Vergleichen ist menschlich – 3 Tipps, wie es gehen kann

Vergleichen ist menschlich – 3 Tipps, wie es gehen kann

Es scheint ein zutiefst menschliches Verhalten zu sein: wir vergleichen gern. Wir vergleichen uns, das, was wir haben und das, was wir tun. Scheinbar ständig und, was das Ganze erst richtig fatal macht: immer gekoppelt mit einer Bewertung.

Warum wir so stark zum Vergleichen neigen, was das Vernichtende an diesem Verhalten ist und wie wir – zum Beispiel besonders in familiären Beziehungen – andere Wege gehen können, darum geht’s heute im Blogbeitrag.

VOM ERSTEN HERZSCHLAG AN

Wir Menschen lieben es, zu vergleichen. Nicht erst seit Geizhals, Durchblicker, Checkfelix und anderen Vergleichsportalen bekommen wir das Gefühl, das fast schon tun zu „müssen“, weil wir ja nicht schlechter aussteigen, mehr bezahlen oder weniger bekommen möchten. Es zahlt sich auch aus, Sachen zu vergleichen, doch wenn es um Menschen geht, wird dieses Verhalten sehr schnell destruktiv. Und im Grunde beginnt das Drama schon, bevor wir das Licht der Welt erblicken. Schon im Mutterleib werden wir vermessen, bewertet, geschätzt und eingeordnet. In Tabellen, Raster, Bewertungen, Kurven.

Und wir setzten dieses Verhalten gewohnter Weise gern in unserem Leben fort, weil wir es schon von frühester Kindheit an in vielen Bereichen so erleben und das als Normalität annehmen.

WIR KÖNNEN ES NICHT LASSEN

Warum hören wir nicht auf damit, wenn uns doch an jeder Ecke erklärt wird, dass das der eigenen psychischen Gesundheit nicht dienlich ist, wir uns selbst damit schnell erniedrigen und uns dadurch sehr oft schlecht fühlen? 

Ich glaube, dass wir in unseren Versuchen, Dinge zu vergleichen, die eigentlich nicht vergleichbar sind, dennoch einer Sehnsucht folgen. Menschen versuchen, ihren Platz im Leben zu findenSicherheit zu empfinden und Orientierung zu haben. Wir wollen nicht nur Dinge einordnen können, sondern irgendwie auch uns selbst. Bis zu einem gewissen Grad funktioniert das auch und deshalb können wir es nicht lassen – so sehr wir uns auch bemühen.

Also finde ich, es zahlt sich aus, zu überlegen, wie man vergleicht, ohne sich dabei selbst und andere – besonders die eigenen Kinder (Geschwister) – unglücklich zu machen. Ein einfaches: tu’s nicht scheint nämlich nicht zu funktionieren.

AUFWÄRTS UND ABWÄRTS

Wenn wir Dinge, Leistungen, Eigenschaften, Zahlen prüfend nebeneinander halten, kommt es immer darauf an, womit wir diese Sachen in Beziehung bringen, sprich: welchen Bezugspunkt wir verwenden. Und vor allem, wie wir diese bewerten.

Beim Vergleichen mit von uns schlechter, unangenehmer oder minderwertiger betrachteten Objekten oder Subjekten fühlen wir uns wunderbar. Unser Gehirn schüttet als Belohnung Domamin in rauen Mengen aus, weil wir uns so herrlich fühlen, wenn wir den Berg schneller erklimmen, eine bessere Schulnote erzielen oder das Kind die ersten Schritte früher macht als das Nachbarskind. Das sogenannte Abwärtsvergleichen macht tatsächlich glücklich und gibt uns ein angenehmes Gefühl, weil wir uns selbst in dieser Situation aufwerten.

Umgekehrt geht es beim Aufwärtsvergleichen in die entgegengesetzte Richtung. Wir finden andere Menschen besser, schöner, erfolgreicher, sportlicher, musikalischer, beneiden sie um ihre Autos, Häuser, Urlaube und Kinder und finden generell das Gras woanders grüner als im eigenen Garten. (Beim Stichwort Rasen liebe Grüße an meinen Göttergatten, der ja auch hier mitliest).

