breitengraden eben gewohnt, ist es genau die Unterschiedlichkeit und Abwechslung, die dieses Spiel so interessant machen. Keine Beziehung ist ein immer währender Frühling oder Sommer. Beziehungen sind LEBEN und natürlichen Phasen ausgesetzt, die alle ihre Berechtigung haben. Zumindest bis zu einem gewissen Grad.

JEDE JAHRESZEIT HAT EIN GESCHENK

Es geht also nicht darum, eine bestimmte Jahreszeit (= Phase in einer Beziehung) zu idealisieren, sondern darum, den Reiz und das Geschenk in jeder einzelnen Etappe zu entdecken. Mit dem Leben mitzugehen, statt dagegen zu arbeiten. So und daran zu wachsen und zu reifen. Wie das gelingen kann, darum geht’s in diesem Beitrag.

FRÜHLING in Beziehungen

Wenn zwei Menschen sich neu kennenlernen und begegnen, liegt da diese Spannung in der Luft. Blicke, die sich treffen und aufregendes Prickeln auslösen. Berührungen, die beinahe Funken sprühen lassen. Worte, die dir eine Gänsehaut im Hochsommer bescheren können. Das alles und noch viel mehr passiert wahrscheinlich, wenn wir uns verlieben. Diese Zeit ist Aufregung pur und immer (wieder) etwas ganz Besonderes. Jedes Mal etwas Neues aneinander entdecken, neugierig aufeinander sein und sich faszinieren lassen.

Frühling kann sein …
… Fragen zu stellen, die du noch nie gestellt hast.
… sich aufrichtig für das Gefühlsleben deines Partners zu interessieren.
… ihn anzusehen, als würdest du ihn zum ersten Mal sehen.

SOMMER in Beziehungen

Wenn Verliebte den Frühling überstehen und nicht beim ersten Sommergewitter auseinander rennen, kommt der erste Sommer. Leidenschaft und Lust aufeinander und damit einhergehend eine bewegende Tiefgründigkeit, die unser inneres Feuer ganz schön ankurbeln. Man bewegt sich unter blitzblauem Himmel und lässt sich die Sonne auf die Haut scheinen, auch ein vorbeiziehendes Gewitter kann dieses Gefühl nicht trüben: das hier ist richtig und fühlt sich gut an.

Sommer kann sein …
… die erotische Liebe zwischen euch zu feiern.
… in einem passenden Moment wieder mal die tiefe Liebe zueinander bekunden.
… dieses Feuer und die Leidenschaft zwischen euch neu entfachen zu können.

HERBST in Beziehungen

Nicht enden wollende Hitzewellen sind in der Realität wohl genau so anstrengend wie sie in Beziehungen wären. Es ist okay, wenn sich Emotionen dann wieder abkühlen, wenn die Buntheit des Lebens (auch außerhalb der Paarbeziehung) wieder bemerkbar wird und man die Früchte der eigenen Liebe ernten kann. Als ein zufriedenes Ruhiger-werden, Schauen und Genießen würde ich den Herbst in einer Beziehung bezeichnen. Man fühlt noch die Wärme, sieht und spürt, was man schon zusammen erreicht hat und kann auch mit ein wenig Abstand zueinander gut umgehen.

Herbst kann sein …
… sich lieben und dennoch den Blick nach Außen gut finden.
… den Anderen voll Vertrauen sein Ding machen lassen und sich daran erfreuen.
… das gemeinsam Erschaffene wertzuschätzen und sich gemeinsam dafür einsetzen.

WINTER in Beziehungen

So sehr ich den Winter in echt liebe – in Beziehungen fühlt er sich meist nicht so schön an. Gefühlsmäßige Kälte, zurückgezogene Partner und frostige Stimmung sind auf den ersten Blick nicht sonderlich angenehm für unser Gemüt. 

Winter kann sein …
… in sich gehen und Raum für sich brauchen.
… mehr Abstand in Anspruch nehmen. Aber auch:
… kein Verständnis für einander aufbringen können.
… genervt sein von den Macken und Eigenheiten des Partners.
… wenig Lebendigkeit zwischen sich zu spüren.

Dennoch denke ich, dass diese Episoden auch zu lebendigen Beziehungen dazugehören. Auf Distanz gehen, Abstand halten, In-sich-kehren und zurücknehmen ist ab und zu sogar notwendig, wenn man als Liebespaar lebendig bleiben will.

EISZEIT – oder: ist da noch Leben drin?

Es geht also darum, das Spiel mit den Jahreszeiten in der Beziehung zu verstehen. Mitzugehen und sich auch getragen wissen. So wie wir auf dem Planeten Erde aber ein Problem mit der Erderwärmung und Überhitzung haben, ist es ein Problem in Beziehungen, wenn man sich in einer länger dauernden Eiszeit befindet. Wenn es über viele Monate hinweg nur „unter Null“ hat, die Sonne niemals durchblickt und alles wie tot erscheint, macht es Sinn, zu überprüfen, ob da wirklich noch Leben drin ist, oder nicht.

Nach einem kalten Winter kann auch eine Beziehung wieder aufblühen. Doch wenn der Frost zu lange hält, besteht die Gefahr, dass die Liebe zueinander, diese zarte Pflanze, auch Schaden nimmt oder stirbt. 

DAS WETTER MACHEN WIR UNS SELBST

Glücklicherweise sind wir beim Klima und den Jahreszeiten in einer Liebesbeziehung nicht so ausgeliefert wie beim Wetter.
Wir können JEDEN Tag das Klima in unserer Beziehung selbst mitbestimmen. Allerdings nicht allein, denn: jede Person leistet dabei ihren Beitrag. Nicht auf jeden Herbst muss ein Winter folgen, was Beziehungskreisläufe angeht. Man darf sich hier auch überraschen lassen vom Leben. Von sich selbst. Und vom eigenen Partner / der Partnerin … und die Jahreszeiten der Beziehung in all ihrer Lebendigkeit feiern.

Und so schließe ich diesen Blog mit einer Frage an dich:

in welcher Jahreszeit befindet sich deine Liebesbeziehung gerade?
Schreib mir gern in die Kommentare, welche Jahreszeit du in Beziehungen am meisten feierst!

3 Wege für mehr GENDER-Gerechtigkeit in Familie & Partnerschaft

3 Wege für mehr GENDER-Gerechtigkeit in Familie & Partnerschaft

Ich gestehe: das ist ein wunder Punkt bei mir. Gerechtigkeit in der Familie. Auch wenn wir ein grundsätzlich sehr traditionelles Modell leben, ist mir moderne Gerechtigkeit in meiner Partnerschaft ein großes Anliegen. Und diesen Umstand auszuhandeln ist oft unangenehm. Heute nehme ich dich mit auf die Reise, was es mit der Geschlechtergerechtigkeit auf sich hat, warum diese Gerechtigkeit ALLEN nützt und welche drei Wege dabei hilfreich sein können. Los geht’s.

Männlichkeit versus Weiblichkeit

Stein des Anstoßes für diesen Beitrag war meine Teilnahme an einem Studientag, wo es genau darum ging: Gendergerechtikeit in Ehe, Partnerschaft und Familie, bei der Mag.Dr. Erich Lehner als Vortragender sein Wissen mit uns geteilt hat. Gefangen war ich gleich zu Beginn, als die Aussage nämlich war: erstens ist Gender kein Gen, kein Hormon – wir alle sind Menschen und Geschlechtlichkeit wird abseits vom Körper vor allem erlernt und dann von Mythen, Symbolen, Zuschreibungen, Meinungen und so weiter aufrechterhalten. Und zweitens: WEIBLICHKEIT ist meist nicht das Problem. Es ist die Männlichkeit, die zu zaghaft angegangen wird.

