ÜBERFORDERT MAL 17

ÜBERFORDERT MAL 17

Es ist ein unschöner Zustand, wenn man überfordert ist oder überfordert wird. Und doch meine ich, fast jeder Mensch kennt ihn. ICH kenne ihn jedenfalls. In verschiedensten Lebensbereichen hab ich mich schon überfordert gefühlt und besonders oft, seit ich auch Mama bin. Auch wenn nach Außenhin alles oft spielerisch und mühelos leicht aussieht: das ist es nicht. 
Warum Kinder trotzdem etwas davon haben, wenn du überfordert bist und warum du mit reinem Gewissen überfordert sein darfst, darum geht’s in diesem Beitrag.

BEAUTIFUL DESASTER

Ganz ehrlich: ich war letzte Woche mit so einigem überfordert. Termine, die sich kreuz und quer in meinen Tagesplan schoben, verpeilte Geburtstage und so viele Ausnahmen zum gerade erst gewohnten Alltag, dass ich gar nicht mehr genau wusste: wer in der Familie ist eigentlich gerade zuhause und wer darf morgen Früh geweckt werden (bzw: weckt mich der Wecker oder mein Mann?!). Ein einziges schönes Desaster, also.

AUFMERKSAMKEIT IM MULTIZERKLEINERER

Es ist schon so eine Erscheinung dieser Zeit, oder? Obwohl viele von uns (und auch ich gehöre manchmal dazu) vorgeben, alles super im Griff zu haben, Dinge gut auf die Reihe zu kriegen oder den Alltag spielend zu schaukeln, straucheln wir (also ich, jedenfalls öfters). Weil es so viele kleine Dinge zu bedenken gibt, die unseren Kopf so unfassbar zustopfen. Weil wir gewisse (hohe!) Ansprüche haben, wir wir das mit diesem Leben hinbekommen wollen. Weil unsere Aufmerksamkeit wie in einem Mutlizerkleinerer zerstückelt und in alle möglichen Richtungen verteilt wird, wenn wir in unserem Netz (real oder digital) interagieren.

NEXT LEVEL ÜBERFORDERUNG

Eltern leben eine verschärfte Version davon. Sie wollen nämlich nicht nur für sich selbst alles richtig machen, sondern auch noch für ihre Kinder. Hier fängt es an, echt schwierig zu werden. Erstens, weil es das EINE „richtig“ nicht gibt und zweitens, weil wir viel zu selten ehrlich darüber sind, wie sehr wir tatsächlich oft anstehen und überfordert sind. Eltern sollen doch immer funktionieren! Eltern sollen doch Leuchttürme sein! Eltern sollen doch innere Klarheit haben und stark sein! Eltern sollen doch Vorbild sein und sich auskennen! Oder nicht?

MENSCH, NICHT MASCHINE

Manche dieser Worte hast du auch hier schon gelesen. Weil manches davon stimmt. Ziemlich viel sogar. Und dennoch möchte ich heute mal besonders betonen: wir sind keine Maschinen. Wir handeln nicht geradlinig und zuverlässig wie eine Software. Wir sind unberechenbar, lebendig und menschlich. Und als solche herrlich mangelhaft. Schade ist, dass wir zu wenig darüber sprechen und nicht ehrlich genug damit sind. Also geh ich mal voran und schreib eine Liste von Dingen, mit denen ich regelmäßig überfordert bin.

