Glitzer über die „Lernlücken“

Glitzer über die „Lernlücken“

Ein Schuljahr, wie es noch niemand je erlebt hat. Morgen machen wir gemeinsam endlich einen Haken drunter. Die Kinder haben wieder viel gelernt – mehr als Schulnoten ausdrücken können und beschreiben. Ich freu mich immer, wenn sie dazulernen und sich entwickeln. Manches haben sie GOTT SEI DANK nicht gelernt, was heuer ungewollter Weise am „Lehrplan“ stand. Für dieses Nicht-Lernen will ich ihnen heut mal besondere Anerkennung zollen. 

JETZT UND HIER

Was war ich zuversichtlich, dass die Schulen das ganze Jahr offen bleiben. Echt! Als meist unverbesserliche Optimistin glaubte ich tatsächlich, die paar Monate Kerker im Frühling 2020 hätten gereicht, um zu zeigen, wie wichtig die Bildungsinstitutionen für uns als Gesellschaft sind. Doch weit gefehlt. Ich will gar nicht länger drüber nachdenken. Über das Gestern und das Morgen. Jetzt und hier möchte ich ein bisschen Glitzer über die Lernlücken der Kinder (und meine eigenen) streuen.

SIE HABEN TROTZDEM NICHT GELERNT …

Und zwar nicht über die, die schon länger öffentlich debattiert werden. Nicht über den Lehrstoff, der im einen oder anderen Fach nicht mehr in die Kinder hineingestopft werden konnte und als vermeintliche Bildungslücke der „verlorenen Generation“ (die sie nicht ist) in die Geschichtsbücher eingeht. Wer weiß, ob das tatsächlich irgendwann rückblickend so gesehen wird.

Ich will Glitzer über die Dinge streuen, die sie heuer teilweise über sich ergehen lassen mussten und TROTZDEM nicht gelernt – im Sinn von angenommen – haben.

… OHNE FREUNDE AUSZUKOMMEN

Kinder voneinander fern zu halten – aus welchen Gründen auch immer!! – ist ein abscheulicher Gedanke und das war schon immer so. Ja, man kann sich auch mal was einfangen, wenn man mit anderen Menschen (engen) Kontakt hat. Auch das war schon immer so. Ich freu mich aber sehr, dass unsere Kinder das nicht als Normalität akzeptiert haben und hoffentlich nie akzeptieren werden. Ich werd auch weiterhin mein Möglichstes tun, um sie in ihrer sozialen Entwicklung zu unterstützen, direkten menschlichen Kontakt fördern (auch entgegen Verordnungen) und mich (wieder) auflehnen, wenn jemand findet, dass allein im Kinderzimmer und ohne Freunde genau so gut gelernt werden kann wie in einer Gruppe.

… DIGITALEN KONTAKT BESSER FINDEN

Trotz der vielen Videokonferenzen und Online Arbeit haben sich meine Kinder (… der Apfel fällt wohl nicht weit vom Stamm) nie komplett mit dem alleinigen digitalen Kontakt abfinden können. Ja, es gibt definitiv Vorteile und Chancen für diese Formate, die wir auch in Zukunft nützen dürfen und werden. Doch wo immer es möglich ist, werden die Kinder reale und synchrone Kommunikation bevorzugen, weil selbst das beste High-Speed-Internet nicht alles überträgt und immer noch langsamer ist als das menschliche Gehirn, wenn wir uns direkt gegenüber stehen. Mich beruhigt die Tatsache, dass ihnen dieser Wert so wichtig und bewusst geworden ist. Und sie dadurch wohl nie den digitalen Kontakt besser finden werden.