DAS GEHIRN – WEDER WEIBLICH, NOCH MÄNNLICH. SONDERN FORMBAR.

Geschlecht ist nicht nur physiologisch, es ist wird vor allem im täglichen Leben und vom ersten Tag erlernt und dann gefestigt und fixiert. Wer die langen Haare hat.

  • Wer mit dem Auto fährt.
  • Wer das Klo putzt.
  • Wer zur Arbeit geht.
  • Wer sich um ein Kind kümmert.
  • Wer die Wäsche macht.

In hunderttausenden Momenten entstehen in unserem Kopf Bilder zu Männlichkeit und Weiblichkeit und wir können uns dann damit identifizieren – oder eben nicht. Das Gehirn ist bei der Geburt gleich – es gibt kein weibliches oder männliches Gehirn. Es wird geformt und trainiert und hierbei spielen eben diese Erfahrungen eine wesentliche Rolle.

TIEF SITZENDE BILDER

Jeder Mensch sollte die Freiheit haben, sich nach seinen Talenten und Fähigkeiten zu entwickeln, ohne dabei in geschlechtertypische Schubladen gepresst zu werden. Es engt uns und andere ein, wenn wir denken:
Warum haben diese Buben lange Haare?

  • Warum spielt dieses Mädchen so körperbetonten Fußball?
  • Warum interessiert sich der Junge für Nagellack?
  • Warum mag die Tochter in eine HTL?
  • Was, der Vater geht überwiegend in Karenz?
  • Wie bitte, sie bleibt nicht beim Kind zuhause?

Wir sollten längst über diese Gedanken drüber sein, doch Hand auf’s Herz: sie sitzen da irgendwo tief hinten in unseren Köpfen. Auch wenn wir sie nicht (mehr immer) aussprechen. 

Also, wie kommen wir zu mehr Freiheit und Gerechtigkeit und was haben wir überhaupt davon?

WEG 1: MENSCHLICHE INTERESSEN & BERUFE 

Zunächst darf gesagt sein: JEDER Mensch ist gut und richtig, so wie er ist. Wenn wir aufhören, Interessen, Talente, Begabungen oder Eigenschaften als „typisch“ weiblich oder männlich zu klassifizieren (und das tun wir!!), wär schon ein erster und wichtiger Schritt getan.
Statt Frisörin, Krankenschwester oder Volksschullehrerin als Frauenberufe zu bezeichnen,
Mechaniker, Metalltechniker oder Programmierer als Männerberufe einzuteilen, könnten wir uns darauf einigen, dass alles „menschliche“ Berufe oder Interessen sind. Und es für Menschen jeden Geschlechts (und da gibt es bekanntlich mehr als zwei, Stichwort LGBTQIA) okay ist, sich für welche Beschäftigung auch immer zu interessieren.

WEG 2: HALBE HALBE. BEINHART.

Damit das gelingen kann, braucht es möglichst von Geburt an Vielfalt im täglichen Erleben des Kindes. Dass beide Eltern sich anfallende Tätigkeiten ebenbürtig teilen und machen!! Die günstigste Variante ist, dass Kinder erleben, dass BEIDE Elternteile putzen, arbeiten, waschen, Geld verdienen, kochen, einschlafbegleiten, reparieren und um die Dinge kümmern, die eben anfallen. Dr. Lehner hat das mit einem alten Satz, ähnlich dem aus der Imagekampagne zum Familienrechtsänderungsgesetz aus dem Jahr 2000 ausgedrückt:

„Halbe – Halbe. Beinhart. Anders geht’s nicht.“ 

Mag. Dr. Erich Lehner

(Dort hieß es zwar  „Ganze Männer machen Halbe-halbe.“ und gemeint war vor allem die Aufteilung der Haushaltsarbeit, doch im Kern kommt es darauf hinaus. Es braucht eine faire Aufteilung.)

WEG 3: SELBSTBESTIMMUMG ERMÖGLICHEN & FÖRDERN

Auch wenn es bequemer sein mag, in einer Art „Gewaltentrennung“ zu leben – du kümmerst dich um Erwerb, ich um den Haushalt – wir schränken die Selbstbestimmungsmöglichkeiten unserer Kinder damit ein. Ja, ich weiß. Das ist ein AUTSCH. Es ist die Aufgabe von Elternteilen, den Kindern größt mögliche Freiheit in der Selbstbestimmung des eigenen Lebens und auch Gerechtigkeit in der Beziehungsgestaltung vorzuleben. 

Das ist angesichts dessen, dass es fast alle Konsumgüter (Kleidung, Lego oder Überraschungsei, um nur drei zu nennen) extra für Jungs und für Mädchen gibt, schon schwierig. Das fordert uns Eltern, diese Fixierungen nicht zu verstärken. Sonst wird sich hier nie was ändern.

THE PROBLEM IS

Ich hab ja viel mit Paaren vor der Familiengründung zu tun und ich kann sagen: die wollen das! Moderne Paare wollen sich frei entscheiden,

  • wer wann wieviel arbeiten geht
  • wer wie lange etwaige Kinder (und später auch alte, kranke oder sterbende Familienmitglieder) versorgt!
  • wer wann wie lange welchen Beruf ausüben kann und darf
  • welche Aufteilung es für anfallende Haushaltsarbeiten gibt
  • wer wann wie persönliche Bedürfnisse und Vorlieben (in unterschiedlichsten Lebensbereichen) leben kann.

Sie werden Eltern und stellen dann fest: wir schaffen es nicht, wie wir’s uns vorgestellt haben. Weil strukturelle Gegebenheiten wie zum Beispiel der Gender-Pay-Gap keine idealistische Entscheidung möglich machen. Vieles wird zu einer wirtschaftlichen Entscheidung. Und dann bleibt die unbezahlte Care- und Haushaltsarbeit halt wieder bei denen, die traditioneller Weise schlechter verdienen. 

MÄNNER WERDEN MÜSSEN WOLLEN

Mädchen in die Technik! Frauen zurück in den Beruf! Immer diese Teilzeit-Mütter! Sucht euch halt Männerberufe, damit ihr ordentlich verdient!
So und so ähnlich schallt es uns dann entgegen, dabei liegt es nicht an den Frauen, hier etwas in Bewegung zu bringen. Männer haben dafür gesorgt, dass es hier eine Schieflage zu ihren Gunsten in Punkto Bewertung gibt. Und genau diese Männlichkeit wird laut Dr. Lehner viel zu zaghaft angegangen. Obwohl sie immer noch das Weibliche dominiert (ein Blick in die Politik und Wirtschaft sollte reichen) und ungerechter Weise in vielen Belangen höher bewertet wird. Profisport – auch so eine Sache. Nicht die Frauen sollen sich mehr anstrengen und tun – die sind in diesem Hamsterrad ohnehin der Erschöpfung nahe. Es sind die Männer, die diese Situation ändern können und werden müssen wollen. (!)

WER DAVON PROFITIERT

Nicht wir Frauen sollen immer mehr so tun wie die Männer. Wo uns überhöhte und toxische Männlichkeit im Extremfall hinführt, sehen wir ja derzeit in Osteuropa. Oder an der Anzahl der Femizide in Österreich. Gewalt und Aggression hängt mit der männlichen Dominanz unmittelbar zusammen und ist ebenfalls: ERLERNT und nicht angeboren! Sonst wären ja alle Männer so, war Gott sei Dank nicht stimmt. Dennoch: Männer dürfen ihr Bild von Männlichkeit neu definieren und anpassen.
Warum sie das tun sollten?