Du kennst bestimmt aus eigener Erfahrung, dass die Vergleiche mit diesen Menschen und Dingen mit zuverlässiger Sicherheit in ein Stimmungstief führen, weil wir uns selbst dabei klein machen, schwächen und abwerten. Und das haben wir uns nicht verdient.

VERGLEICHEN OHNE BEWERTEN

Es ist also illusorisch, sich vorzunehmen, nicht mehr zu vergleichen. Wir tun es ganz einfach. Also lass uns darüber nachdenken, WIE wir es tun. 
Solange es uns nämlich gelingt, über das Vergleichen etwas dankbarer zu werdenachtsam zu sein und wertschätzend gegenüber dem, was wir im Leben haben, hat ja niemand was einzuwenden. Es geht also darum, die Bewertung außen vor zu lassen. Fest zu legen, was gut oder schlecht ist und starr einzuordnen ohne jegliche Individualität zu berücksichtigen.

TIPP #1

Installiere eine inneres Vergleichs-Warnsystem – zum Beispiel so, wie bald mit der Corona-Ampel (erinnere dich gern jedes Mal an diesen Absatz beim Wort „Corona Ampel“). Wenn du dich selbst dabei beobachtest, wertfrei zu leben ist alles auf grün. Wenn du vergleichst ohne zu bewerten, ist die Ampel gelb (noch nichts ist passiert), doch wenn du beginnst, dich selbst oder deine Lieben abzuwerten und zu erniedrigen, leuchtet das Licht orange oder rot (hochakut!). Es ist immer noch nicht sofort tödlich, doch Vorsicht ist geboten. Und der erste und wichtigste Schritt ist getan: 
Ich habe wahrgenommen, dass ich beim Vergleichen in die BEWERTUNG gehe.

TIPP #2

Positiv nützen: wenn ich merke, dass ich durch das Vergleichen unzufrieden und unglücklich werde, habe ich zwei Möglichkeiten, zu reagieren. (Bsp: „Meine Freundin ist viel sportlicher als ich!“) Entweder ich nützte die Erkenntnis um mich selbst zu entwickeln und zu wachsen, mich selbst anzuspornen („Ich möchte auch sportlicher sein, deshalb werde ich jetzt regelmäßig laufen gehen“) oder ich nehme die Gelegenheit, mich selbst anzunehmen, wie ich bin und einem etwaigen Optimierungsdrang bewusst zu widerstehen UND kann dennoch das andere gut finden („Ich finde mich auch so okay, ich bin gut und richtig, so wie ich bin und es gefällt mir so eine sportliche Freundin zu haben“).
 So bleibe ich bei mir selbst und nehme mich trotzdem in meinem Umfeld wahr.

TIPP #3

Betrachte jeden Vergleich als eine Einladung… 

… eine Einladung, deine eigenen Werte zu überdenken.
… eine Einladung, dankbar zu sein für deine Einzigartigkeit.
… eine Einladung, kritisch zu hinterfragen, welche Tabellen, Werte und Zahlen als „Einordnungssysteme“ eher hilfreich oder hinderlich sind.
… eine Einladung, altbekannte Denkmuster zu verlassen und neue zu etablieren.
… eine Einladung, mutig deine Individualität zu leben und 
… eine Einladung, die Individualität des anderen anzuerkennen.
… eine Einladung, emphatisch mit deinen Mitmenschen zu sein, wenn es ihnen anders geht als dir.
… eine Einladung, deinen Wert zu erkennen ohne ihn zwingend einordnen zu müssen.
… eine Einladung, gelassen zu bleiben – weil es fast immer irgendwo noch mehr oder noch weniger von was auch immer gibt.

VERGLEICHEN IST MENSCHLICH

Warum es so ist, dass wir unsere eigene Lage oft erst wieder schätzen können, wenn jemand im sozialen Umfeld ein Unglück oder einen Schicksalsschlag erlebt, darüber hab ich schon oft ausgiebig mit lieben Menschen philosophiert. 

Der Unfall des Nachbarjungen macht uns betroffen und wir sind froh, intakte Beine zu haben.
Die Krankheit der Arbeitskollegin macht uns dankbar für die eigene Gesundheit.
Das Unglück einer Bekannten macht uns demütig und wir können anhand dieser Geschichten unser eigene Situation wieder vollends schätzen und glücklich sein darüber.

