Overload – wegen so einer Kleinigkeit?

Overload – wegen so einer Kleinigkeit?

Ist das jetzt ein Problem, dass du Brot einkaufst? Das ist doch bitte kein Aufwand! Das Kind vom Bahnhof abholen? Sind doch nur 15 Minuten! Wäsche waschen? Macht doch eh die Maschine. Stimmt genau. 

Warum sich viele Frauen – ja, das ist leider die Realität – dennoch überlastet fühlen, wenn es um diese kleinen Alltagsdinge geht, wie es im Kopf einer Mutter aussehen kann und zwei kleine Lösungsansätze für dieses Problem.

Vielleicht wird uns diese Tatsache jetzt gerade wieder deutlicher bewusst, weil wir das „Leben hochfahren“ und sich Terminkalender langsam wieder dichter füllen. Sicher ist jedoch für mich: das ist nichts Neues, das kenn ich schon, dass mir an manchen Tagen fast der Kopf platzt vor lauter To-Dos und die Hände nicht zur Ruhe kommen wegen tausend kleiner Tätigkeiten.

Es ist doch so. Grundsätzlich sind wir Menschen Lebewesen, die gerne etwas schaffen, die sich von Natur aus (wenn nicht zuviel drein gepfuscht wurde) gern betätigen und sinnvolle Beschäftigung suchen.

Das kann aus den verschiedensten Gründen passieren: 

(Putzen) …weil es persönliches Bedürfnis ist, in einer sauberen Wohnung zu leben
(Vorlesen) … weil es ungeteilte Aufmerksamkeit für mein Kind bedeutet
(Einkaufen) … weil wir Lebensmittel brauchen, um zu überleben
(Arbeiten) … weil wir mit Geld unser Leben finanzieren und es in unserem Wirtschaftssystem relevant ist.
(Abholdienste) … weil die Sicherheit unserer Kinder wichtig ist oder Termindichte das erfordert.
(Planen) … weil wir effizient sein möchten und wir uns Orientierung wünschen.

Liste an dieser Stelle bitte beliebig fortsetzen.

Das Problem ist und war nie eine einzelne Tätigkeit. Mir geht es zumindest so. 

  • Es ist kein Problem einmal die Waschmaschine zu starten (… meine piepst übrigens grad, weil sie fertig ist: sie schreit „Wäsche aufhängen! Jetzt, sonst verknittert sie!“). 
  • Es ist kein Problem, mal schnell das Kind irgendwo hinzubringen, weil vielleicht grad kein Bus oder Zug fährt (… was ja im ländlichen Raum DURCHAUS mal der Fall sein könnte – oder die Bushaltestelle ist so weit weg, dass es schon Wurscht ist, ob der Bus fährt oder nicht #dieletztemeile )
  • Es ist kein Problem, neue Schuhe für das Kind zu besorgen (… obwohl: gehe mal mit Teenagern einkaufen, und diese Aussage ist schnell relativiert – da bekommt jede Verkäuferin Wallungen).
  • Es ist kein Problem, noch schnell ein paar Erdbeeren zu pflücken, weil die Kinder sie sooooo lieben (doch, wer verarbeitet dann eigentlich die 16 Kilo, die es unabsichtlich geworden sind?).
  • Es ist kein Problem, eine Anfrage für den Familienurlaub an ein Hotel zu schicken.
  • Oder den Müll im Altstoffsammelzentrum zu entsorgen.
  • Oder die Katze zu füttern.

Die Dosis macht das Gift

Einzeln betrachtet, sind viele dieser beschriebenen Tätigkeiten in wenigen Minuten erledigt. Wenn man mich dann anspricht darauf, warum ich eine solche Aufregung darum herum veranstalte, frag ich mich selbst manchmal, was eigentlich mit mir los ist?! Das kann doch nicht so schwer sein. Einfach die Katze füttern. 

Das schlechte Gewissen und das Gefühl wohl einfach unzureichend zu sein, stellt sich prompt ein, was der ganzen Situation natürlich überhaupt nicht förderlich ist, weil es meine Motivation zu tun eher hemmt als fördert. Bei genauer Betrachtung kommt jede von uns aber schnell selbst darauf: es ist nicht „DIE EINE“ Sache, die Dosis macht das Gift. Und besonders alle Gedanken, die vorher und nachher um so eine Tätigkeit kreisen. Denn das dran-denken ist auch ein To-DO!

Kopfkino gefällig

Wenn man in den Kopf einer Familienmanagerin hineinblicken könnte und jeder Gedanke darin auf zwei Beinen herumlaufen würde, dann wär das eine Menschenansammlung, bei der von Mindestabstand keine Rede mehr sein kann.