Weil die Folgen der Gleichstellung ihr eigenes Wohlbefinden erhöht (laut UNO 2015), weil es ihnen Sinn und Erfüllung schenkt und weil auch ihre soziale Kompetenz gestärkt wird. Und auch Frauen profitieren davon, die familiäre und unbezahlte Arbeit besser aufzuteilen. Sie können sich in ihrer Persönlichkeitsentwicklung und Erwerbstätigkeit besser entfalten und auch das dient einer gelungenen Beziehung!

UND DIE KINDER?

Kinder profitieren wohl am meisten von gerechterer Aufteilung unter den Geschlechtern. Sie steigern nicht nur ihre Fähigkeit zur Empathie und ihre sozialen Kompetenzen, wenn beide Elternteile ebenbürtig und gerecht die Arbeit teilen. Sie können auch in der Schule leistungsfähiger sein und verfügen über bessere Problembewältigungsstrategien (Fthenakis, 1999).

Und ganz nebenbei erleben sie zufriedenere Eltern, die ihnen mehr Freiheit schenken, ihr eigenes Leben so zu entwerfen, wie es ihnen eben gefällt. Ohne in die rosa oder hellblaue Schublade passen zu müssen.

WIE KLINGT DAS FÜR DICH?

Gerechtigkeit macht übrigens besonders in Beziehungen einen riesigen Unterschied. Wenn Paare sich gerecht aufteilen, wofür sie verantwortlich sind, wenn sie sich ebenbürtig sehen und gegenseitig respektieren, sich gegenseitig Dinge zutrauen und zumuten, dann ist da viel mehr Wachstum möglich, als in fixierten Rollenbildern. Für mich klingt es danach, als wär’s die Mühe des Aushandelns wert.

Und für dich? Schreib mir deine Gedanken in die Kommentare!

Die 5 Säulen für gelungene Beziehungen

Die 5 Säulen für gelungene Beziehungen

Beziehungen, besser gesagt, gelungene Beziehungen sind also das Salz in unserer Suppe, das Sahnehäubchen auf unserer Lebenstorte, die Quintessenz unseres Antriebs – das haben wir ja im letzten Beitrag hier geklärt.
Was jedoch macht eine Beziehung „gelungen“?
Was brauchen menschliche Verbindungen, wenn sie für angenehm empfunden werden sollen?
Wir werfen einen Blick auf die 5 Säulen, auf denen Beziehungen stehen.


ECKDATEN DER BFF – NOT

Ich bin sicher, du kennst eine solche Person: eine, die sich im gemeinsamen Kontakt immer so wichtig nimmt, gerne und ausgiebig von sich erzählt und dich kaum fragt, wie es dir geht. Mit der du jederzeit alles unternehmen kannst, was sie möchte, und kaum soll’s mal nach deinen Vorstellungen gehen, ist sie wie vom Erdboden verschluckt. Die gern deine Hilfe annimmt, aber so gut wie nie die ihre anbietet und schon gar nicht bemerkt, ob du welche nötig hast. Falls du ein Bild von so einer Person im Kopf hast, weißt du jetzt genau, was es braucht, damit Beziehungen schief laufen. Das sind die Eckdaten, die keiner im Profil der BFF (*Jugendsprache für Best Friend Forever) stehen haben will.

WAS RADFAHREN MIT BEZIEHUNGEN ZU TUN HAT

„Es ist so kompliziert, das mit den Menschen“ … hat neulich eine überaus liebenswerte Klientin bei mir gesagt und ich musste lachen. Denn ja: einerseits sind wir zu Kooperation und menschlichem Miteinander geboren und motiviert. Und gleichzeitig braucht es tatsächlich ganz schön viel, um so eine Beziehung am Laufen zu halten. Frei nach dem platten, aber manchmal recht zutreffenden Spruch: „Was haben Beziehungen und Fahrradfahren gemeinsam? Bergab geht’s von selbst!“

Also schnapp ich mir nochmal eine Erkenntnis aus dem Buch „Prinzip Menschlichkeit“ und drösle hier für dich auf, was es braucht, um gute Beziehungen erleben und gestalten zu können. Ich nenne sie für dich: die 5 SÄULEN für GELUNGENE BEZIEHUNGEN

SÄULE 1: EINANDER SEHEN UND BEACHTEN

Damit ist nicht nur sprichwörtlich das Sehen gemeint (auch wenn wir stark über diesen Sinn angesprochen werden), noch mehr ist es das „sich-gegenseitig-Wahrnehmen“. Darin steckt für mich einerseits der Aspekt, dass ich mich unabgelenkt, sprich: aufmerksam dem anderen zuwende. Gleichzeitig bedeutet es auch, dass ich den Anderen so sein lasse, wie er ist: ihn „wahr“ nehme und nicht „falsch“ abstemple mit seinen jeweiligen Gefühlen und Bedürfnissen. Das ist schon der fließende Übergang zum zweiten Teil dieser Säule: das „achten“. Achten bedeutet für mich in dem Zusammenhang: annehmen und auf das Bewerten verzichten. Einfach erklärt, schwer nachgemacht. Denn das Vergleichen und Bewerten haben wir meistens super gut geübt ganz im Gegensatz zum wertfreien Erfassen.

SÄULE 2: GEMEINSAME AUFMERKSAMKEIT TEILEN

„Gegensätze ziehen sich an!“ „Wir sind so unterschiedlich, da ergänzen wir uns prima!“ Ja, auch an diesen Sätzen ist etwas dran. Und gelungene Beziehung braucht ein Minimum an gemeinsamer Aufmerksamkeit, an gemeinsamer gerichteter Aktivität. Wie viel wir gemeinsam machen und was das ist, ist höchst individuell und in der Beziehung auszuhandeln. Immer wieder. Es ist notwendig unsere Bedürfnisse als Einzelne als Basis für die Entscheidungen zu verwenden: wann, wo, wieviel der verfügbaren Zeit und Energie wir auf UNS verwenden.

Auch hier gibt es meiner Meinung nach je nach Lebens- und Beziehungsphase natürliche Schwankungen. Nähe und Distanz dürfen wir, wie viele andere Gegensätze täglich neu austarieren.


Liebe besteht nicht darin, dass man einander anschaut, sondern dass man gemeinsam in dieselbe Richtung blickt!

Antoine de Saint-Exupéry

SÄULE 3: SICH AUF GEFÜHLE DES ANDEREN EINLASSEN

In einer gelungenen Beziehungen braucht es die Fähigkeit, sich auf die Gefühle bzw. die Stimmung des anderen einzulassen. Ein Mindestmaß an emotionaler Resonanz, quasi. Sich zum Beispiel von der Freude und auch von der Trauer des anderen anstecken lassen zu können ist ein überaus verbindendes und motivierendes Element in Beziehungen. Das kann natürlich nicht erzwungen werden und niemand muss selbst gleichermaßen dem Gefühl des anderen „erliegen“. Denk an ein Radio: es geht um ein Wahrnehmen der Frequenz, auf der das Gegenüber gerade „sendet“. Die Stimmung dort mitzubekommen und sich „einzutunen“ ist überaus beziehungsfördernd. Auch wenn ich dann wieder auf meinen Sender umschalten möchte und darf.