ÜBERFORDERND KANN SEIN

  1. täglich eine (oder mehrere) sinnvolle Mahlzeiten für die Kinder herrichten
  2. die Wohnung aufgeräumt zu halten oder die Wäscheberge zu bewältigen
  3. mich an die Freizeittermine der Kinder zu erinnern und alle Taxifahrten koordinieren
  4. die Übernahme von Haushaltsaktivitäten von den Kindern einfordern
  5. generell die Arbeitsverteilung im Haushalt zu organisieren
  6. mich selbst beim Konsum von Social Media zu begrenzen
  7. neue Ideen für den Blog zu finden
  8. überbordende Gefühle immer geduldig zu begleiten (vor allem wenn man selbst grad bedürftig ist)
  9. totale Klarheit über allfällig anstehende Entscheidungen (für mich oder die Kinder) zu bekommen
  10. mit hormonellen Schwankungen von Teenagern fertig werden
  11. mit eigenen hormonellen Schwankungen fertig werden
  12. frühmorgens gute Laune versprühen 
  13. den Überblick über sämtliche Lernplattformen der Kinder zu bewahren
  14. nach einem laaaangen Tag noch die Küche blitzblank machen
  15. ständig die Nahrungsmittel aufzufüllen, die in einer Großfamilie verbraucht werden
  16. meinen gesamten Konsum auf Ökologie und Nachhaltigkeit zu prüfen
  17. die Katze zu füttern bevor ich selbst esse, damit sie zum Schreien aufhört

WILLKOMMEN IM CLUB

Ich bin sicher, du kennst das eine oder andere Szenario. Klar bin ich nicht jeden Tag mit all dem überfordert. Und doch kehren diese Themen variierend und mit einiger Regelmäßigkeit wieder. Oft habe ich sehr viel Verständnis für mich selbst und erwarte mir gar nicht, dass ich es anders können sollte. Doch was ich damit sagen möchte: so geht es mir AUCH. Und falls du solche oder ähnliche Empfindungen und Gedanken hast: willkommen im Club!

EINE PORTION SCHULTERKLOPFEN, BITTE

Damit der Beitrag nicht zum reinen Jammertext verkommt, hab ich noch ein paar Worte und Tipps für dich, die dir bei Überforderung eventuell helfen können. Weil sie mir helfen. 

  • Ich darf überfordert sein. Ich bin trotzdem genug.
  • Wenn ich überfordert bin, lernen meine Kinder, dass ich auch nur ein Mensch bin.
  • Ich bin nicht für alles zuständig.
  • Ich darf verletzlich sein und Grenzen haben.
  • Ich bleibe geduldig mit meiner Unvollkommenheit.
  • Ich bin lieb zu mir, wenn ich nicht funktioniere wie erhofft.
  • Ich kann auch vorleben, dass es okay ist, mangelhaft zu sein.
  • Ich nehme mir Zeit für ein klares Ja oder Nein – mindestens einmal ein- und ausatmen lang.

HUMOR HILFT

Weißt du, welchen Satz ich wirklich oft in meinen Workshops oder Beratungen höre? Es tut gut, dass man sieht, dass du auch nicht alles richtig machst. Weil ich auch in meiner professionellen Rolle Platz lasse für Unzulänglichkeiten, Fehler und ungünstige Verhaltensweisen. Nicht nur die Teilnehmer:innen profitieren davon, auch die Kinder. Es gibt doch nichts Ätzenderes als aalglatte, perfekt aussehende, immer lächelnde und makellose Menschen. Also für mich jedenfalls. Ich bin und bleibe auch lieber lebendig, angreifbar, menschlich und humorvoll. Denn ab und zu hilft nur mehr, auch über sich selbst lachen zu können.

SURROUND YOURSELF WITH KIND PEOPLE

Zurück zur letzten Woche. Am Freitagabend nahm ich eins der Kinder dann wieder nach den Kennenlerntagen entgegen. Während ich darauf wartete, ergab sich ein netter Plausch mit drei anderen Müttern am Parkplatz. Ein paar schöne und ehrliche Momente, wo keine der anderen versucht hat, etwas vorzumachen. Gedanken unter Gleichgesinnten, bei denen man den Kopf über sich selbst schütteln konnte, ohne gleich misstrauisch angesehen zu werden. Und das Gefühl, dass es anderen ähnlich geht. Auch wenn ich es ohnehin weiß – das hat gut getan.
Auch wenn’s nur zehn Minuten waren.

Umgib auch du dich mit Menschen, wo du nicht nachdenken musst, wie du zu sein hast. Sie sind eins der größten Geschenke, die wir uns selbst machen können.