… GANZ ALLEIN ZURECHT ZU KOMMEN

Zugegeben: das war manchmal schon mühsam. Oft hab ich mir gewünscht und gehofft, die mögen mich doch bitte den ganzen Vormittag um nichts bitten, fragen oder anjammern, weil ich wieder ununterbrochene Arbeitszeit genießen wollte. Doch sie haben es – manche mehr, manche weniger – nicht geschafft. Und ich bin froh darüber. Weil es mir zeigt, dass Beziehung für’s Lernen wichtig ist. Nicht nur wichtig, sondern die Voraussetzung, dass überhaupt was da oben rein geht. Dass sie so viel geschafft haben mit so reduziertem menschlichen Kontakt ist für mich eine beachtliche Leistung und ich hoffe, dass sie auch verinnerlicht haben: niemand „muss“ alles ganz allein schaffen. Wir sind soziale Wesen und dürfen um Hilfe und Unterstützung bitten. Und wir einander auch gerne helfen.

… KEINE LÜCKEN ZU AKZEPTIEREN

Ich weiß nicht, ob es eine Schülerin oder einen Schüler gibt, der in diesem Schuljahr alles immer vollständig und korrekt abgegeben hat. So wie die Anforderungen waren. Unsere Kids gehören definitiv nicht zu dieser Sorte und das find ich gut. Alles haben, alles schaffen und perfekt sein wollen wird uns ohnehin (auch in anderen Lebensbereichen) zu häufig schmackhaft gemacht. Da ist es super, wenn man schon in der Schule lernt, Abstriche machen zu können. Prioritäten zu setzen und zu erkennen: DAS schaffe ich nicht (mehr). Die Welt dreht sich trotzdem weiter. Diese Erkenntnis ist auch eine wichtige Erfahrung. Vielleicht mehr wert als alles immer perfekt abzugeben.

DIGITALE ZOMBIES, NEIN DANKE

So. Und bevor das zu sehr in Richtung: „in dieser Krise steckte so viel Gutes“ abdriftet, möchte ich betonen, dass ich dieses Schuljahr so richtig Sch%&@e fand. Man muss nicht krampfhaft nach dem Positiven suchen. Manche Dinge waren einfach schlecht und wir hatten keine Möglichkeiten sie zu ändern. Ich sehe kein großartiges Potenzial in vielen Dingen, mit denen wir im letzten Jahr konfrontiert waren und hoffe, dass wir nicht zu digitalen Zombies mutieren, weil wir uns nach und nach doch immer noch mehr daran gewöhnen und abstumpfen

WORAN ICH GLAUBE

Ich glaube an unsere menschliche Natur. Dass uns nichts und niemand unsere soziale Ader ganz abtrainieren können wird. Ich glaub daran, dass wir widerstandsfähig sind und für unsere eigene Gesundheit sehr viel mehr tun können. Dass wir immer mehr erkennen, dass Vielfalt unser Leben und Überleben garantieren wird und nicht einfältige Herangehensweisen und Lösungen. Und ich hab die Hoffnung, dass unsere Sehnsucht nach „einander“, der Zugehörigkeit zu einer (oder mehreren) sozialen Gruppen so stark ist, dass wir mit dieser Kraft des Kollektivs auch größere Herausforderungen der Zukunft meistern können. Wenn wir sie erkennen und nutzen. Und weiterhin nicht lernen, was unsere Kinder in diesem Schuljahr nicht gelernt haben. Und hoffentlich NIE lernen werden.

UND NUN: MAN STREUE DEN GLITZER, BITTE!

Worüber streust du Glitzer nach diesem Schuljahr?
Fällt dir noch was ein, worüber du froh bist, dass du oder die Kinder es NICHT gelernt haben!

Im Rückspiegel betrachtet.

Im Rückspiegel betrachtet.

Auch wenn es ein verschwommener Abschluss ist: mit dem Zeugnistag geht hier definitiv eine Ära zu Ende, nämlich die der Grundschulzeit unserer Kinder. Was ich in den letzten neun Jahren als Mutter von Volksschulkindern erlebt hab, was ich mir wünschen würde und war um ich noch immer nicht die Hoffnung komplett aufgegeben hab, kannst du heute hier am Blog lesen.
Vorsicht: kein häppi-peppi Text. Ich lade hier und heute einfach mal meinen Ballast ab.