SÄULE 4: GEMEINSAM HANDELN

Es ist meist völlig unterschätzt, wie verbindend das gemeinsame Tun ist. Egal ob es um Gartenarbeit, die gemeinsame Carearbeit oder um’s zusammen Kochen geht: einfache und ganz konkrete Dinge in die Tat umzusetzen ist für beide Seiten motivierend und bestärkend. Wenn hingegen einer nur delegiert und der andere sich aus Bequemlichkeit nicht in Bewegung setzt, kommt schnell Frust auf. Nebeneinander oder gleichzeitig für eine gemeinsame Sache zu arbeiten, Zeit und Energie aufzuwenden, kann die Beziehungskultur positiv prägen.

SÄULE 5: MOTIVE UND ABSICHTEN DES ANDEREN VERSTEHEN

Jetzt sind wir quasi in der Champions-League des Beziehungsgames angekommen. Damit man hierhin kommt, sind die Säulen eins bis vier praktisch Voraussetzung. Und dann braucht dieses Verstehen zusätzlich zu einem scharfen Beobachtungssinn und einer Prise Gespür vor allem eins: das Gespräch.
Bei Kindern (je jünger, desto mehr) ist es schon erforderlich, dass die Eltern das Verhalten des Kindes wahrnehmen, interpretieren und darauf reagieren. Besonders, wenn sie eben noch nicht sprechen können. 

Doch für erwachsene Beziehungen gilt: was ich nicht verstehe, kann ich womöglich erfragen. Was nämlich irgendwie fies ist: unser Gehirn möchte sich das „immer wieder neue Verstehen“ ersparen und beurteilt lieber nach deinem alten und bekannten Schema. Ich brauch wohl nicht zu erwähnen, dass das für aktuelle Situationen und Beziehungen meist nicht hilfreich ist, wenn das Gehirn in der Vergangenheit kramt und Schablonen über das Jetzt legt.
Ganz persönlich glaube ich, dass es bei dieser Säule vor allem um das unablässige Interesse am Tun des Anderen geht, weil es bedeutet: du bist mir wichtig. Ich möchte wissen, wofür du brennst, wobei du lebendig wirst. Auch wenn wir manche Dinge vielleicht nie 100%ig kapieren – der ehrliche Wille zählt für’s Werk

NACH DEM WISSEN KOMMT DAS TUN

So, nun wissen wir also, welche Säulen gebaut werden sollen, wenn wir unsere Beziehung als schönes Dach über euch erleben möchtet. Welche Zutaten es benötigt, wenn ihr euch ein feines Beziehungssüppchen kochen wollt. Es gibt nur eine deprimierende Nachricht zum Schluss (sorry!): leider steht eine Beziehung nicht wie ein Designertisch auch auf drei oder vier Beinen gut – es braucht alle fünf, wenn sie langfristig halten soll. Doch immerhin: üblicherweise geht es ja darum, mit Menschen, die wir mögen, an etwas zu werkeln, das wir selbst gewählt haben. So schlimm sollte dieses „Dranbleiben“ dann hoffentlich nicht sein.

IT TAKES TWO, BABY

Und noch ein Aspekt ist für mich erwähnenswert: es reicht nicht, wenn nur einer in der Beziehung all diese Sachen erfüllt und sich darum kümmert. (Eltern-Kind-Beziehungen mal ausgenommen, da gibt’s eigene Gesetze und Dynamiken.) Beziehung ist keine Einbahnstraße sondern eine zweispurige Fahrbahn. Jeder darf, kann und soll seinen Teil dazu beitragen, dass diese Säulen erbaut und erhalten werden, sonst wird’s schwierig. Bekanntlich braucht es zwei um eine Ehe (Beziehung) zu führen – und nur einen, um sie zu brechen. So schade das auch manchmal ist.

Und weil ich unmöglich mit einem negativen Gedanken aufhören kann: die frohe Botschaft! All das zu tun ist 

  • meistens sofort möglich
  • braucht nur dich und deine Entscheidung dazu
  • baut unmittelbar vielleicht bröckelnde Säulen wieder auf
  • kostet dich keinen Cent
  • bringt euch näher zueinander.

Wenn du nicht weißt, wo du anfangen sollst,
weil da ganz schön viel „Baustelle“ ist in deiner Beziehung, dann lass uns zusammen arbeiten.

Ein Haus baut man auch nicht ohne professionelle Hilfe und ohne Plan – das heißt, man kann schon! Und anders ist es einfacher und effizienter!

Ruf gerne unverbindlich an,
um abzuklären, ob wir „zusammenpassen“ und ich die Richtige für euer Anliegen bin!

Schmutzschleusen für das Zusammenkommen

Schmutzschleusen für das Zusammenkommen

Wenn wir in Familien nach so langen Arbeitstagen aufeinander treffen, spielen sich oft unschöne Szenen ab. Kinder, die am Ende ihrer Kooperationsbereitschaft angekommen sind, Erwachsene, die sich entnervt und müde fühlen und oft sind alle auch noch gleichzeitig hungrig, brauchen Ruhe oder zumindest ein wenig Zeit, sich auf die Veränderung von Raum und Ort einzustellen.
Dass hier oft Konflikte hochkochen, ist keine Überraschung und es gibt ein kleines, einfaches Tool, wie man sich drüber helfen kann.

AUS DEM TAKT und INSTABIL

Ich hab mal von einer klugen Kollegin gehört, dass es scheinbar neurologisch nachweisbar ist, dass unser Gehirn, wenn wir unsere Lebensräume wechseln, ein wenig Zeit braucht, um sich an die geänderten Umstände zu gewöhnen. So lange die grauen Zellen arbeiten, und sich wieder sortierten sind wir ein wenig aus dem Takt und instabil – nicht nur im Kopf sondern auch emotional und psychisch. Das ist manchmal schon eine hilfreiche Idee im Hintergrund, die verstehen helfen kann, warum es speziell beim Außer-Haus-gehen oder beim wieder-heim-kommen so oft aufreibend ist: wir sind im Um- und Aufbruch, wie die Zellen im Gehirn und das fühlt sich an, als ob alles wackelt.

AM ENDE DER FAHNENSTANGE

Auf dieser Basis ist es für alle Beteiligten um einiges schwieriger, konstruktiv, wertschätzend und ruhig miteinander umzugehen, besonders, wenn auch noch Hunger oder Durst im Spiel sind und wir nicht so richtig „funktionieren“, wie wir uns das vorstellen. Und ganz ehrlich: manchmal lässt sich auch beim besten Management, bei der penibelsten Vorbereitung und Planung eine Eskalation kaum vermeiden, weil man irgendwann am Ende der Fahnenstange angelangt ist, was Optimierung, Vorchecking und Ressourcenaktivierung angekommen ist. Wenn es also trotz großer Bemühungen bei dir und allen möglichen Hilfsmaßnahmen immer noch regelmäßig „Brösel“ gibt, dann liegt es nicht zwangsläufig daran, dass du was falsch gemacht hast.

Ein kleines Tool, das ich gern für Paare in meinen Partnerkursen erkläre, kann jedoch eine Hilfe sein. Nicht nur für Paare sondern auch für Kinder bzw. für Familienmitglieder insgesamt.

SCHMUTZSCHLEUSEN FÜR DAS ZUSAMMENKOMMEN

In Bauernhäusern war es früher (und vielleicht auch heut noch) üblich eine sogenannte Schmutzschleuse zu haben. Das war oft ein kleiner Raum, nahe des Eingangs, wo der Bauer oder die Bäuerin, wenn sie am Abend vom Feld oder Stall herein kamen, sich vom „Schmutz“ und dem dreckigen Arbeitsgewand entledigen konnten. Da war vielleicht eine Waschgelegenheit, ein Kleiderständer oder sogar eine Dusche und bevor der außerhalb der Familie arbeitende Elternteil zur Familie hinzustößt, ging er oder sie durch die Schmutzschleuse. Damit nicht der Dreck des Alltags einfach in die Küche oder Stube hineingetragen wird. So weit, so vernünftig.