Schmutzschleusen für das Zusammenkommen

Schmutzschleusen für das Zusammenkommen

Wenn wir in Familien nach so langen Arbeitstagen aufeinander treffen, spielen sich oft unschöne Szenen ab. Kinder, die am Ende ihrer Kooperationsbereitschaft angekommen sind, Erwachsene, die sich entnervt und müde fühlen und oft sind alle auch noch gleichzeitig hungrig, brauchen Ruhe oder zumindest ein wenig Zeit, sich auf die Veränderung von Raum und Ort einzustellen.
Dass hier oft Konflikte hochkochen, ist keine Überraschung und es gibt ein kleines, einfaches Tool, wie man sich drüber helfen kann.

AUS DEM TAKT und INSTABIL

Ich hab mal von einer klugen Kollegin gehört, dass es scheinbar neurologisch nachweisbar ist, dass unser Gehirn, wenn wir unsere Lebensräume wechseln, ein wenig Zeit braucht, um sich an die geänderten Umstände zu gewöhnen. So lange die grauen Zellen arbeiten, und sich wieder sortierten sind wir ein wenig aus dem Takt und instabil – nicht nur im Kopf sondern auch emotional und psychisch. Das ist manchmal schon eine hilfreiche Idee im Hintergrund, die verstehen helfen kann, warum es speziell beim Außer-Haus-gehen oder beim wieder-heim-kommen so oft aufreibend ist: wir sind im Um- und Aufbruch, wie die Zellen im Gehirn und das fühlt sich an, als ob alles wackelt.

AM ENDE DER FAHNENSTANGE

Auf dieser Basis ist es für alle Beteiligten um einiges schwieriger, konstruktiv, wertschätzend und ruhig miteinander umzugehen, besonders, wenn auch noch Hunger oder Durst im Spiel sind und wir nicht so richtig „funktionieren“, wie wir uns das vorstellen. Und ganz ehrlich: manchmal lässt sich auch beim besten Management, bei der penibelsten Vorbereitung und Planung eine Eskalation kaum vermeiden, weil man irgendwann am Ende der Fahnenstange angelangt ist, was Optimierung, Vorchecking und Ressourcenaktivierung angekommen ist. Wenn es also trotz großer Bemühungen bei dir und allen möglichen Hilfsmaßnahmen immer noch regelmäßig „Brösel“ gibt, dann liegt es nicht zwangsläufig daran, dass du was falsch gemacht hast.

Ein kleines Tool, das ich gern für Paare in meinen Partnerkursen erkläre, kann jedoch eine Hilfe sein. Nicht nur für Paare sondern auch für Kinder bzw. für Familienmitglieder insgesamt.

SCHMUTZSCHLEUSEN FÜR DAS ZUSAMMENKOMMEN

In Bauernhäusern war es früher (und vielleicht auch heut noch) üblich eine sogenannte Schmutzschleuse zu haben. Das war oft ein kleiner Raum, nahe des Eingangs, wo der Bauer oder die Bäuerin, wenn sie am Abend vom Feld oder Stall herein kamen, sich vom „Schmutz“ und dem dreckigen Arbeitsgewand entledigen konnten. Da war vielleicht eine Waschgelegenheit, ein Kleiderständer oder sogar eine Dusche und bevor der außerhalb der Familie arbeitende Elternteil zur Familie hinzustößt, ging er oder sie durch die Schmutzschleuse. Damit nicht der Dreck des Alltags einfach in die Küche oder Stube hineingetragen wird. So weit, so vernünftig.

DER UNSICHTBARE DRECK DES MODERNEN ALLTAGS

Heutzutage arbeiten viele, wenn nicht die meisten von uns nicht mehr am Feld, womöglich auch nicht im Stall und es besteht rein aus hygienischen Gründen kein Anlass, sich gleich bei der Wohnungstür zu waschen und umzuziehen, da wir meist nicht tatsächlich stark verschmutzt zur Familie zurückkehren. Doch wir haben dennoch „Dreck“ an uns kleben. Vielleicht nicht in Form von Stallmist oder Erdbrocken. Aber Frustrationen, Enttäuschungen, Verletzungen, Müdigkeit, Demotivation, Stress und mangelnde Wertschätzung kleben an uns wie der Dreck an den Stiefeln eines Bauern. Nur sehen wir ihn nicht. Und können es auch nicht riechen. Obwohl er da ist: der unsichtbare Schmutz des modernen Alltags. Und das macht ihn umso gefährlicher.