WIE ALLES BEGANN WIE ALLES BEGANN

Voller Freude, Zuversicht und Optimismus starteten wir als Eltern gemeinsam mit dem ältesten Kind 2011 in den Schulalltag, der nun schon ein knappes Jahrzehnt lang mehr oder weniger den Takt für unser Familienleben vorgibt. Zunächst noch nicht so ganz, doch je mehr Kinder im Regelsystem waren, desto deutlicher. Ich möchte zu Beginn betonen, dass ich selbst – obwohl ich vorzeitig eingeschult wurde – meine Schulzeit durchwegs positiv in Erinnerung habe und überwiegend gern hingegangen bin. Nicht nur wegen der freundschaftlichen Kontakte, sondern auch weil mein Bildungsweg immer wieder mit guten oder herausragenden Pädagoginnen und Pädagogen gesegnet war.

Es mag sein, dass sich die Anforderungen an den Lehrberuf stark verändert haben – weil sich das Feld „Schule“ auch mit der Gesellschaft verändert hat. Und im Grunde stützt sich der Koloss Bildung immer noch auf die selben Säulen wie vor hundert Jahren (!!), es gelten verstaubte Lehrpläne und Methoden aus der Zeit Maria Theresias. Schülerinnen und Schülern wird systematisch die intrinsische Motivation abtrainiert um sie als Kollektiv leichter steuern zu können, von einer „am Kind orientierten“ Pädagogik konnte ich oft nur träumen und wo einzelne (!) Pädagoginnen ihre Ausbildung gewonnen haben, kann ich nur spekulieren.

WOHER DIESER FRUST KOMMT

Ich habe als Mutter so einiges erlebt. Obwohl ich von Anfang an aktiv war, mich mehrmals als Klassenelternvertretern in der Schulgemeinschaft engagiert hab, einige Jahre den Elternverein geleitet und gefördert hab, jedes Schulbuffet unterstützt und Ausflüge begleitet hab – kurzum: da war, ziehe ich heute eine eher bittere Bilanz.

Ich habe eine Lehrerin erlebt, die Kinder auf den Projekttagen in den Zimmern eingeschlossen hat um mit ihrer Begleitung am Balkon in Ruhe ins Tablet zu glotzen. Dieselbe hat einen Fall von Mobbing in der Klasse gelassen ignoriert, sodass ich als Mutter gemeinsam mit der Schulleiterin aktiv werden musste (ich danke der Direktorin heute noch für diese Erlaubnis) um die Integrität meines Kindes zu wahren. Erträge vom Schulbuffet, die ihr vertrauensvoll übergeben wurden, sind in dubiosen Abrechnungen versickert. Schülerinnen und Schüler wurden mehrmals frühzeitig aus dem Unterricht entlassen, ohne Eltern zu informieren. Manche standen in der sengenden Mittagshitze ohne Schlüssel vor versperrter Haustür. Kein Spaß. Es gab auch Disziplinarverfahren – doch das hindert das System nicht, diese Person weiterhin unterrichten zu lassen.

Ich habe Lehrerinnen erlebt, die Unterforderung und Langeweile des Kindes derartig fehlinterpretiert haben, dass die Jugendwohlfahrt eingeschaltet wurde, weil das Kind bemerkt: „Lieber sterbe ich, als diese langweiligen Rechnungen zu machen!“, die Meinungsverschiedenheiten mit den Eltern in schlechteren Beurteilungen des Kindes enden lassen, wieder andere, die sich bei Mobbing auf die Seite des Mobs schlagen und ein Kind in der Klasse vollkommen ausgrenzen, statt ordentlicher Konfliktbewältigung nach zu kommen. 

Und hier rede ich noch gar nicht davon, dass es schön wäre, weniger frontal zu unterrichten, Schule nicht nur als Leistungsort zu sehen oder von individueller Förderung von Talenten. Unfassbar, was uns als Gesellschaft und für die Zukunft hier entgeht.

LOVE IT – CHANGE IT – OR LEAVE IT

Wie viele Runden ich in diesem Dreieck in den letzten Jahren gedreht hab, kann ich gar nicht zählen. Zunächst angetrieben von meinem Weltverbesserinnen Elan und den ersten Gott sei Dank positiven Beziehungen und Erfahrungen mit äußerst engagierten Pädagogen bekam ich nach und nach das Gefühl, allein nichts an diesem Riesenkoloss verändern zu können. Nach Rückzug und Ausstieg kamen wieder Phasen des: „ich will das so nicht hinnehmen“ bis zu „ich habe eine Verantwortung gegenüber meinen Kindern“ und weitere Versuche, Gutes zu bewirken.