Noch ein Geburtstagsgeschenk für den Freund kaufen, die bestellten Sachen vom Dorfladen abholen, Essen für’s Wochenende vorchecken, die berufliche Anfrage beantworten, die Kinder zum Tennis bringen, den kaputten Fahrradschlauch bestellen, Milch kaufen, die ist schon wieder alle, die Familie zum Teeniegeburtstag einladen, den Kieferorthopädin-Termin verschieben, die Kinder vom Smartphone trennen, die sitzen dort schon wieder zu lange, kochen anfangen, es ist schon so spät, die fällige Rechnung überweisen, das Volksbegehren unterschreiben gehen, die lang nicht gehörte Freundin anrufen, Ribisel pflücken, Schreibtisch aufräumen, beim Online Yoga dabei sein, die Schneckenbremse beim Hochbeet erneuern.

Sichtbarkeit bringt Wertschätzung

Was viele dieser Dinge auszeichnet, ist: es fällt kaum auf, wenn sie erledigt wurden. Doch wenn man darauf vergisst, wird es sehr wohl bemerkt. Von mir oder den anderen. Deshalb schreibe ich immer wieder gern negative To-Do Listen, ich nenne sie : „DID IT!“ Listen, wo ich aufschreibe (für mich und alle, die es sonst so interessiert), was ich alles gemacht habe. Ich schreibe einzelne Arbeitsschritte auf, die erledigt sind und nicht bloß „Wäsche gemacht“. (Dazu gehört auch dass ich Wäsche einsammle, sortiere, einschalte, aufhänge, falte und verräume – ein Lieblingsbeispiel von mir!)

Wenn man abends manchmal das Gefühl hat – was besonders mit kleinen Kindern häufig der Fall ist – nichts geschafft zu haben, dann tut so eine Liste gut. Weil dann auch drauf steht: 

  • 3 Bilderbücher vorgelesen. 
  • 4 mal Kind getröstet. 
  • Zerbrochenes Marmeladeglas beseitigt und Boden gewischt.
  • Kind geduldig beim Zähneputzen begleitet.
  • 2 Stunden das Lieblingskuscheltier gesucht

Oder so.

Über das Sichtbar-machen bekommen die Dinge mehr Wertschätzung. So siehst du selbst und auch andere, wie viel du (an unbezahlter Arbeit) leistest. Für bezahlte Arbeit gibt’s am Ende des Monats eine Buchungszeile auf dem Bankkonto, die die Wertschätzung in Zahlen gießt – das ist wesentlich einfacher.

Reduzieren statt aufhalsen

Nicht immer ist allerdings Wertschätzung die ultimative Lösung. Manchmal ist es dennoch einfach zu viel und da braucht es unser „Nein“, eine bewusste Unterbrechung, ein Ausstieg aus einer Dynamik, eine neue Aufgabenverteilung.
Wenn die Zumutbarkeitsgrenze erreicht ist, ist es wichtig, gut (oder wieder besser) auf sich zu schauen und durch ein „Nein“ zu einer Tätigkeit oder Person ein „Ja“ zu sich selbst zu erlauben. (Weil man sonst nicht mal mehr die angenehmen Dinge im Tagesablauf genießen kann.)
Das erfordert als erstes Bewusstsein, dann Mut und dann Durchhaltevermögen
Ich wünsche dir alle drei Eigenschaften, falls sich das nächste Mal bei dir ein „Overload“ ankündigt oder eintritt.
Jedenfalls hab ich auf meiner Website eine „Did it!“ Liste als Download für dich bereit gestellt, falls dir diese Idee gefällt. Viel Freude damit!

Schreib mir gern in die Kommentare, wie es dir mit deiner Belastungsgrenze geht!
Und ob du schon Lösungen dafür entwickelt hast …. 😉

Warum das Gras woanders grüner ist.

Warum das Gras woanders grüner ist.

Noch vor einigen Wochen:


„Hach, so viele Termine. Es ist einfach so stressig. Das ganze Arbeiten und Kinder nebenbei haben find ich schon super anstrengend. Uns bleibt kaum Zeit zum Durchatmen. Ein bisschen Zeit einfach mit der Familie wäre fein. Daheim bleibt einfach alles liegen, momentan komm ich zu gar nix! Das Lebenstempo ist einfach zu hoch, das hält man ja nicht aus ….!“


Jetzt, bei Vielen:

„Oh Mann, das viele daheim herumsitzen macht mich ganz wahnsinnig. Ich bräuchte wieder etwas Abwechslung, hier ist es einfach zu langweilig! Du hast es schön, du kannst zur Arbeit gehen! Was soll ich bloß die ganze Zeit tun? Die Kinder nerven schon die ganze Zeit, weil wir einfach zu viel hier gemeinsam rum hängen. Was würde ich geben, für ein paar ruhige Stunden im Büro. Diese Einöde die ganze Zeit, das hält man ja nicht aus ….!“

Hmmm. Kommt dir bekannt vor? Also manche dieser Sätze habe ich tatsächlich so gehört und andere stammen aus meinem eigenen Kopf. Wir sind schon lustige Wesen, nicht?! Warum neigen wir derartig dazu, unzufrieden zu sein mit dem, was wir haben? Sind wir wirklich so undankbar und können einfach nicht schätzen, was uns gegeben wird? 