DER UNSICHTBARE DRECK DES MODERNEN ALLTAGS

Heutzutage arbeiten viele, wenn nicht die meisten von uns nicht mehr am Feld, womöglich auch nicht im Stall und es besteht rein aus hygienischen Gründen kein Anlass, sich gleich bei der Wohnungstür zu waschen und umzuziehen, da wir meist nicht tatsächlich stark verschmutzt zur Familie zurückkehren. Doch wir haben dennoch „Dreck“ an uns kleben. Vielleicht nicht in Form von Stallmist oder Erdbrocken. Aber Frustrationen, Enttäuschungen, Verletzungen, Müdigkeit, Demotivation, Stress und mangelnde Wertschätzung kleben an uns wie der Dreck an den Stiefeln eines Bauern. Nur sehen wir ihn nicht. Und können es auch nicht riechen. Obwohl er da ist: der unsichtbare Schmutz des modernen Alltags. Und das macht ihn umso gefährlicher.

WO DER DRECK NICHT HINGEHÖRT

Denn wenn wir nicht aufpassen und uns dessen bewusst sind, dass wir das „was an uns kleben haben“, kann es ganz leicht passieren, dass wir diese belastenden Gefühle unreflektiert an unseren Familienmitgliedern abstreifen. Indem wir sie anfauchen, keine Geduld haben, wortkarg sind, ein Gesicht wie drei Tage Regenwetter machen, sofort die Nerven verlieren, wenn es zu laut ist und und und. Ohne dass es uns auffällt, putzen wir uns ab an Personen, die diesen Dreck meistens überhaupt nicht verursacht und sicher noch weniger verdient haben. Und ich weiß nicht, wie es dir geht: aber wenn ich im Nachhinein an solche Situationen denke, tut mir das oft ehrlich leid, weil ich dann wieder klar erkenne: dort hätte mein „Dreck“ einfach nicht hingehört.

Also gibt es die Möglichkeit, Schmutzschleusen zu installieren. Nein, du brauchst jetzt keine Nasszelle in der Garderobe einbauen, denn, wie gesagt, ist es ja eher emotionaler und psychischer Schmutz, den wir hier loswerden wollen. Eine Schmutzschleuse kann so organisiert werden, wenn das Konzept bzw. die Idee einer Schmutzschleuse in der Familie vorab besprochen und für gut befunden wurde (oder zumindest einen Versuch wert ist).

  1. BEDARF MELDEN
    Derjenige, der eine Schmutzschleuse braucht, meldet das bei einem Erwachsenen
    „Schatz, ich hatte einen furchtbaren Tag. Ich brauche heut eine Schmutzschleuse.“
    Das kann sowohl der außerhalb der Familie arbeitende Teil sein, als auch der in der Familie arbeitende Teil. Jeder leistet seinen Part zum Gelingen und hat gleichermaßen Anspruch darauf und WANN das ist, kann nur jeder für sich selbst festlegen. (Und meiner Meinung eben auch die Kinder, wenn nötig. Je jünger sie sind, desto wahrscheinlicher ist es, dass so eine „Schmutzschleuse“ für ein Kind organisiert wird von aufmerksam beobachtenden Erwachsenen.
  2. AUSHANDELN
    Sollen beide Erwachsenen gleichzeitig eine Schmutzschleuse benötigen, dann wird kurz abgestimmt und ausgehandelt, wer es heute „nötiger“ hat. Im Falle der Uneinigkeit plädiere ich für abwechselnde Vorrangregelung. Einmal du, einmal ich.
  3. NAHTLOSE ÜBERGABE
    Ohne viele Worte zu wechseln findet eine möglicherweise notwendige Übergabe der allfällig zu betreuenden Kleinkinder statt. Da wird’s vielleicht manchmal Tränen geben, weil Kinder einen raschen Wechsel nicht so gern mögen, doch ich finde, wenn es um Mama und Papa geht, ist das auch mal zumutbar und allemal besser als ein komplett versauter Abend wegen miserabler Stimmung aller Erwachsenen. Also ich finde kurze Tränen besser als lange Dreckschlacht.
  4. SCHMUTZSCHLEUSE
    Das ist vor allem eins: ein vereinbartes Zeitfenster. Egal ob 10 Minuten, 15, 20 oder eine Stunde – ihr allein bestimmt, was für euch gangbar ist – in dieser Zeit könnt ihr bewusst Abstand nehmen von eurem Tag. Den mentalen, emotionalen, psychischen auch physischen Schmutz loswerden und ganz bei euch sein. Was immer du in dieser Zeit tun magst, soll recht sein.
    – ins dunkle Schlafzimmer legen
    – ein paar Seiten lesen
    – Musik hören
    – ein Räucherstäbchen anzünden
    – gute Gedanken finden / Affirmationen vorsagen
    – ein paar Schritte gehen
    – sich und den eigenen Körper gut abklopfen
    – fest in den Boden stampfen
    – duschen gehen oder Unterarme kalt abspülen
    – sitzen und sein
    – atmen und überleben
    – …… deine Idee hat hier Platz.
  5. ZUSAMMENTREFFEN
    Nach dem vereinbarten Zeitfenster trefft ihr als Familie aufeinander und verbringt noch die restliche Zeit des Nachmittags oder Abends zusammen. Und ich garantiere, es wird sich eine andere Qualität der Begegnung ergeben.

Warum? Weil mit der Schmutzschleuse auch unausgesprochen Dinge kommuniziert werden, wie: Ich hatte einen harten Tag. Ich brauche Hilfe. Ich bin bedürftig und meine Warnleuchte blinkt – bitte sei vorsichtig mit mir. Neben dem bewussten Abstandsnehmen und „sauber-machen“ finde ich die Erkenntnis dahinter unglaublich hilfreich. Und die Tatsache, dass wir uns bewusst um unsere Notlagen kümmern und Strategien dafür entwickeln und ausprobieren, mit unseren als „schlecht“ bewerteten Gefühlen umzugehen. Und das ganz nebenbei auch noch vorleben für unsere Kinder. Wenn ich’s mir so recht überlege … so klein ist dieses Werkzeug gar nicht. Und es braucht nur ein wenig Zeit und eine Portion guten Willen.

Die Idee stammt übrigens im Original von Rosemarie Welter-Enderlin, einer Schweizer Paartherapeutin, von der ihr auch schon den Unverdienten Fisch kennt. 

Wie findest du diese Idee? Hast du schon Erfahrungen damit und magst du sie hier teilen?
Ich freu mich über deinen Kommentar!

Das Familienmobile

Das Familienmobile

Warum sind wir innerlich aufgewühlt, wenn Konflikte in Familien hochkochen, warum lässt uns ein Geschwisterstreit nicht einfach kalt und welche Dynamiken wirken in Familien?
Familien sind komplexe Systeme, die Mitglieder sind alle miteinander verbunden und es gibt unterschiedlichste Zusammenhänge, was die Beziehungen angeht. Über systemische Ordnung in Familien, geschriebene und ungeschriebene Gesetze, die auf uns wirken und der Versuch, das mit einfachen Bildern zu erklären.