Oft hab ich erlebt, dass manche Lehrerinnen meiner Kinder fest in hierarchischen Denkmustern hingen und mir das Gefühl gaben: MICH kritisiert man nicht. Punkt. 

Die Überlegungen, aus dem Regelschulsystem komplett auszusteigen lag nahe, weil sich unsere Erwartungen mehr und mehr entfernten von dem, was in dieser Schule geboten wurde. Das scheiterte ganz praktisch an der Organisation, dem Willen der alternativen Schule, Kinder aus dem Regelsystem zu integrieren und an unseren finanziellen Möglichkeiten mit drei schulpflichtigen Kindern.

Also blieb uns nichts anderes als „LOVE IT“ – was in unserem Fall höchstens hieß: wir nehmen es an, wie es ist. Akzeptieren es, weil andere Möglichkeiten fehlten. Einziger beständiger Lichtblick in all den Jahren: der Religionsunterricht, der einfach menschlich, persönlich, herzlich und weltoffen war. 

LOVE IT

Was ich mir gewünscht hätte als Mutter? Nun, zunächst eine offene, unvoreingenommene und freundliche Begegnung (danke an die liebenswerten Pädagoginnen, mit denen das möglich war!), ein Austausch auf Augenhöhe rund um das Thema Bildung, das Abholen meiner Kinder auf ihrem Entwicklungs- und Bildungsstand und die Idee, dass Schule nicht nur in Büchern am Tisch stattfindet, sondern draußen, im Leben und mit echten Begegnungen. (Klar, kann man nicht ein Pferd mit in die Schule nehmen, wenn man über Haustiere lernt, doch über das „Ei“ ausschließlich mittels einem A4 kopierten Zettel zu sprechen, war mir doch zu wenig real. Wir haben das daheim, wie so oft, nachgeholt.)

Ich hätte mir gewünscht, dass das soziale Lernen in einer großen Gruppe kompetent, einfühlsam und friedlich gefördert wird, dass es eine höhere Sensibilität für Sprache gibt und die Kinder als Persönlichkeiten geschätzt und mit ihren Talenten gesehen werden, statt sie alle gleich zu machen, weil sie dann leichter als Gruppe zu steuern sind.

HOFFNUNG AUF LUST AM LERNEN

Der wichtigste und oberste Auftrag sollte jedoch sein: die Lust am Lernen zu erhalten und im besten Fall zu fördern. Das gelingt leider bei viel zu wenigen Kindern.
Stattdessen werden sie angepasst, gleichmütig und durchschnittlich – wie bequem für die Obrigkeit. Und doch wollen wir das nicht.
(Sonst würde es wohl kaum in den Mittelschulen EVA und SAM geben – eigenverantwortliches Arbeiten und Schüleraktivierung durch Methodenkompetenz) Maßnahmen – ja, woher denn bitte, haben Schülerinnen denn diese Abgestumpftheit? Aus dem Kindergarten sicher nicht!) 

Ich habe aber Hoffnung. 