WO DER DRECK NICHT HINGEHÖRT

Denn wenn wir nicht aufpassen und uns dessen bewusst sind, dass wir das „was an uns kleben haben“, kann es ganz leicht passieren, dass wir diese belastenden Gefühle unreflektiert an unseren Familienmitgliedern abstreifen. Indem wir sie anfauchen, keine Geduld haben, wortkarg sind, ein Gesicht wie drei Tage Regenwetter machen, sofort die Nerven verlieren, wenn es zu laut ist und und und. Ohne dass es uns auffällt, putzen wir uns ab an Personen, die diesen Dreck meistens überhaupt nicht verursacht und sicher noch weniger verdient haben. Und ich weiß nicht, wie es dir geht: aber wenn ich im Nachhinein an solche Situationen denke, tut mir das oft ehrlich leid, weil ich dann wieder klar erkenne: dort hätte mein „Dreck“ einfach nicht hingehört.

Also gibt es die Möglichkeit, Schmutzschleusen zu installieren. Nein, du brauchst jetzt keine Nasszelle in der Garderobe einbauen, denn, wie gesagt, ist es ja eher emotionaler und psychischer Schmutz, den wir hier loswerden wollen. Eine Schmutzschleuse kann so organisiert werden, wenn das Konzept bzw. die Idee einer Schmutzschleuse in der Familie vorab besprochen und für gut befunden wurde (oder zumindest einen Versuch wert ist).

  1. BEDARF MELDEN
    Derjenige, der eine Schmutzschleuse braucht, meldet das bei einem Erwachsenen
    „Schatz, ich hatte einen furchtbaren Tag. Ich brauche heut eine Schmutzschleuse.“
    Das kann sowohl der außerhalb der Familie arbeitende Teil sein, als auch der in der Familie arbeitende Teil. Jeder leistet seinen Part zum Gelingen und hat gleichermaßen Anspruch darauf und WANN das ist, kann nur jeder für sich selbst festlegen. (Und meiner Meinung eben auch die Kinder, wenn nötig. Je jünger sie sind, desto wahrscheinlicher ist es, dass so eine „Schmutzschleuse“ für ein Kind organisiert wird von aufmerksam beobachtenden Erwachsenen.
  2. AUSHANDELN
    Sollen beide Erwachsenen gleichzeitig eine Schmutzschleuse benötigen, dann wird kurz abgestimmt und ausgehandelt, wer es heute „nötiger“ hat. Im Falle der Uneinigkeit plädiere ich für abwechselnde Vorrangregelung. Einmal du, einmal ich.
  3. NAHTLOSE ÜBERGABE
    Ohne viele Worte zu wechseln findet eine möglicherweise notwendige Übergabe der allfällig zu betreuenden Kleinkinder statt. Da wird’s vielleicht manchmal Tränen geben, weil Kinder einen raschen Wechsel nicht so gern mögen, doch ich finde, wenn es um Mama und Papa geht, ist das auch mal zumutbar und allemal besser als ein komplett versauter Abend wegen miserabler Stimmung aller Erwachsenen. Also ich finde kurze Tränen besser als lange Dreckschlacht.
  4. SCHMUTZSCHLEUSE
    Das ist vor allem eins: ein vereinbartes Zeitfenster. Egal ob 10 Minuten, 15, 20 oder eine Stunde – ihr allein bestimmt, was für euch gangbar ist – in dieser Zeit könnt ihr bewusst Abstand nehmen von eurem Tag. Den mentalen, emotionalen, psychischen auch physischen Schmutz loswerden und ganz bei euch sein. Was immer du in dieser Zeit tun magst, soll recht sein.
    – ins dunkle Schlafzimmer legen
    – ein paar Seiten lesen
    – Musik hören
    – ein Räucherstäbchen anzünden
    – gute Gedanken finden / Affirmationen vorsagen
    – ein paar Schritte gehen
    – sich und den eigenen Körper gut abklopfen
    – fest in den Boden stampfen
    – duschen gehen oder Unterarme kalt abspülen
    – sitzen und sein
    – atmen und überleben
    – …… deine Idee hat hier Platz.
  5. ZUSAMMENTREFFEN
    Nach dem vereinbarten Zeitfenster trefft ihr als Familie aufeinander und verbringt noch die restliche Zeit des Nachmittags oder Abends zusammen. Und ich garantiere, es wird sich eine andere Qualität der Begegnung ergeben.