BRÜDERSCHAFT UNTER ERSCHWERTEN BEDINGUNGEN

Alle Welt blickt dieser Tage auf die Prinzen des englischen Königshauses: William und Harry. Nach heftigen Vorwürfen und Anschuldigungen im Rahmen eines Fernsehinterviews bei Oprah Winfrey hing der Haussegen wohl mehr als schief, es gab – laut den immer wachsamen Beobachtern der Royals – wohl dicke Luft und viel, viel Ärger zu verdauen. Dieses Wochenende werden sie am Begräbnis ihres Opas, Prinz Philipp, unter den Augen der Öffentlichkeit die Last dieses Konfliktes schultern und jede Regung wird Anlass für Spekulationen sein, ob sie sich nun versöhnt haben, oder nicht. Man kann darüber denken, wie man will. Das ist jedenfalls definitiv Brüderschaft unter erschwerten Bedingungen. Dazu hat mich auch Barbara Rohrhofer diese Woche befragt, im Auftrag der OÖN – hier kannst du’s nachlesen!

AMATEURKLASSE DER KONFLIKTLÖSER

Geschwisterstreit und Konflikte zwischen Eltern und Kindern kommen aber in den besten, wenn nicht in jeder Familie vor. Warum? Weil wir Menschen nun mal verschieden sind und Konflikte nichts anderes ausdrücken, als dass einer eben andere Bedürfnisse und Wünsche hat, als die andere und wir gefordert sind, diese dann auf respektvolle Art zu schaukeln. Also Konflikte sind per se jedenfalls nichts Schlechtes, sondern einfach Ausdruck von Unterschiedlichkeit. Unsere Strategien mit Unterschiedlichkeit umzugehen sind es, die das ganze Thema oft so leidvoll, verletzend und kränkend machen, weil wir nie richtig gelernt haben, über Bedürfnisse und Gefühle ordentlich zu sprechen, uns darüber klar ausdrücken können und wenn doch, dann trotzdem oft zu wenig Übung darin haben und eher in der Amateurklasse der Konflikte kämpfen als in der Profiliga.

AUF GEDEIH UND VERDERB AUSGELIEFERT

Was aber nun in Familien anders ist, als zwischen den meisten anderen Menschen, mit denen wir auch manchmal Konflikte austragen, wie Arbeitskollege, Chefin oder Nachbarin, ist folgendes. In Familien bestehen besondere Verbindungen – naja, das ist ja jetzt keine große Überraschung – durch die Bindung, die im engen Kontakt miteinander aufgebaut wird. Besonders unter Geschwisterkindern (und Ehepartnern) gibt es eine Nähe und Vertrautheit, die nicht immer als wohltuend und angenehm empfunden wird. Nämlich besonders dann, wenn diese Nähe verwendet wird, um den anderen genau da zu verletzen, wo es ihm oder ihr am meisten weh tut. Und das weiß man sowohl als Geschwisterkind, als auch als langjährige Ehepartnerin. Was Geschwister allerdings von Ehepartnern nochmal unterscheidet, dass sie sich dieses enge Verhältnis nicht freiwillig ausgesucht haben, sondern von den Eltern quasi auf Gedeih und Verderb einander ausgeliefert sind. Die Liebe zueinander ist nicht natürlicherweise gegeben!

WENN BEWEGUNG INS MOBILE KOMMT

In meinen Workshops erkläre ich diese Verbundenheit und die damit einhergehenden Dynamiken gern anhand eines Mobiles. Mobile, du weißt schon: süße, wackelige Dinger, wo sich Schnüre verheddern können, die wir den Babys gern über die Wiege hängen zur Unterhaltung.

Also. Mobiles mit den daran hängenden Gegenständen gleichen im systemischen Weltbild Familien (und anderen sozialen Gefügen, wie Freundeskreis, Großfamilie, Verein, Arbeitskolleginnen,…) in verschiedenen Gesichtspunkten. Ein Familienmobile entsteht, wenn ein Paar eine Beziehung eingeht. Neue Beziehungen sind immer ein wenig aufregend und wichtiger als das Alte und Bekannte, es gibt viel Bewegung, also Dynamik, jeder findet erst nach und nach seinen Platz und seine Rolle. Wie wenn man auf einem Mobile eben etwas oder jemanden „dazu hängt“. 

AUF DER SUCHE NACH HARMONIE

So kann man grundsätzlich festhalten: Familienmitglieder verhalten und fühlen sich wie die Teile eines Mobiles. Wenn Leben dazu kommt (ein Kind geboren wird), wenn jemand das Mobile verlässt (wenn jemand verstirbt), viel Wirbel macht, oder ein neues „Mobile = Familie“ gründet, können die restlichen Personen in der Gruppe gar nicht anders, als zu reagieren. Sie müssen sich mitbewegen und sind beeinflusst von dem, was andere Menschen im selben Mobile machen. Zumindest ist es enorm energieaufwendig, wenn man versucht, nicht „mitzuschwingen“, dagegen zu halten oder keine Notiz von der Dynamik zu nehmen. Ein Mobile, wie eine Familie oder ein anderes systemisches Gefüge, strebt grundsätzlich nach Harmonie. Das heißt: mit etwas Zeit und wenig Störung von außen werden die Erschütterungen weniger und die Menschen kommen zur Ruhe.

OB WIR WOLLEN ODER NICHT

Wie zeigt sich das in der Praxis? Wenn ein Kind geboren wird, „schwimmt“ man oft ein Weilchen, bis man als Paar wieder in einen neuen Alltag hinein findet. Wenn ein Geschwisterkind dazu kommt, besteht manchmal (große) Unsicherheit, alles fühlt sich wackelig an, ältere Kinder brauchen plötzlich wieder einen Schnuller, mehr Einschlafbegleitung, die Windel, obwohl sie eigentlich schon „rein“ waren … und alles, weil das unterbewusste Gefühl sagt: unsichere Zeiten, alles durcheinander, Kontrollverlust – bitte eine Stufe zurück auf eine gesicherte Basis! Für erwachsene Geschwisterkinder kann eine Veränderung (wenn jemand auszieht von zuhause) auch eine Erleichterung bringen, weil man plötzlich besser Nähe und Distanz regulieren kann und dadurch eine harmonischere Beziehung zueinander aufbauen kann. Dynamiken sind vielschichtig und komplex, oft auch verworren. Doch fest steht: wir beeinflussen einander, ob wir nun wollen oder nicht.

GLEICHWÜRDIG, GLEICHWERTIG und IN ORDNUNG

In der systemischen Ordnung, die von Bert Hellinger begründet wurde, er nennt sie „Ordnungen der Liebe“. Man geht davon aus, dass Systeme (Mobiles) einer genauen Ordnung unterliegen und es für Beteiligte speziell dann leidvoll und mühsam wird, wenn diese Ordnungen durcheinander geraten. Es ist überaus wichtig, dass JEDER im System nicht nur gesehen wird und seinen Platz hat, sondern auch, dass es eine Rangordnung gibt, die sich aus dem Zeitpunkt des Anfangs der Zugehörigkeit ergibt. Das heißt, jemand, der früher in eine Gruppe kam, hat Vorrang gegenüber dem, der später hinzukommt. Partner haben Vorrang gegenüber den Kindern. Die Reihenfolge der Kinder ist von Bedeutung und gibt innere Freiheit. Neue Systeme haben Vorrang gegenüber alten Systemen. Lebende und Verstorbene brauchen Anerkennung und ihren rechtmäßigen Platz. Jeder ist dennoch gleichwürdig und gleichwertig als Mensch.