  • Erstens, weil ich erlebe, dass Kinder widerstandsfähig sind und viel aushalten – oft mehr als wir Eltern. Für sie ist ja zunächst vieles „normal“, was sie dort erstmals erleben.
  • Zweitens, weil ich persönlich viele Pädagoginnen und Pädagogen kenne (mittlerweile auch in den weiterführenden Schulen unserer Kinder – dem Himmel sei Dank), die nicht nur engagiert sind, sondern sich für Kinder und Jugendliche begeistern, die für ihren Beruf brennen, die im Unterricht Leidenschaft und Begeisterung zeigen, die mit den Kindern Spaß haben und trotzdem das Lernniveau hoch halten können, die uns Eltern mit Respekt und Wertschätzung begegnen und den Kindern auch ab und zu Dinge mitgeben können, die tatsächlich für ihre Zukunft wertvoll sein könnten. (Die Schuld an den vielen, vielen nutzlosen oder veralteten Lehrinhalten trägt eindeutig der Gesetzgeber, der längst gefordert wäre, Lehrpläne zu entrümpeln).
  • Und drittens, weil es Eltern wie mich gibt: die nicht einfach hinnehmen, was da mit Kindern in den Schulen passiert und – ja – manchmal an ihnen angerichtet wird. Weil es welche gibt, die sich mit viel Kraft und Energie für Verbesserungen einsetzen und hohe Erwartungen und großes Vertrauen in die Schule haben, dass es besser werden kann. Es braucht diese Eltern, die voller Mut Veränderung anstreben und sich einbringen, die beständig daran arbeiten, alte Strukturen und Muster aufzubrechen und für ihre Kinder einstehen.

Wenn du also als Mutter oder Vater eines schulpflichtigen Kindes am Verzweifeln bist, lass dir sagen: du bist nicht allein. Viele finden, dass es großen Verbesserungsbedarf gibt und wir Eltern werden diese Verbesserungen und Veränderungen für eine interessantere, schulische Zukunft der Kinder mitgestalten dürfen. Hör gut auf dein Kind und sei seine Lobby, wenn etwas so gar nicht mehr passt – das ist wichtig!
 Und wenn du in der glücklichen Lage bist, eine tolle Lehrperson in der Klasse deines Kindes stehen zu haben: dann freu dich!

UND: sag das laut! Schreib der Lehrperson einen Brief, sprich ein Lob aus, drücke aus, dass du erkennst, welche wertvolle Arbeit sie oder er leistet!

Das ist nämlich das wirklich Traurige: dass durch einige, schwarze Schafe hier ein ganzer Berufsstand in einem schlechten Licht dasteht.

Mehr als in jedem anderen Beruf brauchen wir in den Klassen die besten, empathischsten und vielseitigsten Köpfe, die wir haben, damit sie unserer Zukunft – unseren  Kindern – das Rüstzeug für eine gelungene Ausbildung mitgeben können, ihre Stärken, Talente und Vorlieben fördern und sie nicht stumpf wie Fässer füllen, sondern ihr Feuer wie das einer Fackel entzünden! (Spruch geklaut)

Und das, ganz nebenbei, möge auch uns als Eltern gelingen. Denn glücklicherweise ist unsere Beziehung und deren Wirkung auf die Entwicklung der Kinder viel bedeutender als Lehrer*in/Schüler*in Verhältnisse.

Welche Erfahrungen hast du gemacht oder machst du in der Grundschulzeit? Ich würde mich freuen, wenn sich ein positiveres Bild in den Kommentaren zeichnet!

Alles wie IMMER, eigentlich. ?!

Alles wie IMMER, eigentlich. ?!

Wir leben in außergewöhnlichen Zeiten?
Noch nie war unser Leben so wie jetzt?
Die Krise ist einfach nur fürchterlich und soll möglichst schnell vorbeigehen? 
Ja und nein. Warum ich finde, dass in vielen Bereichen alles wie immer ist und wie uns das in eine positive Zukunft leiten kann, gibt’s hier und heute zu lesen.

Nun leben wir bereits seit einem Monat in einer so genannten Ausnahmesituation. Wir erleben Einschränkungen, die jeden und jede von uns im täglichen Leben in irgendeinem Bereich betreffen und unseren Alltag scheinbar komplett auf den Kopf stellen.
Nachdem ich mich selbst oft auf den Kopf stelle (Kopfstand oder andere Umkehrhaltungen…) ist’s passiert. Ich hab bemerkt, dass Vieles gar nicht so sehr anders ist, als vor vier Wochen. 

Zum Beispiel beim Thema….

… SCHULE:

Ja, die Schulen sind zugesperrt und der Unterricht wurde ins Wohnzimmer beordert, digitalisiert und an uns Familien ausgelagert, verbunden mit viel Druck.