Warum? Weil mit der Schmutzschleuse auch unausgesprochen Dinge kommuniziert werden, wie: Ich hatte einen harten Tag. Ich brauche Hilfe. Ich bin bedürftig und meine Warnleuchte blinkt – bitte sei vorsichtig mit mir. Neben dem bewussten Abstandsnehmen und „sauber-machen“ finde ich die Erkenntnis dahinter unglaublich hilfreich. Und die Tatsache, dass wir uns bewusst um unsere Notlagen kümmern und Strategien dafür entwickeln und ausprobieren, mit unseren als „schlecht“ bewerteten Gefühlen umzugehen. Und das ganz nebenbei auch noch vorleben für unsere Kinder. Wenn ich’s mir so recht überlege … so klein ist dieses Werkzeug gar nicht. Und es braucht nur ein wenig Zeit und eine Portion guten Willen.

Die Idee stammt übrigens im Original von Rosemarie Welter-Enderlin, einer Schweizer Paartherapeutin, von der ihr auch schon den Unverdienten Fisch kennt. 

Wie findest du diese Idee? Hast du schon Erfahrungen damit und magst du sie hier teilen?
Ich freu mich über deinen Kommentar!

Das Bedürfnis – Karussell

In Familien geht’s rund. Ein Kind will die Hausübung nicht machen. Eins streitet mit dem Nachbarmädchen. Die Wäsche soll aufgehängt werden und Brot ist auch keins mehr da. Im Job muss noch ein wichtiges Projekt abgeschlossen werden und wer soll nochmal die Mädchen vom Tanztraining holen? Bedürfnisse, … und wie wir mit ihnen umgehen. 

DIE ZERREISSPROBE

Jeder will was Anderes und zwar sofort und voll und ganz. Ich will aufbrechen und das Kind jetzt die Legoburg fertig bauen, ich fordere, dass sich der Sohn an der Hausarbeit beteiligt und er will lieber zocken, ich freu mich, meine Freundin endlich wieder mal zu treffen aber die Kinder brauchen Unterstützung beim Vokabel lernen, ich will dass die Hausübung rasch erledigt wird, doch das Kind will lieber Nachbarhühner beobachten, ich will einen ruhigen Abend haben und die Töchter üben zu ohrenbetäubender Musik die neue Tanzchoreo. Und doch wollen wir alle dasselbe. Das Problem ist nur – wir wollen dieselben Dinge zu unterschiedlichen Zeiten.

UNIVERSELLE BEDÜRFNISSE

Wer braucht nicht ab und zu Ruhe, dann aber gern wieder Aktivität? Wer will nicht dazugehörig sein und dann wieder Autonomie leben können? Wer braucht nicht ab und zu Klarheit neben aller Kreativität? Wir brauchen das Recht zu Trauern genau so wie das Recht zu Feiern und wir alle brauchen Leichtigkeit, Liebe und Humor, um gut leben zu können. 

Man spricht dabei von universellen Bedürfnissen – von Bedürfnissen, die eben jeder Mensch hat, wo niemand sagen kann: nein, ich brauch keinen Respekt oder UnabhängigkeitHarmonie, Gleichwertigkeit, Spiel, Kreativität, Sicherheit – nicht notwendig, danke!? 
Nicht jeder hat jedes Bedürfnis im gleichen Ausmaß, doch was wir brauchen, um gut leben oder überleben zu können, besonders in Familien, wo Bedürfnisse oft Karussell fahren, ist oft schwerer entdeckt als man meint.