LEIDEN IST OFT EINFACHER ALS LÖSEN

Wenn nach einer gewissen Starre, einer beziehungsmäßigen Eiszeit oder einer Entfremdung also dann wieder Bewegung in ein System kommt, besteht immer für alle Beteiligten die Chance und Gelegenheit, aufeinander zu zugehen. Wie bei Geburten, Hochzeiten oder Trauerfällen, Schicksalsschlägen und Ähnlichem. Es fällt vielleicht etwas leichter, durch eine Initialzündung im Mobile und dennoch gibt es keine Garantien. Nicht bei königlichen Hoheiten und auch nicht bei ganz normalen Familien. Die gegenwärtigen Kernfamilien (der Prinzen) haben Vorrang gegenüber dem alten System und doch bleibt man immer miteinander verbunden. Dynamiken wirken oft über den Tod hinaus und was sich zu Lebzeiten lösen lässt, darf man ruhig angehen. Und nicht immer ist es möglich, auf das Hinzuschauen, was Leidvoll ist. Manche Geschichten sind auch einfach zu viel für ein Menschenleben. Doch wenn man ein bisschen Ordnung schaffen kann, falls das nötig ist, dann zahlt es sich jedenfalls aus.

JEDEM MENSCHEN SEINEN PLATZ

Wir werden sehen und hören (weil die Presse ja wie ein Geier über den Royals als deren Beute kreist), ob es dem Brüderpaar gelingen wird, die Verletzungen und Kränkungen auszusprechen. Ich wünsch es mir für die beiden und für jede andere Geschwisterreihe, in der sich die Fronten aus welchen Gründen auch immer verhärtet haben:

…dass Bewegung rein kommt,
…dass ein aufeinander zugehen möglich wird und
… dass jeder Mensch seinen gerechten und würdevollen Platz einnehmen kann in den Systemen seines Lebens.

Wer ist hier der Boss?

Wer ist hier der Boss?

Die meisten von uns Menschen sind auf verschiedenen Ebenen mit Hierarchien aufgewachsen und leben damit. Lehrer, Pfarrer, Doktor, das waren vor zwei Generationen fix noch Obrigkeiten, die man einfach nicht in Frage gestellt hat. Ebenso wie Eltern.
Kinder leiden unter streng hierarchischen Eltern genauso wie unter führungslosen, die ständig auf einer Ebene mit dem Kind sind. Wer soll in Familien also der Boss sein? Braucht es das überhaupt? Ein Blick darauf, wie Autorität und Respekt heute gelebt werden kann, ohne dass Kinderseelen zu Schaden kommen.

KUSCHEN UND BASTA.

Die Kinder brauchen eine starke Hand. Es braucht einen starken Mann, der die Zügel in die Hand nimmt und  die Dinge in Ordnung bringt oder zumindest eine harte Mutter. Wer auch ab und zu mal alte Filme anschaut – oder sich womöglich selbst noch erinnern kann – weiß: es gab sogar Zeiten, in denen die eigenen Kinder ihre Eltern mit „Sie“ angesprochen haben. Man wollte wohl damit erreichen, eine Respektsperson zu sein, sich ihre Achtung verdienen, den Kindern, der verdorbenen jungen Brut, mussten schließlich Manieren beigebracht werden, die mussten ordentlich erzogen sein und der Nachwuchs sollte bitte schon ganz früh lernen, dass man eben zu kuschen hat, wenn da jemand Höherrangiger was sagt. Basti. Ähm, Basta.

Doch: „starke Männer“ haben’s noch nie für uns gerichtet. Eher im Gegenteil, wenn man die Geschichte so betrachtet.

DAS ABENTEUERLICHSTE KINDERMÄDCHEN

Wer den genialen Klassiker von Walt Disney „Mary Poppins“ kennt, der im Jahr 1910 spielt, braucht bloß an die Anfangsszene zu denken, wie das nächste passende Kindermädchen gesucht wird und welche Kriterien da die Eltern anlegen – streng muss sie sein und unnachgiebig und bitte ja nicht zu freundlich zu den Kindern, sonst hören die ja niemals auf im Park davon zu rennen. Die Kinder schreiben daraufhin ihre eigene Stellenausschreibung, in dem deutlich wird, dass SIE ganz andere Bedürfnisse und Ansprüche an eine betreuende Person haben, als die Eltern. Und sie haben Glück, denn auf wundersame Weise fliegt ihre Notiz durch den Kamin und ruft das jedenfalls abenteuerlichste Kindermädchen auf den Plan. Mary Poppins. Mit Magie und Humor wickelt sie die Kinder (und Eltern) um den Finger.

SEELENRETTUNG BEI KINDERN

Kinder und Eltern haben verschiedene Ansprüche, Wünsche und Bedürfnisse, worüber ich schon öfter geschrieben hab, Stichwort Bedürfniskarussell. Das Bild vom Kind hat sich in den letzten Jahrzehnten krass verändert. Vom Menschen geringeren Werts, dessen Willen gebrochen, der zu einem strammen Staatsbürger herangezogen und gefügig gemacht werden sollte hin zu einem bedürfnisorientierten, beziehungsstärkenden und feinfühligen Umgang mit diesen sensiblen Geschöpfen. Es ist unglaublich, wie viel achtsamer, menschlicher und kindgerechter wir heute unserem Nachwuchs begegnen können (wenn wir wollen), weil wir um die Bedeutung von Nähe, Zuwendung, Bindung, Sicherheit, Beziehung, Autonomie und Zugehörigkeit in der Begegnung und Begleitung von Kindern wissen. Der Segen dieser Erkenntnisse der Bindungs- und Entwicklungsforschung kann gar nicht hoch genug bewertet werden. Sie retten und schützen Kinderseelen im großen Stil.

DAS PASST DOCH NICHT ZUSAMMEN!

Nun wirft das halt dieses alte Bild von der autoritären Erziehungsperson komplett über den Haufen. Und das neue Bild wird so oft missverstanden. 

  • Ja, wir orientieren uns am Kind. Und Eltern sind dennoch Führungskräfte in der Familie.
  • Ja, wir orientieren uns an Bedürfnissen. Und Eltern haben auch Bedürfnisse, die wichtig sin.
  • Ja, wir setzen auf Bindung. Und Eltern sind nicht die einzigen Bindungspersonen, die zumutbar sind.
  • Ja, wir stärken Beziehung. Und Eltern sind nicht die „best friends forever“ ihrer Kinder.
  • Ja, wir begegnen uns auf Augenhöhe. Und Eltern haben dennoch die Autorität zu entscheiden.
  • Ja, wir leben Empathie. Und Eltern müssen nicht alles umsetzen, was Kinder fordern.

„Wie soll denn das jetzt gehen, bitte? Da ist doch ein Widerspruch in jedem Satz, Kerstin!!???“
Gut, dann versuch ich mal, das aufzudröseln. 

ORIENTIERUNG AM KIND & SEINEN BEDÜRFNISSEN

Anfangs ist das noch völlig klar: ein Neugeborenes ist schutzbedürftig, braucht uns und wir reagieren instinktiv prompt. So schnell kann man aber oft als Eltern nicht schauen, wird einem eingeredet:

  • „Ha, der weiß schon, dass du springst, wenn er weint!“
  • „Na, die hat dich ja ganz schön unter Kontrolle!“
  • „Gratuliere, wenn die mal in der Pubertät sind, hast du endgültig verloren!“

Als hätte plötzlich der Teufel die Seele des Kindes gekapert. Und als Elternteil musst du jetzt Hölle Staub drauf achten, dass das Kind nicht die Macht über dich erhält.
 Was für eine Sch#*%e. Kinder sind und bleiben bedürftig – wie wir Erwachsene, übrigens. Sie wollen (überlebens-)wichtige Bedürfnisse gestillt haben und haben dafür entweder gar keine Möglichkeit allein (Babys) oder einfach keine oder schlechte Strategien (Kinder von 1 bis 99), zumindest dann, wenn es dabei Konflikte gibt. Konflikte, bei denen sie an Bedürfnisse von anderen Menschen schrammen, vorzugsweise an die von (überlegenen) Erwachsenen.