Und doch ist es so, dass da vorher schon Druck war, und dass es meiner Beobachtung nach jetzt so ähnlich ist wie vorher. Die Lehrpersonen, denen die Schüler*innen am Herzen liegen, schaffen es auch jetzt, sie zu motivieren und die machen auch jetzt gute Arbeit. Die, die vorher schon mangelhaft waren, bringen auch jetzt keine empathische Zeile in einen Elternbrief oder einen Funken Verständnis für die Kinder auf (von uns Eltern gar nicht zu reden) und sorgen sich lediglich um die Abarbeitung von Lehrplänen, als wäre das WIE im Umgang miteinander irrelevant. Das System ist veraltet und braucht dringend Veränderung, Innovation und Pädagog*innen mit ganz viel Herz und Hirn, die meine Hoffnung für das System am Leben erhalten.

Also: Alles wie immer, eigentlich.

… MOBILITÄT:

Ja, die Reisefreiheit ist derzeit nicht gegeben und wir sollen unseren Aktionsradius möglichst klein halten – unnötige Fahrten vermeiden. Und ja, das ist auch traurig – denn vom „Welt anschauen“ bekommt man auch eine andere „Weltanschauung“, was wichtig ist für einen weiten Horizont.

Und doch ist es so, dass es vorher schon ungesund war, in welchem Ausmaß wir die Welt beflogen haben, für zweistündige Meetings vier Stunden im Flieger zu sitzen oder dass wir wegen jeder Kleinigkeit ins Auto einsteigen und CO2 in die Luft blasen. Es geht auch mit viel weniger, wie wir uns gerade selbst beweisen und das war auch schon vorher so.

Also: Alles wie immer, eigentlich.

… KONSUM:

Ja, die meisten Geschäfte sind zu, die großen Einkaufstempel leer und seit Wochen kaufen wir fast ausschließlich das, was wir tatsächlich zum Überleben in der westlichen Zivilisation brauchen und reduzieren uns somit drastisch.

Und doch ist es so, dass es vorher sowieso „too much“ war, dass wir sowieso reflektieren dürfen, was wirklich notwendig ist und vor allem: woher unsere Güter kommen. Dass Regionalität und vor allem Saisonalität bei Lebensmitteln wichtig sind, dass wir lokale Geschäfte dem Online Handel vorziehen sollten und dass wir auch mit viel, viel weniger überleben. (!) 

Also: Alles wie immer, eigentlich.

… GESUNDHEIT:

Ja, ein weitgehend unbekanntes Virus bedroht die Gesundheit vieler Menschen und gefährdet die ohnehin Geschwächten in einem zunehmend überlasteten Gesundheitssystem. 

Und doch ist es so, dass Gesundheit mehr ist, als die Abwesenheit von speziellen Krankheiten und Erregern. Gesundheit ist auch nicht nur körperlich, sondern umfasst den Menschen als Ganzes mit Körper, Geist und Seele. Und es war auch schon immer so, dass wir selbst Verantwortung für unsere Gesundheit übernehmen dürfen, auf uns selbst achten und bewusste Entscheidungen treffen sollten, anstatt die Macht darüber komplett und widerspruchslos in die Hand von Tabletten, Spritzen, Götter in Weiß oder Pharmakonzerne abzugeben. Gesundheit ist und war immer schon mehr als ein Wert, der sich in eine Tabelle einordnen lässt und vor allem: kostbar. Das wird uns halt derzeit wieder deutlich bewusst.

Also: Alles wie immer. Eigentlich.

… BEZIEHUNGEN:

Ja, wir dürfen derzeit viele unserer „Lieben“ nicht treffen, umarmen oder mit ihnen feiern. Digitale Kanäle werden genützt für virtuelle Stammtische, Mädelsabende, Yogaeinheiten oder Fitnesstrainings, Musikunterricht oder zum Singen als Chor – vor einigen Wochen teilweise noch unvorstellbar.

Und doch ist es so, dass es vorher schon diese Möglichkeiten gab und wir sie in vielen Bereichen nicht verwendet haben, weil eins jetzt so richtig klar wird: menschliche Begegnung, Echtzeit-Reaktion ohne Bildschirm dazwischen und körperliche Nähe können NIEMALS auf Dauer durch Videochats, Telefonanrufe oder Live-Streams ersetzt werden.