Auch wenn gerade ein Karton Eier am Boden gelandet ist, das Kind mit einem Bomben-5er aus der Schule heimkehrt und der Flugurlaub für heuer storniert werden musste.

Vergleichen ist menschlich. Solange wir soziale Wesen sind, werden wir diesem Verhalten unterliegen. Wenn wir es nicht mehr tun, sind wir tot. Wovon wir uns aber mehr und mehr befreien können, ist das krankhafte Bewerten, das gegenseitige Schlechmachen, das Erniedrigen und Herabwürdigen von anderen Leistungen, Sichtweisen, Errungenschaften, Talenten, Gesinnungen oder Vorlieben. Egal welchen Lebensbereich das betrifft.

Wir dürfen sehen:

Ich bin so.
Andere sind anders.
Das ist gut und wichtig.
Das ist gut und richtig.
Verschiedenartigkeit macht unsere Welt bunt.
Eine bunte Welt macht mehr Spaß als eine in schwarz und weiß.
Ich darf mich vergleichen.
Ich mache das wertfrei.
So geht’s mir gut.
So geht’s meinem Umfeld gut.

(Falls dich das an eine Werbekampagne der Regierung erinnert, bitte ich um Entschuldigung.)
Wo ertappst du dich am ehesten beim bewertenden Vergleichen? 

Wobei hat dich schon einmal das Vergleichen mit anderen unglücklich gemacht? 
Und hast du noch einen Tipp, der dir das Vergleichen ohne bewerten erleichtert?

Ich bin gespannt, was du mir in die Kommentare schreibst …

Was uns bei Fehlern fehlt

Was uns bei Fehlern fehlt

„Ich will keinen Fehler machen!“ sagte einmal eine besorgte Mutter zu mir. Komisch, dachte ich mir. Eltern sein lernt man doch erst, wenn man Kinder bekommt, es ist noch keine Mutter vom Himmel gefallen. Wir versuchen täglich Dinge – manche funktionieren, andere nicht. 

Wie will man denn lernen, wenn man keine Fehler machen möchte? 
Gehen lernen ohne Hinfallen?
Skifahren ohne Stürzen?
Sprechen ohne ein falsches Wort?
Schule ohne einen Fehler?
Obwohl ich ihre Sorge wahrnehmen konnte sagte ich ihr, dass „keinen Fehler zu machen auch heißt, sich nicht weiterentwickeln zu wollen.“

Es ist die Bewertung, die wir Fehlern geben, die sie wirklich problematisch machen. 

Fehler sind schlecht. 
Fehler werden rot angestrichen. 
Fehler werden verheimlicht. 
Fehler sind eine Schwäche.
Fehler werden geschreddert. 
Fehler werden vertuscht. 
Fehler sind etwas Peinliches.

„Aus Fehlern wird man klug“ lautet ein altes Sprichwort, dessen Bedeutung wir in unserer Gesellschaft teilweise vergessen. Wir streben nach dem Vollkommenen, dem Perfekten, dem Optimalen und Idealen und loben uns gegenseitig ausgiebig, wenn wir diese Dinge (fast) erreichen. Es ist beinahe Kult, sich selbst, die eigenen Kinder, den Partner, die Wohnung, den Garten, den Beruf, die Freundschaften, Freizeitaktivitäten, Urlaube und Zukunftspläne einem richtigen Optimierungswahn zu unterwerfen. Alles soll makellos sein und dabei merken wir irgendwie: das geht sich alles nicht aus.

Fehler sind Erfahrungen

Leider sehen wir Fehler als etwas Falsches und Schwaches an, wir würden sie am liebsten ungeschehen machen. So schade. Denn Fehler sind nichts anderes als Erfahrungen. Genau gesagt: eine Erfahrung, die uns gefehlt hat. Ja, manchmal schmerzhaft und meistens nicht sonderlich angenehm, doch: sie bringen uns voran! Sie bieten uns die Chance, uns zu entwickeln und neue Möglichkeiten zu probieren. Jeder Fehler ist eine Gelegenheit zu lernen. 

Manche guten Pädagogen setzen das schon in der Schule um und schreiben unter ein Diktat: 20 Wörter richtig und 5 Chancen, dich zu verbessern! Das ist ein völlig anderer Blick auf die Dinge als „5 Fehler“. (Falls die Lehrperson deines Kindes das -noch- nicht macht, sag deinem Kind daheim selbst diesen Satz dazu, wenn du es dir ansiehst!“).