Warum ist das Gras immer woanders grüner?

Darüber hab ich mir in den letzten Tagen so meine Gedanken gemacht und versucht, Antworten zu finden. Weil die derzeitige Ausnahmesituation uns einige Dinge sehr genau vor Augen führt:
Nämlich: dass es erstens auf unsere Haltung ankommt. Und dass wir zweitens Unzufriedenheit und Stolpersteine brauchen, um uns zu entwickeln und weiter wachsen zu können.

Was meine ich mit Haltung? Mehr denn je wird uns gerade bewusst, dass wir uns oft unser „altes“ Leben zurück wünschen. Ich für meinen Teil würd liebend gern wieder meine erweiterte Familie in den Arm nehmen können, könnte wieder meiner geliebten Arbeit in der Ehevorbereitung oder bei Vorträgen, Workshops und Beratungen nachgehen, wir hätten noch Skifahren gehen können und jetzt das herrliche Wetter für Wanderungen nützen, ich könnte wieder die Montagsyoga-Routine genießen oder einen Mädelsabend verbringen.

Doch alle diese Dinge sind jetzt untersagt und machen etwas mit uns.
Wir werden trotzig und traurig, weil wir dies und jenes nicht „dürfen“.

Die erste Antwort, die ich also gefunden hab, lautet: sei dankbar für „dein grünes Gras“ und schätze, was dir im Moment gegeben ist. Denn das ist das Einzige, was dich glücklich machen kann.

Wirklich glücklich und auf Dauer. 
Jetzt ist die Gelegenheit, Zeit mit der Familie zu verbringen.
Jetzt ist die Gelegenheit, durchzuatmen.
Jetzt ist die Gelegenheit, lange Aufgeschobenes zu erledigen.
Jetzt ist die Gelegenheit, sich auszuruhen.
Jetzt ist die Gelegenheit, es langsamer anzugehen.

Natürlich kann man nun sagen: ja, es würd schon so passen, wenn diese Einschränkungen nicht wären, wenn wir unsere Familien weiter einladen könnten und nicht so ein schmales Freizeitprogramm zur Auswahl hätten.

Ich sag jetzt mal frech: auch wenn es noch so angenehm wäre und alle zeitweiligen Begrenzungen aufgehoben wären – es würd uns bald wieder etwas nicht „passen“ und den inneren Nörgler auf den Plan rufen. Also gibt es vermutlich noch eine zweite Antwort auf die Frage, warum das Gras woanders immer grüner ist.

Wir sind nämlich nicht dazu geboren, um still zu stehen. Wir Menschen sind geboren, um zu wachsen, uns zu entwickeln und dazu zu lernen. Wenn die Dinge im Umfeld immer glatt laufen würden und wir nie eine Form der Unzufriedenheit spüren könnten, welchen Ansporn hätten wir, uns zu verändern und daran zu reifen? 

Frei nach dem Motto: „Never change a running system!“
Also tun uns Veränderungen wohl doch gut, auch wenn sie sich noch so unangenehm anspüren.
Sie wecken die innere Gestalterin in uns, die sagt: 
„Das bekommen wir hin!
Wir finden eine Lösung!
So könnten wir das erledigen!
Ich hab da eine Idee!
Lass uns was Neues ausprobieren!“

Manche dieser guten, neuen Ideen sind bereits jetzt, nach weniger als drei Wochen sichtbar geworden und manche werden sich womöglich erst später zeigen. Was immer wir auch als Einzelpersonen oder als Gesellschaft in dieser Phase lernen: wir werden definitiv nach dieser Krise ANDERS sein, weil wir einscheidende Veränderungen erleben. 

Nicht alle Erlebnisse werden positiv sein, soviel steht fest. Es wird kranke und leidende Menschen geben. Es werden Tote zu beklagen sein. Es könnten Menschen traumatisiert zurückbleiben oder jedenfalls völlig ausgebrannt. Das ist womöglich unausweichlich.

Opfern wir also nicht diese wertvollen Leben ohne daraus etwas Gutes zu machen.

Es liegt an uns. Wir sind hier. Wir sind lebendig. Wir haben es in der Hand, die Dinge, die schon lange oder erst seit Kurzem schief gelaufen sind, zu verändern. Wir sind diejenigen, die die Zukunft in eine gute Richtung drehen können. Jeder und jede Einzelne von uns.

Also: nütze deinen Tag. Entweder um ehrlich dankbar zu sein, für was du hast.
Oder um eine vielleicht notwendige Veränderung auf den Weg zu bringen.
Und dazwischen: bleibt gesund! Haltet Abstand! Aber bitte nicht „soziale Distanz“, sondern „körperliche“!! 😉

Kommentar schreibenKommentare: 2

  • #1Hellena Spitzer (Samstag, 04 April 2020 08:50)Super geschrieben! Empfinde ich auch genau so (mich eingeschlossen).