ÜBER LEBEN

Von Maslow über Rosenberg bis hin zu Hüther haben sich schon eine Menge schlaue Leute den Kopf über Bedürfnisse zerbrochen und immer wieder versucht, sie sinnvoll einzuteilen. Denn ja, es gibt existenzielle Grundbedürfnisse, welche, die für Verbindung und Sicherheit zuständig sind und darüber hinaus „Entwicklungsbedürfnisse“ wie etwa Wachstum, Identität, Engagement, Einklang, Individualität oder Sinn. Grundlegende Bedürfnisse sind immer – wie das Wort schon sagt – wichtig, um überhaupt aus dem Überlebens-Modus raus zu kommen und sich für eine gute Verbindung zu Mitmenschen zu interessieren und vielleicht darüber hinaus persönliche Entwicklung anstreben oder sich überhaupt wünschen zu können.

IN FAMILIEN

Und manchmal funktionieren Familien eher im Überlebens- Modus als in ästhetischer Harmonie, innerer Freude und Ausgewogenheit.

Da ist es eher ein: „…haben heut eigentlich alle schon gegessen“ und „die müssen jetzt ins Bett, sonst sind sie morgen hundemüde“, als ein: „…lass uns schauen, wie das Stück am Cello noch schöner interpretiert werden kann“ oder „warten wir doch einfach, bis uns die Muse küsst“.

  • „Sie hat meine Jacke genommen – ich erfriere ja am Weg zur Schule!“ 
  • „Wer hat mein Jogurt gegessen, da stand doch extra mein Name drauf!“
  • „Das Wasser ist kalt, haben wieder alle so lang geduscht, dass ich jetzt keins mehr übrig hab!?“
  • „Wann bekomm ich endlich mein eigenes Zimmer – ich halt’s hier nicht mehr aus mit der da!“
  • „Ich hab hier keinen Platz, räum doch bitte mal deine verflixten Spielsachen weg!“

Schon eher, nicht wahr?!

WENN ES RUND GEHT

Ich stelle mir das so vor. Die Bedürfnisse sitzen im Karussell und fangen an sich zu drehen, die Geschwindigkeit nimmt zu und was sich zuerst noch ein wenig nach Spaß und Abwechslung anfühlt wird ganz rasch zum Kotzfaktor (entschuldige den Ausdruck), denn es wird einem übel, man spürt sich selbst schlechter und kann das gegenüber schon gar nicht mehr wahrnehmen, weil sich alles so schnell dreht, geschweige denn dessen Bedürfnisse. Die Zentrifugalkraft drängt uns auseinander und wir werden nur mühsam von einem (hoffentlich guten) Geländer zusammengehalten, damit es uns nicht durch Himmel und Mond wirft.

Es drückt im Rücken und es gilt, Runde um Runde – also Tag um Tag – zu überstehen. 

WORTE FINDEN

Die große Herausforderung für Eltern ist immer wieder, nicht nur die eigenen Bedürfnisse zu erkennen, zu benennen und nach geeigneten Strategien zu suchen, um die unerfüllten Bedürfnisse zu decken, sondern die der Kinder noch mit dazu

Und das fängt speziell dann an, schwierig zu werden, wenn die Erwachsenen in der Familie selbst ihre Tanks nicht gut genug auffüllen konnten und vielleicht unausgeschlafen, überlastet, unsicher oder hungrig und mit dem Bedürfnis nach viel Ruhe und Harmonie auf die Kinder losgelassen werden. 


Denn Kinder haben selbst – je jünger sie sind, um so mehr – nicht die Möglichkeiten oder die Kompetenz, ihre Bedürfnisse auszudrücken und nach geeigneten Lösungsansätzen zu suchen. Sie schreien, werden wütend, ziehen sich zurück, blocken ab, werden aggressiv, ungeduldig oder übergriffig und finden sich in einem Strudel von Negativität wieder, den sie nicht recht zuordnen können. Dazu brauchen sie uns als Erwachsene. Mit unserem Wortschatz, unserem Know-how, unserer Lebenserfahrung und alle Empathie, die wir aufbringen können. Weil sie zwar von „negativen“ Gefühlen überrollt werden (sie sind die Warnsignale für einen leer gewordenen Tank!), ihnen aber die Worte dafür fehlen.