SIEBZEHNHUNDERT MILLIONEN MAL

Was Kinder da brauchen ist keine Unterstellung von Böswilligkeit, sondern Erwachsene, die da durch begleiten mit viel innerer Klarheit und einem feinen Führungsinstinkt, die das Kind sehen und anerkennen, wie es ist und dann eine passende Entscheidung treffen, was zu tun ist. Es ist ein ständiges Abwiegen von Bedürfnissen aller betreffenden Personen und es gibt kein eindeutiges Richtig oder Falsch. Eine Grundregel gilt jedoch: je jünger das Kind, desto wichtiger ist es , SEIN Bedürfnis zu priorisieren. Und generell: je mehr Autorität notwendig ist umso mehr Empahtie braucht es für das Kind im selben Atemzug. Ein Säugling kann nicht eine Nacht lang vertröstet werden, weil Papa heute mal in Ruhe schlafen will. Ein Kindergartenkind kann sehr wohl einen Nachmittag mit Mama wo verbringen, wo es ihm nicht 100%ig gut gefällt. 
So stellen wir uns als Mütter wohl siebzehnhundert Millionen mal die Frage im Trubel des Alltags: Was ist jetzt wichtig? Was ist jetzt dringender? Wer kommt jetzt / als erste zum Zug?

BEZIEHUNG & BINDUNG IM FOKUS

In Walt Disney’s Klassiker hatten die Kinder sehr distanzierte Verhältnisse zu ihren Eltern – wofür Mary Poppins ja angerückt kam. Das bis Anfang der 80er Jahre noch ein gängiges Bild: „Lass die Kindern nicht zu nahe kommen, da werden sie so verwöhnt.“ Das hat meine Mama noch so gehört und glücklicherweise früh anders gemacht.

Und so verkehrt sich das auch damals schon für Mütter angefühlt hat, so verkehrt war es auch. Wir brauchen Nähe, um Beziehung zu erleben. Wir brauchen Bindung, um Sicherheit zu spüren. Und wir Eltern haben die wichtige Aufgabe, diese Basis mit unseren Kindern zu bauen.

Wenn das Kind aber auch nach mehreren Jahren keine andere Bindungsperson zulässt und stur darauf beharrt, dass „nur“ Mama oder Papa in Frage kommen, obwohl es auch Omas, Tanten oder sonstige Bezugspersonen gibt, dann darf man auch über die Zumutbarkeit nachdenken. Ja, wir Eltern sind meist die wichtigsten Bindungspersonen für unsere Kinder. Und wir tun ihnen keinen Gefallen, wenn wir keine anderen Menschen zulassen, auch ihre Beziehung zu ihnen auf zu bauen. Kinder brauchen, von Anfang an und vor allem ab dem Kindergartenalter andere Bezugspersonen, um ihren Platz in der Gesellschaft finden zu können und das ist oft mühsam und gefühlsbetont, und gut. Als Eltern ist es gut, sich der eigenen Besonderheit im Klaren zu sein und dann ist es gut, zu wissen: 

  • Eltern sein ist kein Beliebtheitswettbewerb.
  • Eltern brauchen nicht die besten Freundinnen der eigenen Kinder sein.
  • Eltern können viele Rollen einnehmen, aber niemals alle (Lehrerin, Trainer, sonstwas). Sorry, not sorry.

AUF AUGENHÖHE & EMPHATISCH

Von oben herab, desinteressiert und unterdrückend ist man lange Zeit mit Kindern umgegangen. „Das hat uns ja auch nicht geschadet!“ oder „Aus uns ist auch was geworden!“ hört man dann oft, wenn es darum geht, warum das ungünstig für Kinder ist. 
Man kann antworten: „Woher willst du das wissen, dass es dir nicht geschadet hat?“ oder „Und wie wäre es erst gewesen, wenn jemand auch noch an dich geglaubt hätte!“ Es stimmt: viele Menschen sind faszinierend resilient, stecken widrigste Umstände erstaunlich gut weg und sind kaum beeinträchtigt von kindischem, kontrollierendem oder unterdrückendem Verhalten der eigenen Eltern. Ich bin immer wieder erstaunt darüber, was der Mensch aushält.

Es ist meine tiefste Überzeugung, dass es immer gut tut, wenn mir jemand auf Augenhöhe begegnet und umgekehrt. Wenn mir jemand meine Realität zugesteht und umgekehrt. Wenn mich jemand so sein lassen kann, wie ich bin und umgekehrt. 
Autorität und Respekt geht ohne autoritär oder unterdrückend zu sein. Es geht auch auf Augenhöhe. So mit Kindern zu leben heißt: ihnen menschlich ebenbürtig zu sein, ihren Bedürfnissen gleich viel Bedeutung zu schenken wie den eigenen und sie empatisch zu begleiten, mit ihnen zu fühlen und sie anzuerkennen, wie sie sind. Autorität und Respekt beginnen mit innerer Klarheit, Ruhe und Selbstvertrauen – was ich wohl kaum erlerne, wenn mich dauernd jemand klein macht.

Gleichzeitig dürfen und sollen Eltern die Verantwortung übernehmen, Entscheidungen zu treffen. Und bedürfnisorientiert heißt bitte nicht, dass immer die Bedürfnisse des Kindes sofort umgesetzt werden müssen. Es heißt, diese zu erkennen, benennen und dann abzuwägen, was JETZT zu tun ist. Es geht nicht darum alle Wünsche möglichst schnell zu erfüllen, sondern darum, sie zu hören, zu sehen und zu benennen und dann nach passenden Lösungen zu suchen und Strategien zu entwickeln.

Um sich selbst zu helfen.
Dem Kind zu helfen.
Dem Kind zu helfen, sich selbst zu helfen.
Und dabei als Erwachsene Person stets das Steuer in der Hand zu haben.

WER IST HIER DER BOSS?

Kinder brauchen Sicherheit und Orientierung. Sie brauchen Zuwendung, Anerkennung, Nähe und Zugehörigkeit, gleichzeitig Autonomie und elterliches Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Auf diesen großen Familientankern sind wir die Steuerfrauen und Steuermänner, wir haben die Übersicht, die Lebenserfahrung, die Verantwortung und die Entscheidungsfähigkeit und sorgen dafür, dass es der Crew an Bord gut geht, dass sie mitreden und mitwirken dürfen, dass diese Bootsfahrt eine halbwegs angenehme Reise wird. 


Als Eltern dürfen und sollen wir IMMER auf der Seite unserer Kinder sein, sie stärken und motivieren, sie auch anleiten und führen und ganz, ganz viel begleiten, wenn sie sich nach und nach vom elterlichen Frachtschiff entfernen und auf eigene Faust die Weltmeere besegeln (oder auch nur den ersten kleinen Teich). Und solange wir alle zusammen auf diesem Schiff sind, sind wir Erwachsenen der Boss. Wir sind Kapitäninnen und Kapitäne. Und haben das Steuer fest in der Hand.

Und auch wenn wir selbst mal die Orientierung verlieren, ein Notfall an Bord auftritt und wir nicht mehr weiter wissen, sind wir ZUSTÄNDIG und VERANTWORTLICH.

Und Magie und Humor sind wie schon bei Mary Poppins nicht nur wichtig sondern auch hilfreich.