Es braucht Ehrlichkeit

Zwischen Müttern entsteht leider oft großer Druck, weil wir uns ständig miteinander vergleichen und dann bewerten, obwohl wir alle in verschiedenen und individuellen Lebenssituationen sind. Manche Mütter bekommen viel Unterstützung vom Umfeld, andere sind völlig auf sich gestellt oder wollen alles allein schaffen. Es gibt Mütter, die in vielen Bereichen sehr hohe Ansprüche haben (sinnvolle Beschäftigung, gesunde, selbstgekochte Nahrung, aufmerksame Pflege, reflektierter Umgang mit den Kindern) und andere, die recht sorglos ihre Elternschaft leben. Die Unterschiedlichkeit der Kinder mit ihren jeweiligen Temperamenten spielt hier auch eine große Rolle und beeinflusst unseren Alltag. 

Durch diesen Dschungel kommen wir nicht, ohne Fehler zu machen, eine falsche Abzweigung zu erwischen, gegen eine Wand zu laufen, verletzt zu werden oder die Orientierung zu verlieren. 

Es ist nicht die immer aufregende Safari mit stets neuen und schönen Entdeckungen und berauschenden Eindrücken, die uns fasziniert das Wunder des Lebens bestaunen lässt. Statt diese Reise des Elternseins immer schön zu reden sollten wir eine freundlichere Fehlerkultur entwickeln.

Ja, ich hab meine Kinder angeschrien.
Ja, ich hab ihnen Tiefkühlpizza gemacht.
Ja, ich hab sie mit einem Eis erpresst.
Ja, ich hab ihn eine Stunde vor dem Bildschirm geparkt.
Ja, ich hab heut gedroht, das Spielzeug wegzunehmen, wenn es nicht aufgeräumt wird.

Eltern sein ist schwierig, besonders, wenn man von sich selbst so viel erwartet. Wir spüren, wie mühsam es ist, Säuglinge zu begleiten, monatelang nicht durchzuschlafen, wie viel Energie die Beziehungsarbeit fordert und wie anstrengend es ist, so viele Bedürfnisse zu balancieren. Wir haben unsere Zweifel, ob wir auch gut genug sind, wir schaffen es nicht allein, wir brauchen Hilfe und Unterstützung von Partnern, Familie und Gesellschaft. Es ist ein vielseitiger Job, der unendlich viele Qualitäten erfordert und besonders beim ersten Kind machen wir das zum ersten Mal.

Wir alle machen Fehler. Wir alle scheitern. Mit dem Scheitern werden wir ge-scheiter, genau so wie Fehler uns wachsen lassen und reifen. Sie bieten die Möglichkeit, Erfahrungen zu machen und uns zu entwickeln. Auch wenn sie manchmal schmerzhaft sind und Narben hinterlassen sollen und dürfen wir dennoch dankbar sein dafür. Wenn wir uns dann auch noch gegenseitig von unseren größten Fehlern, ääähm, Erfahrungen offen erzählen können, können wir miteinander wachsen. Machen wir uns menschlich.

Und für alles, wo wir wirklich das Gefühl haben, etwas verbockt zu haben, gibt es die Möglichkeit sich zu entschuldigen, zu sagen: 

Es tut mir Leid. 
Ich nehme mir die Erfahrung mit. 
Ich lerne daraus und entwickle mich weiter.
Für dich und für mich. Und für diese Gesellschaft.


Wenn ich mein Leben noch einmal Leben könnte, würde ich die gleichen Fehler machen.
Aber ein bisschen früher, damit ich mehr davon habe.

Marlene Dietrich


Welchen Fehler hast du gemacht, aus dem du viel gelernt hast? Lasst uns anfangen, ehrlich zu sein!

Kommentar schreibenKommentare: 1

  • #1Elke Gruber Franthall (Freitag, 06 September 2019 14:35)Toller Beitrag Kerstin!!�! Wie war wie war!!! Ich oute mich��
    Bei deinem Vortrag in Roitham im November wär das auch super zu erwähnen (falls du es nicht ohnehin machst �) Glg und einen schönen Schulstart, Elke
  • #2