DAS TEMPO DROSSELN

Statt „… bitte, jetzt stell dich doch nicht so an!“ könnte man auch sagen…

  • „Ich sehe, du möchtest jetzt viel lieber weiter Kappla bauen als zum Kindergarten gehen!“
  • „Ich sehe, du schläfst fast bei der Hausübung ein, brauchst du eine Pause und frische Luft?“
  • „Du bist ja furchtbar wütend, wo willst du denn das jetzt rauslassen? Hau‘ mal den Boxsack!“
  • „Deinen Frust spür ich richtig – was könntest du tun, damit es dir besser geht?“
  • „Du drehst dich weg und sprichst nicht mit mir – willst du jetzt allein sein oder soll ich still da bleiben?“

Wenn du versuchst, die emotionale IST-Situation des Kindes zu erfassen und in Worte zu kleiden, drosselst du sprichwörtlich das Tempo am Karussell, es beginnt langsamer zu werden und das Kind kann eventuell klarer sehen und sich spüren – und du dich ebenfalls. Das ist der wichtigste Schritt beim Umgang mit Bedürfnissen: richtig erkennen und benennen.

ICH! WILL! ABER! JETZT!

Und wenn’s dann nicht möglich ist, das Bedürfnis zu erfüllen? Es soll ja vorkommen, dass wir trotzdem JETZT zur Oma fahren wollen, dass JETZT kein Jogurt mehr da ist und dass JETZT die eine, geliebte Jacke nicht verfügbar ist, dass JETZT trotzdem Kooperationsbereitschaft verlangt ist und ein offenes Bedürfnis warten muss auf die Erfüllung. 

So ist das Leben. Es gibt keine Regel, wann ein Bedürfnis unbedingt erfüllt werden muss und wann es Aufschub erträgt.

Fix ist allerdings: je jünger das Kind (denk schnell an Neugeborene!) desto dringender und existenzbedrohender ist JEDES auftretende Bedürfnis und es ist unsere Aufgabe als Eltern, diese zu decken. Je älter Kinder werden, desto eher können sie auch mal mit Bedürfnisaufschub leben und ein Vertrösten ertragen. Und ein Satz stimmt für mich auch vollkommen: unerfüllte Bedürfnisse kehren wieder – erfüllte Bedürfnisse können gehen. (Mal abgesehen von den körperlichen und existenziellen Bedürfnissen.)

Daher zahlt es sich aus, nach alternativen Lösungen zu suchen. Die für die meisten Beteiligten gut gehen, dann nicht immer werden ALLE alle Bedürfnisse erfüllt bekommen. Aber wer mich kennt, der kennt auch diesen Satz: den MEISTEN soll es meistens gut gehen. Das wäre so ein grober Plan.

THANK GOD THERE’S a GLANDA

Ich bin selbst diese Woche schon zwei mal (in echt!!) Karussell gefahren. Und die Bedürfnisse dieser Woche quasi dauernd in Höchstgeschwindigkeit fast bis zum Punkt des Erbrechens (… ein Kind hat sich tatsächlich einmal des nächtens übergeben – was für ein Zeichen). 
Es kann schnell kippen von – ui, lustig, so viel Lebendigkeit und Spaß – hin zu „das wird jetzt zu viel und zu schnell und überhaupt“. 

Da bin ich wieder dankbar für das Geländer: eine sichere Umgebung, Menschen, die dich auffangen und aushalten und die Möglichkeit selbst zu reflektieren. Darüber, was wir sind und was wir sein könnten.

Nämlich Wesen mit gleichen Bedürfnissen,
gemeinsam unterwegs und miteinander verbunden und ausgestattet mit der
Fähigkeit auf uns selbst und andere zu schauen,
aneinander zu wachsen und voneinander zu lernen. 

Wie schnell dreht sich dein Karussell gerade? Stufe 0 ist Stillstand, Stufe 10 ist Höchsttempo: sag an, ich bin neugierig auf deine Antwort …