Kein Mädelsabend, kein Musikunterricht, kein Training und auch keine Yogastunde, mag sie auch noch so gut angeleitet sein. Wir merken gerade den haushohen Unterschied in der Qualität der Begegnung im echten Leben zur digitalen Version, auch wenn wir vielleicht froh sind, zumindest DAS momentan zu haben. 

Also: Alles wie immer. Eigentlich.

… VERSTAND:

Ja, irgendwie wird uns das Denken und Entscheidungen treffen scheinbar kollektiv abgenommen, weil uns verkündet wird, wie wir uns wo und wie lange zu verhalten haben, was uns erlaubt ist, und was nicht.

Und doch ist es so, dass es jetzt, genau so wie vorher, wichtig ist, seinen Verstand weiterhin zu benützen, genau hinzuschauen und mit zu denken. Steckt vielleicht mehr hinter dem, was wir auf dem Tablett und offensichtlich serviert bekommen? Welche Situationen werden hier gesellschaftlich oder politisch wofür verwendet? Wie verhalten wir Menschen uns als Masse? Welche Dinge werden in den Medien kommuniziert und welche eventuell vermieden? Wie läuft die Kommunikation ab und welche Wörter fallen (häufig)? Es ist und war immer schon gut, einen Blick hinter das Offensichtliche zu wagen, eine eigene Meinung zu bilden, menschlich und mit Hausverstand zu handeln und auch nicht in kritischen Situationen zum Objekt degradieren zu lassen, sondern Subjekt zu bleiben. Und den Verstand zu benützen, wenn vorhanden.

Also: Alles wie immer, eigentlich.

… FAMILIE:

Ja, für Familien ist das derzeit ein Ausnahmezustand. (Also: gerade nicht sooo sehr, sind ja Osterferien ;-). ) Gesellschaftliche Erwartungen werden an die Familien gestellt, sie sollen umsetzen, erfüllen, funktionieren.

Keiner fragt, ob und wie das gehen kann. Sie setzen uns in den Kelomat

Und doch ist es so, dass das ja vorher schon so war. Die Spielregeln wurden nur geändert.

Vorher hieß es: die Kinder müssen früh in Betreuung oder Schule, das ist gut und wichtig für sie.

Jetzt heißt es: macht das zuhause, aber bitte gut, denn: das ist wichtig für sie. Und wenn man es nicht „schafft“, ist es keine „Schande“, die Kinder tageweise auch zurück in die Betreuung zu bringen. (Überlegt euch mal die Wortwahl!! Wer fühlt sich gut, da die Kinder abzugeben, lieber Kommunikationsprofi??)

Jedenfalls mussten wir vorher schon umsetzen, erfüllen, funktionieren. Und vorher schon war es wichtig, den Raum „Familie“ zu schützen. Vor falschen und klischeehaften, idealisierten und unrealistischen Bildern, die da an uns herangetragen werden, vor überhöhten Vorstellungen von Außen, wie Erwerbsarbeit, Carearbeit und Haushalt unter einen Hut zu bringen sind. 
Familie, das wird uns gerade wieder sehr bewusst, ist ein kostbarer Raum. Der intensive Pflege und Auseinandersetzung braucht, wo Gefühle und Bedürfnisse gelebt, aufgefangen und bearbeitet werden.

Unsere Insel, unser Fels in der Brandung. Was vorher schwierig war, ist es jetzt eventuell noch mehr. Und was gut und bereichernd war, ist es jetzt definitiv auch. Zumindest hier.

FAMILIE ist ein schützenswerter Raum, ein sensibles Gefüge, das leicht ins Wanken kommen kann.

Ein System, das uns beeinflusst und trägt, und eigene Dynamiken entwickelt und hoffentlich die Sicherheit bietet, die wir brauchen und die unsere Kinder brauchen.

In ruhigen und in krisenhaften Zeiten.

Also: ALLES wie IMMER.